Jahrestagung 2010 in Osnabrück

Bericht der Writers-in-Exile-Beauftragten Christa Schuenke

Seit elf Jahren besteht das Writers-in-Exile-Programm des deutschen P.E.N.-Zentrums, und noch in diesem Jahr werden wir den 27. Stipendiaten begrüßen können. Er heißt Eglo Cosmos Akoete Agbodji und kommt aus Togo, wo er bereits 1992 seiner literarischen Arbeiten wegen verhaftet wurde. Als wenig später sein Roman Du sang sur le miroir (Blut auf dem Spiegel) fertig war, durfte er in Togo nicht veröffentlicht werden. Erneut von Gefängnis bedroht, zog Akoete es vor, nach Ghana zu flüchten. Erst 2008 erschien Du sang sur le miroir schließlich in Frankreich. Seitdem erhält Akoete fortwährend Morddrohungen und kann sich auch in Ghana nicht mehr sicher fühlen, zumal ihm die Anerkennung als politischer Flüchtling verweigert wird. In Togo ist es um die Presse- und Meinungsfreiheit nach wie vor nicht gut bestellt, willkürliche Verhaftungen und Folter sind dort noch immer an der Tagesordnung. Eglo Cosmos Akoete Agbodji hat sich an uns gewandt und um Aufnahme in unser WiE-Programm gebeten. Wir freuen uns auf ihn und werden ihn in Berlin unterbringen.

Seit dem 1. Dezember 2009 ist die türkische Soziologin und Schriftstellerin Pinar Selek bei uns zu Gast, deren Name und die Hintergründe ihres Exils vielen von Ihnen bereits durch unsere Unterschriftensammlung bekannt sind und die Sie gestern Abend noch besser kennengelernt haben. Dem Appell des deutschen P.E.N.-Zentrums, Pinar Selek durch ihre Unterschrift zu unterstützen, sind bis heute weit über 1.000 Personen aus 15 Ländern der Erde gefolgt, darunter viele namhafte Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler und Politiker. Am 14. April dieses Jahres übergab Günter Grass bei einem Empfang in Istanbul dem türkischen Kulturminister Ertuðrul Günay unseren Appell und die ersten 479 Unterschriften. Unsere diesbezügliche Presseerklärung wurde in fast allen deutschen und türkischen Tageszeitungen und zahllosen Internet-Magazinen beider Länder verbreitet.

Bereits seit dem 1. September 2009 haben wir Zhou Qing bei uns, der aus China kommt, wo er nach dem Tiananmen-Massaker im Juni 1989 fast drei Jahre im Gefängnis saß und 2009 das Land verlassen musste, weil er als Journalist und Schriftsteller maßgeblich zur Aufdeckung des chinesischen Nahrungsmittelskandals beigetragen hatte. Dafür wurde er 2006 mit dem Lettre Ulysses Award im Genre „Kunst der Reportage“ geehrt. Zur Zeit arbeitet Zhou Qing an zwei Projekten. Zum einen beschäftigt er sich mit der Todesstrafe in China, zum anderen mit dem Problem der massenweisen Zwangsumsiedlung der Landbevölkerung in die Städte. Wir haben gestern viel über ihn erfahren, über seine Kollision mit dem chinesischen Machtapparat und vor allem über sein Schaffen.

Ganz besonders freuen wir uns, dass wir ab 2011 ein siebentes Stipendium vergeben dürfen. Dieser neu zu schaffende Stipendienplatz wird sich voraussichtlich in Nürnberg befinden, wo bereits seit dem Jahr 2000 politisch verfolgte Autoren durch ein eigenes Writers-in-Exile-Programm unterstützt werden.

Seit unserer letzten Jahrestagung hat der P.E.N. einiges an Aktivitäten vorzuweisen – nicht nur, aber auch im Bereich Writers in Exile. So haben Jan Wagner und ich im November im Georg Büchner Buchladen in Berlin Prenzlauer Berg gemeinsam mit unseren ehemaligen Stipendiaten Swetlana Alexijewitsch, Hamid Skif und Amir Valle die im letzten Jahr erschienene Anthologie „Ein Regen aus Kieseln wird fallen – Texte aus dem Exil“ vorgestellt. Auch in München konnten wir die Anthologie erfolgreich präsentieren. Dort mit tatkräftiger Unterstützung von Jürgen Heckel, der uns einen – richtig gut gefüllten – Raum in der Münchner Niederlassung der Friedrich-Ebert-Stiftung beschafft und im Vorfeld kräftig für diese von der Friedrich-Ebert-Stiftung und unserem Freundeskreis mitgetragene Veranstaltung die Trommel gerührt hat. Vorgestellt wurden bei dieser Gelegenheit unser Münchner Stipendiat Zhou Qing und die beiden Ex-Stipendiaten Hamid Skif und Sergej Solowkin. Einen ganz besonderen Beitrag zum Gelingen des Münchner Abends leistete übrigens Susanne Becker-Gonella, die Zhou Qing als Dolmetscherin zur Seite stand und uns auch gestern geholfen hat, mit unserem chinesischen Freund ins Gespräch zu kommen.

Sehr froh bin ich über unsere kleine Broschüre mit den Porträts sämtlicher Exil-Autoren der letzten zehn Jahre, die uns bei der Veranstaltung am 25. März in München, besonders aber bei Pinar Seleks Auftritt in der Berliner Niederlassung der Heinrich-Böll-Stiftung am 19. April buchstäblich aus den Händen gerissen wurde, zusammen mit unserem „Freundeskreis-Flyer“. Apropos Freundeskreis: Nach der Münchner Lesung durfte Jürgen Heckel ein neues Freundskreis-Mitglied begrüßen – wir freuen uns auch über kleine Erfolge.

Ich bin immer ein wenig ambivalent, wenn ich einem unserer Stipendiaten mitteilen kann, dass wir sein Stipendium um ein Jahr verlängert haben. Einerseits bedeutet das, die oder der Betreffende ist noch ein weiteres Jahr in Sicherheit, andererseits aber muss er oder sie noch ein Jahr länger in der Fremde leben und wird voraussichtlich nach Ablauf der Dreijahresfrist in Deutschland Asyl beantragen müssen. In dem einen Jahr, das vergangen ist, seit ich ins Amt der WiE-Beauftragten gewählt wurde, habe ich einen unserer Stipendiaten auf seinem Weg ins Asyl begleitet und mit einigen anderen über diese Möglichkeit gesprochen und mich davon überzeugen können, dass dieser Schritt wirklich niemandem leicht fällt. Alle würden viel lieber wieder zurückgehen in ihre Heimatländer, wo sie ihre Angehörigen und ihre Freunde haben, wo ihnen Sprache und Kultur vertraut sind. Niemand lebt gern für immer in der Fremde. Um ein Jahr verlängert haben wir die Stipendien von Alhierd Bacharevič aus Belarus und Itai Mushekwe aus Zimbabwe. Beide werden uns im nächsten Jahr verlassen müssen, und wir können davon ausgehen, dass Itai Mushekwe zu gegebener Zeit einen Asylantrag stellen wird.

Diese Entscheidung musste auch der Journalist Rohitha Bashana Abeywardane aus Sri Lanka treffen, der zum 31. August aus unserem Programm ausscheiden wird. Nach unseren betrüblichen Erfahrungen im Fall Amir Valle, dessen Asylantrag erst nach zehn Monaten bewilligt wurde, werden wir Stipendiaten, die Asyl beantragen müssen, künftig von vornherein den Rechtsanwalt Victor Pfaff an die Seite stellen, der ein Spezialist für Ausländer- und Asylrecht ist und uns schon mehrfach geholfen hat und der 1996 für sein diesbezügliches Engagement die Hermann-Kesten-Medaille erhielt.

Aus dem WiE-Programm ausgeschieden sind unsere beiden Berliner Stipendiaten Amir Valle (Ende Oktober 2009) und Swetlana Alexijewitsch (Ende März 2010). Zum 31. August läuft, wie gesagt, die Zeit für Rohitha Bashana Abeywardane aus Sri Lanka und seine Frau Sharmila ab. Von acht zur Auswahl stehenden Nachfolgekandidaten haben wir uns für einen tschetschenischen Drehbuchautor entschieden, der zur Zeit in Russland untergetaucht ist.

Ziel unseres WiE-Programms ist es, verfolgten Autoren aus aller Welt Schutz und Zuflucht zu gewähren. Dabei kooperieren wir mit anderen Institutionen, die ähnliche Anliegen haben wie wir. In Deutschland sind das z.B. die Heinrich-Böll-Stiftung oder die Hamburger Stiftung Für Politisch Verfolgte, zu denen wir seit Jahren gute Beziehungen pflegen. Viele Autoren, deren Aufnahme in unser Programm bereits feststand, bevor die ihnen zugedachte Wohnung frei war, konnten die Wartezeit als Stipendiaten der Böll-Stiftung überbrücken; andere, die zunächst für ein Jahr in Hamburg Aufnahme fanden, kamen danach zu uns. Es ist uns wichtig, diese Kooperation weiterhin aufrecht zu erhalten. Zugleich aber wollen wir auch die bereits bestehenden Kontakte zu internationalen Hilfsorganisationen für politisch verfolgte Autoren intensivieren. Deshalb werde ich Anfang Juni in Frankfurt an der Generalversammlung von ICORN teilnehmen. ICORN, das International Cities of Refuge Network, ist ein Verbund von derzeit weltweit 26 Städten, die verfolgten Autoren Zuflucht gewähren.

Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft. In Berlin im Wedding, am S-Bahnhof Gesundbrunnen, befindet sich die Gartenstadt Atlantic. Eigentümer dieser Ende der zwanziger Jahre von dem jüdischen Architekten Rudolf Fränkel gebauten Arbeiterwohn-siedlung war der Berliner Verleger und Kinopionier Karl Wolffsohn. Er wurde 1939 von den Nationalsozialisten enteignet und ging nach Palästina ins Exil. Sein Erbe, der Münchner Militärhistoriker Professor Michael Wolffsohn, ließ das 50 Häuser umfassende Karree restaurieren. Und dort, wo einst die Lichtburg stand, eines der ersten deutschen Großkinos, ließ er das Lichtburgforum erinnern, dessen Kinosaal mit seinen 99 Plätzen sich aber für Lesungen, Konzerte, Podiumsdiskussionen und dergleichen eignet.

Wie es der Zufall will, befinden sich unsere drei Berliner Stipendiatenwohnungen auf dem Gelände der Gartenstadt Atlantic. Was lag näher als ein Projekt Lichtburgforum und P.E.N., zum Beispiel eine Veranstaltungsreihe zur Vorstellung unserer jeweiligen WiE-Stipendiaten? Michael Wolffsohn, der Quasi-Hausherr des Lichtburgforums, der nach Wegen sucht, das Lichtburgforum wieder zu einem Brennpunkt im Berliner Kulturleben zu machen, ist sehr an einem gemeinsamen Projekt mit dem P.E.N. interessiert. Und so fand am 19. Mai die erste gemeinsame Veranstaltung von Lichtburgforum und P.E.N. statt. Unsere Stipendiatin Pinar Selek sprach über ihr jüngst auf Deutsch erschienenes Buch „Zum Mann gehätschelt – zum Mann gedrillt“, über ihre Gefährdung in der Türkei und ihr Leben im Exil. Das war der Probelauf für den Lichtburg-Salon des P.E.N., in dem wir ab September 2010 in loser Folge, zunächst etwa alle drei Monate, abwechselnd die in der Gartenstadt Atlantic lebenden Stipendiaten unseres WiE-Programms und Berliner P.E.N.-Mitglieder vorstellen wollen, die im näheren und weiteren Sinne mit dem Thema EXIL befasst sind.

Mit diesem optimistischen Ausblick in die Zukunft bin ich am Ende meiner kleinen Bilanz der WiE-Arbeit im zurückliegenden Jahr. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und den Mitarbeiterinnen unseres Büros, besonders Claudia C. Krauße und Kris Vera Hartmann, für ihr weit über die Anforderungen jedes normalen Arbeitsverhältnisses hinausgehendes Engagement – auch und gerade im Bereich der WiE-Arbeit.