Nachruf auf Christa Wolf

Wenn die Ehrenpräsidentin des PEN stirbt, eine Autorin, die mit ihren Büchern Menschen bewegte, die in einer geteilten Welt Preise aus Ost und West erhielt und die in einem vereinigten Deutschland bewundert und angefeindet wurde, verschlägt es unsereinem die Sprache. Wie kann dieser Teil meines Lebens plötzlich tot sein?

Dann denkt man nach. Wo bist Du ihren Büchern begegnet, wo hast du sie persönlich getroffen, wo hat sie Dich im Innersten getroffen? Warst Du nicht gelegentlich auch weniger angetan von ihren Schriften, ihren Reden, ihrem Auftreten?

Meine Generation und meine Lands-Leute im engeren Sinne sind unter ihrem geteilten Himmel aufgewachsen, wir haben mit ihr über Christa T. nachgedacht, wir hatten im Kindheitsmuster zum ersten Mal begriffen, dass das Leben unserer Eltern nicht nur ein falsches Leben in einem abscheulichen System gewesen sein konnte. Manchem galt sie als Kassandra, für andere war sie kein Ort. Nirgends. Ihre Bücher waren auch Störfälle, die wir nicht immer mochten, ihre Stimmen enthielten eher wenig Humor, doch ein Tag in ihrem Leben war auch ein Tag in unserem Leben. Wir stritten uns mit Freunden, die sie viel zu rückhaltlos bewunderten – und wir verteidigten ihre Lebensleistung, als die neue gesamtdeutsch-westliche Sichtweise diese heftig in Frage stellte.

Christa Wolf hat ein gutes Dutzend renommierte Preise erhalten, von denen zwei ein Lebensprogramm umreißen: Nationalpreis der DDR. Georg-Büchner-Preis.

Auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 waren wir eins mit ihr.

Und wenn wir ehrlich sind, wissen wir, dass das „Wir“ auch in diesem Text immer nur ein „Ich“ sein kann. Dazu hat sie ermutigt: Sage ich, wenn Du ich meinst.

Was bleibt von dieser Frau? Heute bleibt Trauer. Später werde ich mich freundlich ihrer erinnern. Eine sprachmächtige Frau. Eine irrende Frau. Eine tapfere Frau. Eine Frau, deren Ehrenpräsidentschaft dem PEN gut tat.

Matthias Biskupek, Präsidiumsmitglied des PEN, Donnerstag, 1. Dezember, 2011