Seit 1999 gibt es das Writers-in-Exile-Programm des P.E.N.-Zentrums Deutschland, das bislang 28 Schriftstellern und Journalisten Zuflucht auf Zeit hat bieten können.
Unsere Stipendiaten kommen auf Empfehlung des Internationalen PEN zu uns oder werden uns von anderen nationalen PEN-Zentren empfohlen, nicht selten mit Unterstützung anderer NGOs. Bisweilen schlägt auch einer unserer früheren Gäste einen neuen Stipendiaten vor, und auch Eigenbewerbungen prüfen wir und gehen, wenn sie überzeugend sind, gern darauf ein.
Seit einem Jahr ist der Drehbuchautor und Filmemacher Adam Guzuev aus Tschetschenien bei uns. Er lebt in einer der drei Wohnungen, die der P.E.N. in Berlin für das Programm gemietet hat, lernt fleißig Deutsch und hat in dieser Zeit mehrere Prosatexte verfasst. Ein Drehbuch aus seiner Feder wurde von Tamara Trampe ins Deutsche übersetzt und soll verfilmt werden. Empfohlen hat ihn uns seine Landsmännin Maynat Kurbanova, die 2004 nach Deutschland kam und als WiE-Stipendiatin auch zunächst in Berlin gelebt hat, danach das ebenfalls vom P.E.N. betreute Elsbeth-Wolffheim-Stipendium der Stadt Darmstadt erhielt und mittlerweile mit ihrer Tochter nach Wien übergesiedelt ist. Dort hat sie ein Stipendium der österreichischen IG Autorinnen und Autoren, schreibt kontinuierlich und wird häufig zu Lesungen und anderen Veranstaltungen eingeladen. Kürzlich erhielt sie den Exil-Preis in der Kategorie Politisches Essay, der ihr im November übergeben werden wird.
In unser neues Stipendiatendomizil nach Nürnberg kam im Januar dieses Jahres die iranische Schriftstellerin, Journalistin und literarische Übersetzerin Mansoureh Shojaee. Sie gehört zu den führenden Köpfen der feministischen Bewegung im Iran, ist eine enge Vertraute der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi und war genau wie diese in ihrer Heimat im Gefängnis. Auf Kaution aus der Haft entlassen, kam sie im Sommer 2010 – zunächst als Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung – nach Deutschland. Ihr zu Ehren und zur feierlichen Eröffnung dieses neuen Nürnberger Stipendienplatzes veranstaltete der P.E.N. am 24. Februar 2011 in Nürnberg eine Tagung mit dem Motto „Schriftsteller im Exil – Zuflucht auf Zeit“, die der Menschenrechtsanwalt Victor Pfaff, Hermann Kesten-Preisträger von 1996, mit einem Vortrag über rechtliche Aspekte des Asyls einleitete. Zwischen seinem Vortrag und einem ganz anderen von zwei Literaturwissenschaftlerinnen der Universität Nürnberg/Erlangen zum Thema „Fremde Heimat. Sprach- und Lebensformen im Exil“, stand, gleichsam als lebendige Komplementierung der Theorie, ein exzellenter literarischer Text von Maynat Kurbanova über die alltäglichen Sprach- und Lebensformen des Exils. Johano Strasser redete über unser Writers-in-Exile-Programm und Markus Löning, Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, zeigte sich tief bewegt vom Umgang der Stadt Nürnberg mit dem historischen Erbe einer finsteren Vergangenheit. Seine Rede, übrigens frei und spürbar von Herzen kommend, hat bei den Anwesenden einen überaus positiven Eindruck hinterlassen. Zum Abschluss dieser außerordentlich bereichernden Tagung bot unsere neue Stipendiatin Mansoureh Shojaee gemeinsam mit der Übersetzerin Parwin Abkai eine beeindruckende, zweisprachige Text-Bild-Präsentation dar.
Viel Mühe und nicht wenig Sorgen hat Pinar Selek uns gemacht. Sie wissen sicher aus den Medien, dass die beiden Freisprüche, die die 12. Kammer für schwere Straftaten des Landgerichts Istanbul bereits 2001 und 2006 gefällt hatte, am 9. Februar dieses Jahres vor demselben Gericht erneut bestätigt wurden – im Beisein von über 100 türkischen und internationalen Prozessbeobachtern, darunter zahlreiche Abgeordnete des Europa-Parlaments sowie mehrerer nationaler Parlamente, Mitglieder mehrerer P.E.N.-Zentren sowie diverser NGOs und anderer Gruppierungen und natürlich auch des deutschen P.E.N., der durch Günter Wallraff und mich vertreten war. Pinars Name und die Hintergründe ihres Exils sind Ihnen aus zahlreichen Presseberichten und sicher auch durch unsere Protestaktion bekannt, die von weit über 6.000 Menschen weltweit unterschrieben wurde, darunter zahlreiche namhafte Schriftsteller, Künstler, Politiker und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Das Verfahren, das am 28. September in die nächste Runde gehen sollte, wurde an diesem Termin wegen der fehlenden Aussage einer Mitangeklagten erneut vertagt und soll nun am 7. März 2012 stattfinden. Dann wird dieser Prozess beinahe 14 Jahre dauern. Pinar Selek ist seit Dezember 2009 als Writers-in-Exile-Stipendiatin in der Obhut des deutschen P.E.N. Sie hat die Absicht, noch in diesem Jahr ihr Doktorandenstudium in Frankreich abzuschließen.
Seit dem Sommer 2009 lebt der Schriftsteller und Journalist Zhou Qing aus China als Stipendiat unseres WiE-Programms in München. Auch er wird uns noch für ein weiteres Jahr erhalten bleiben, denn an eine Rückkehr in sein Heimatland ist nicht zu denken.
Den weitaus größten Verdruss bereitet uns im Augenblick der Fall unseres Stipendiaten Eglo Cosmos Akoete Agbodji aus Togo, der nach Verhaftung wegen eines kritischen Gedichts und weil sein Roman Du Sang sur le Miroir über das autokratische Regime in Togo und seine Opfer in seiner Heimat nicht erscheinen konnte, in Ghana untertauchte. Seit 2003 kämpft er dort um seine Anerkennung als politischer Flüchtling. Der internationale UNHCR und dessen Zweigstelle in Ghana haben ihm diese Anerkennung längst gewährt. Das nützt indes nicht viel, solange die ghanaische Flüchtlingsbehörde sich weigert, ihm den notwendigen Pass auszustellen, den er braucht, damit ihm die deutsche Botschaft ein gültiges Visum für die Einreise nach Deutschland ausstellen kann. Morddrohungen sind bei ihm an der Tagesordnung, doch seit sein Roman in Frankreich erschien, haben sie nicht nur an Frequenz, sondern auch an Schwere zugenommen. In dem zähen Verfahren um Pass und Visum, das sich nun schon seit März 2010 hinzieht, hat sich der P.E.N. an alle zuständigen Behörden gewandt und feststellen müssen, dass die Mühlen der diplomatischen Bürokratie nicht nur in Ghana, sondern auch hier bei uns unendlich langsam mahlen. Inzwischen gab es erneut massive Morddrohungen, nicht nur gegen Eglo Cosmos Akoete Agbodji selbst, sondern auch gegen Mitarbeiter seines französischen Verlages, der dem Druck nachgegeben, die Werbung für das Buch von seiner Website entfernt und dessen Vertrieb eingestellt hat. Wir hätten uns gewünscht, der Verleger hätte diesen Skandal stattdessen öffentlich gemacht.
Anfang September gab es einen kleinen Fortschritt, indem das Auswärtige Amt die Deutsche Botschaft in Accra angewiesen hat, sich bei der ghanaischen Flüchtlingsbehörde dafür einzusetzen, dass unser Stipendiat als Flüchtling anerkannt wird und seinen Pass bekommt. Wir halten eine Wohnung in Berlin für ihn frei, sein Stipendium wartet hier auf ihn, und wir werden nicht nachlassen in unserem Bemühen, ihn und seine Frau endlich aus Ghana herauszuholen.
Wenn wir einem unserer Stipendiaten mitteilen können, dass sein Stipendium um ein Jahr verlängert werden kann, tun wir dies stets mit gemischten Gefühlen. Einerseits heißt das für die betreffende Person ein Jahr mehr in Sicherheit, andererseits aber muss da jemand noch lange weiter fern der eigenen Sprache und Kultur, fern von Familie und Freunden leben und womöglich in absehbarer Zeit in Deutschland Asyl beantragen. Ein Schritt, der niemandem leicht fällt. Niemand lebt gern für immer in der Fremde. Um unseren Gästen den Weg ins Asyl so einfach wie möglich zu machen, unterstützen wir sie, indem wir ihnen den bekannten Menschenrechtsanwalt Victor Pfaff zur Seite geben. Dennoch müssen Verlängerungen sein. Zhou Qing hat seine dankbar angenommen, Pinar Selek hat sich noch nicht endgültig entschieden, ob sie unsere Einladung für ein weiteres Jahr annimmt oder lieber nach Frankreich umzieht wegen ihres Doktorats an der Universität Strasbourg, und Mansoureh Shojaee wird uns Anfang Oktober über ihre Pläne informieren.
Aus dem WiE-Programm ausgeschieden sind in diesem Jahr Alhierd Bacharevic aus Belarus, der in Hamburg bleiben möchte, sowie Itai Mushekwe aus Simbabwe, der nach erfolgreich abgeschlossenem Asylverfahren in Köln eine Wohnung gefunden hat und gern in Deutschland studieren möchte.
Auch das Elsbeth-Wolffheim-Stipendium der Stadt Darmstadt wird vom P.E.N. betreut. Hier ist seit Januar 2011 der Stipendiat Sanath Balasooriya mit seiner Frau Devika Wadigamangawa untergebracht. Der 1970 in Sri Lanka geborene Journalist, Redakteur und Lektor wurde in seiner Heimat verfolgt und mit Morddrohungen überzogen. 2009 floh er zunächst nach Südindien und wurde dann als Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte nach Deutschland eingeladen, wo er bis Dezember 2010 am Programm der Stiftung teilnahm.
Zu dieser Stiftung wie auch zur Heinrich-Böll-Stiftung unterhalten wir ausgezeichnete Beziehungen. Wenn es bei der Belegung unserer Stipendiatenwohnungen zu kurzfristigen Überschneidungen kommt, können Stipendiaten des WiE-Programms zwischenzeitlich in einer dieser beiden Stiftungen untergebracht werden, so wie es umgekehrt vorkommt, dass wir ehemalige Stipendiaten von dort in unser Programm aufnehmen. Grundsätzlich ist uns jedoch daran gelegen, dass unsere Stipendiaten nach Möglichkeit direkt aus ihren Heimatländern, in denen sie verfolgt sind, zu uns kommen.
Fortsetzen und intensivieren möchten wir im Interesse unserer Stipendiaten unsere gute informelle Zusammenarbeit mit ICORN, einem weltweiten Städteverbund, der verfolgten Autoren Zuflucht gewährt.
Selbstverständlich helfen wir unseren Stipendiaten nach Kräften bei der Abwicklung der Aus- und Einreiseformalitäten und bemühen uns darüber hinaus, ihnen den Aufenthalt in unserem Land so angenehm wie möglich zu gestalten und ihnen Bedingungen zu bieten, die es ihnen ermöglichen, ihre schriftstellerische Arbeit wieder aufzunehmen oder weiter zu verfolgen. Dazu gehört auch der Schutz ihrer nicht selten empfindlichen persönlichen Daten und die Zusammenarbeit mit dem Staatsschutz, falls die Gefahr von Übergriffen besteht. Das schließt, wenn nötig, Personenschutz und Maßnahmen zur Wohnungssicherung ein.
Im Juli dieses Jahres galt es, kurzfristig einem jungen Autor aus Bahrain zu helfen, der mehr oder minder aus Versehen in ein Auffanglager in Trier geraten war. Dank unseres internen Netzwerks ist es in kürzester Zeit gelungen, Ali al-Jallawi in Weimar unterzubringen, wo er jetzt bis März 2012 das Friedl-Dicker-Stipendium innehat. Al-Jallawi möchte in Deutschland Asyl beantragen, um seine Frau und seinen zehnjährigen Sohn nachholen zu können, und wird in diesem Verfahren von RA Victor Pfaff begleitet. Die Anwaltskosten übernimmt der P.E.N. aus Mitteln seines Writers-in-Prison-Etats. Ali al-Jallawi wird während der Buchmesse in der arabischen Stunde am Stand des P.E.N.-Zentrums Deutschland auftreten.
Um unsere Exilautoren nicht nur zu schützen, sondern ihnen auch den Übergang in ein selbständiges Leben im Asyl zu ebnen – und die meisten von ihnen werden eben leider für lange Zeit, vielleicht sogar für immer, als politische Flüchtlinge bei uns bleiben müssen –, suchen wir stets nach Möglichkeiten, wie wir sie nicht nur schützen, sondern sie auch in ihrem Schreiben fördern und ihnen die Integration in der aufgezwungenen neuen Wahlheimat erleichtern können. Auf diesem Gebiet könnte sicherlich noch mehr getan werden. Wir denken jedoch, dass wir mit der Veröffentlichung von Anthologien, in denen wir ins Deutsche übersetzte Arbeiten unserer Stipendiaten zusammentragen und die wir in Abständen veröffentlichen, sowie mit Lesungen und Veranstaltungen, teils an den Wohnorten der Autoren, teils an zentralen Orten, prinzipiell auf dem richtigen Weg sind. Zunehmend fördern wollen wir den Kontakt zwischen Autoren und Übersetzern, denn gerade für diejenigen unserer Stipendiaten, die sich entschließen, bei uns zu bleiben, ist es wichtig, dass sie sich mit der Zeit auch der deutschen Leserschaft verständlich machen können. Auch bei der Suche nach deutschen Verlagen unterstützen wir unsere Stipendiaten nach Kräften.
In diesem Zusammenhang darf der SALON EXIL nicht ungenannt bleiben, eine Veranstaltungsreihe im Berliner Lichtburgforum im Stadtteil Gesundbrunnen, die im Mai 2010 eröffnet wurde und in loser Folge etwa alle zwei Monate stattfindet. Alle Informationen dazu finden Sie unter www.salon-exil.de, so wie sie weitere Informationen zum Writers-in-Exile-Programm des P.E.N.-Zentrums Deutschland auf unserer Website www.pen-deutschland.de finden können.
Im März dieses Jahres verstarb nach schwerer Krankheit Hamid Skif, der allererste Stipendiat unseres Programms. Wir haben ihn und seine Frau in den schweren Wochen, die seinem Ableben vorausgingen, nach Kräften unterstützt, auch finanziell, bleiben mit seiner Witwe und dem kleinen Sohn in Kontakt und halten sein Andenken in Ehren.
Bleibt noch, einen Dank an die Adresse der Bundesregierung abzustatten, die trotz allseits greifender Sparzwänge die Mittel für das Writers-in-Exile-Programm auch weiterhin gesichert hat.
Christa Schuenke
Vizepräsidentin
Writers in Exile-Beauftragte
P.E.N.-Zentrum Deutschland