Aufruf zur Unterstützung von Pinar Selek english version version francaise

Die türkische Schriftstellerin und studierte Soziologin Pinar Selek, derzeit Stipendiatin im Writers-in-Exile-Programm des deutschen P.E.N.-Zentrums, setzt sich leidenschaftlich sowohl für die Interessen sozial benachteiligter Gruppen als auch für die Rechte ethnischer Minderheiten ein, etwa die der Kurden und der Armenier. Sie ist Autorin von Sachbüchern mit soziologischer Thematik, schreibt Kinderbücher und arbeitet zur Zeit an ihrem ersten Roman. Im Berliner Orlanda Verlag erschien kürzlich die deutsche Übersetzung ihres Buches Zum Mann gehätschelt - zum Mann gedrillt, eine soziologische Studie, die sich mit dem Einfluss des türkischen Militärs auf die Eigenwahrnehmung türkischer Männer befasst.

Ende der neunziger Jahre wurde Pinar Selek wegen angeblicher Propagandaarbeit für die PKK verhaftet, saß zweieinhalb Jahre in Untersuchungshaft und wurde schwer gefoltert. Erst im Gefängnis, Wochen nach ihrer Festnahme, konfrontierte man sie mit dem Vorwurf, im Auftrage der PKK einen Bombenanschlag auf den Istanbuler Gewürzbasar verübt zu haben. Das Verfahren zog sich über acht Jahre hin. Nachdem zahlreiche Gutachter bestätigt hatten, dass die Explosion auf dem Basar nicht auf eine Bombe, sondern auf eine defekte Gasflasche zurückzuführen war, und nachdem der Hauptzeuge der Anklage eingeräumt hatte, seine Pinar Selek belastenden Aussagen unter Folter gemacht zu haben, wurde sie 2006 freigesprochen. Anfang letzten Jahres ging der Fall jedoch wegen angeblicher Formfehler vor das unserem BGH vergleichbare Oberste Kassationsgericht. Dort wurde der Freispruch aufgehoben, obwohl der Oberstaatsanwalt desselben Gerichts dagegen Widerspruch einlegte. Dieser wurde abgewiesen. Im Februar dieses Jahres haben wir erfahren, dass das Oberste Kassationsgericht eine Wiederaufnahme des Verfahrens fordert, mit dem Ziel einer Verurteilung zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe unter verschärften Bedingungen.

Pinar Selek ist wegen ihres Engagements für die Bürgerrechte, aber auch und nicht zuletzt als Opfer eines eklatanten Willkürakts der türkischen Justiz, in ihrer Heimat zu einer Ikone der Demokratiebewegung geworden. Es ist unübersehbar, dass demokratiefeindliche Kräfte innerhalb der türkischen Justiz ihren Einfluss nutzen wollen, um eine mutige Autorin mundtot zu machen. Im Frühjahr wurde sie in der Türkei mit dem Duygu-Asena-Preis 2010 des türkischen P.E.N.-Zentrums ausgezeichnet, den sie leider nicht persönlich entgegennehmen konnte.

Pinar Selek braucht in diesen Tagen, da die Wiederaufnahme ihres Verfahrens unmittelbar bevorsteht, die Unterstützung der Öffentlichkeit nicht nur in der Türkei, sondern weltweit. Im Verlauf des ersten Prozesses haben sich Persönlichkeiten wie Orhan Pamuk, Yasar Kemal, Noam Chomsky und Claudia Roth für Pinar Selek eingesetzt. Die progressive türkische Presse nimmt sich der Angelegenheit verstärkt an. Eine Liste mit den Namen unzähliger Verbände und Organisationen im In- und Ausland findet sich auf der Website von Pinar Selek http://www.pinarselek.com, ebenso eine weitere Liste mit den Namen zahlreicher bekannter Personen.

Das deutsche P.E.N.-Zentrum hat Schriftsteller, Künstler, Politiker und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gebeten, Pinar Selek mit ihrem Namen zu unterstützen. Unterzeichnet haben den Aufruf des P.E.N-Zentrums Deutschland bis jetzt weit über 3.000 Menschen, darunter Fatih Akin, Elisabeth Badinter, John Banville, Judith Butler, Daniela Dahn, Dai Qing, Renan Demirkan, Ulrike Draesner, Wieland Förster, Heiner Geißler, Günter Grass, Gregor Gysi, Peter Härtling, Elfriede Jelinek, Reinhard Jirgl, Joachim Kaiser, Necla Kelek, Wolfgang Kohlhaase, Ursula Krechel, Norbert Lammert, Herta Müller, Martin Mosebach, Cem Özdemir, Claudia Roth, Rüdiger Safranski, Joachim Sartorius, Tilman Spengler, Klaus Staeck, Wolfgang Thierse, Hans-Ulrich Treichel, Martin Walser, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Christa Wolf und viele andere Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle sowie Angehörige allen Schichten der Gesellschaft aus 18 Ländern der Erde. Das deutsche P.E.N.-Zentrum fordert die sofortige Einstellung des Verfahrens gegen Pinar Selek.

Wenn auch Sie Pinar Selek mit Ihrem Namen unterstützen möchten, genügt eine E-Mail an
christaschuenke 'at' mac.com

Bislang haben sich 1.198 Personen dem Appell für Pinar Selek angeschlossen. Hier finden Sie die komplette Liste der Unterzeichner.

Presseerklärung von Tom Koenigs, Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe des deutschen Bundestages

Brief von Yasemin Öz, Vorstandsmitglied der Frauenkooperative Amargi in Istanbul

Links zum Thema:

http://www.pinarselek.com/public/page.aspx?id=21

http://www.pen.org.tr/tr/node/1389

http://www.turquieeuropeenne.eu/article4180.html

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2010/04/13/a0019&cHash=7ec99ddf93

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1160077/