Dieser Bericht handelt nicht von uns, aber er betrifft uns. Es mag unziemlich erscheinen, ein Wort in den Angelegenheiten dieses Ressorts voranzuschicken – erst recht von einem, den Sie mit dem Amt betrauten, obwohl er diesem Kreis nicht viele Jahre angehörte. Ich will nicht etwa Klage führen über einen möglichen Mangel an Resonanz. Doch möchte ich Ihnen einige aus kurzer Erfahrung gesammelte Überlegungen nicht vorenthalten, weil sie den Kern unseres Zusammenseins berühren. Anmerkungen, die in wenig ermutigenden Zeiten als Ermutigung dienen sollen.
Durch Vermittlung unseres Freundeskreismitglieds Claudia Eisenring haben wir 2009 von der Isabel und Dr. Friedrich Vogel Stiftung für unsere Writers-in-Prison-Arbeit 15.000 € erhalten, weitere 5.000 € von der Stiftung Felsengrund. Ich danke Frau Eisenring ganz herzlich für Engagement und die positiven Signale auch für dieses Jahr.
Nach einem Seminar über verfolgte Schriftsteller, zu dem Sascha Feuchert im Winter 2008 an der Universität Giessen geladen hatte, fand sich eine Gruppe von Studenten zusammen und beschloss praktische Hilfe zu leisten. Mit Unterstützung des P.E.N. veranstalteten sie im letzten Jahr zum Tag des Writers in Prison eine Buchbasar und einen Vortragsabend. Sie waren findig und recherchierten einen Weg, um den nicht unbeträchtlichen Erlös dieses Tages an die Familie eines gefangenen Schriftstellers in Kuba weiterzuleiten. Auch wer nicht unmittelbar mit den Lebensverhältnissen in Kuba vertraut ist, mag vielleicht ermessen, welchen Beistand diese Studenten leisteten. Auch wenn Heinz Ludwig Arnold im jüngsten Rundbrief des Generalsekretärs der gebotene Dank ausgesprochen wurde, so sei ihm doch auch an dieser Stelle Respekt gezollt. Er bescherte Göttingen einen wunderbaren Abend der Literatur und Musik und erlöste für das Writers-in-Prison-Programm 12.100 €. Mit der Erwähnung solcher ganz unterschiedlich gearteten Glanzlichter sei nicht das Wirken jener Mitglieder des deutschen P.E.N. geschmälert, die nach ihren Möglichkeiten sich dem Schicksal verfolgter Schriftsteller zuwenden. Im Gegenteil - verstehen Sie die Beispiele bitte als Bestärkung. Es ist möglich, den verfolgten Autorinnen und Autoren beizustehen – auch in finsteren Zeiten.
Ich hatte im elektronischen Rundbrief im Januar die in Berlin lebenden Mitglieder zu einem Treffen eingeladen. Jene, die außerhalb Berlins leben, waren gebeten sich schriftlich mit mir in Verbindung zu setzen, damit wir gemeinsam Wege suchen, um die Arbeit für das Writers-in-Prison-Programm intensivieren zu können. Bei dem Treffen, für das ich in dem traditionsreichen Etablissement „Zur letzten Instanz“ den richtigen Ort meinte gefunden zu haben, war das Echo nicht wirklich überwältigend. Nicht aus Enttäuschung, sondern zur Erheiterung will ich davon berichten. Nur Christoph Links, auch diesen Namen will ich nicht vorenthalten, gesellte sich zu mir, weil er, wie er sagte, mit einem eher bescheidenen Echo gerechnet habe und es an Solidarität gerade in der Stunde des Scheiterns nicht missen lassen wolle. Immerhin - einige Mitglieder von außerhalb meldeten sich schriftlich. Und es sei ihnen gedankt.
Es war ein Versuch, zur Mitarbeit einzuladen, nicht geschuldet meiner Einfalt sondern der gewachsenen Erkenntnis, dass wir nur wirksam sein können, wenn wir uns einbringen. Ihr Writers-in-Prison-Beauftragter mag an Botschafter und Präsidenten Protestbriefe schreiben, Einspruch erheben gegen Willkür, Unrecht und Menschenverachtung. Er kann Kontakte zum Auswärtigen Amt pflegen. Die Regime, mit denen wir es heute zu tun haben, bekennen freimütig, wie wenig sie irgendein Einspruch beeindruckt. Immerhin, er kann Anlass zu Ärgernis sein, weil er das öffentliche Ansehen trübt, wenn der Protest seinen Weg in die Presse findet. Am Verhalten ändert das wenig. Mit dieser Einsicht soll dem Protest keineswegs der Sinn abgesprochen werden. Denn die Alternative wäre Schweigen, das einem Verbrechen gleich käme. Aber es gibt noch andere Wege, die zu beschreiten ich Sie ermuntern möchte, bei denen wir – in Ermangelung einer opulent ausgestatteten Geschäftsstelle – auf Eigeninitiative verwiesen sind.
Wir können den engeren Kontakt suchen zum einzelnen Schriftsteller oder seiner Familie. Wir können uns kundig machen, ob es eine Möglichkeit gibt, Hilfe und Unterstützung zu leisten. Das Beispiel der Studenten zeigt, dass im konkreten Fall mehr geboten werden kann als Worte der Sympathie und des Mitgefühls. Die Voraussetzung dazu ist genauere Kenntnis der Fälle. Zu dieser Ermittlung von Fakten, bei der wir – wie die Erfahrung lehrt – auch beim Internationalen P.E.N. in London Unterstützung finden, möchte ich Sie einladen. Die Frage, woher wir die Mittel nehmen, mit denen wir Not lindern können, macht mich nicht besorgt. Beunruhigend ist dagegen die Befürchtung, dass wir von Notlagen nicht wissen oder sie nur erahnen und wegen mangelnder Detailinformationen untätig bleiben. Den Schwerpunkt der Arbeit in den vergangenen zwölf Monaten bestimmte der Lauf der Ereignisse. Mit brutaler Gewalt hatten die Machthaber im Iran im Sommer 2009 den Protest gegen die Fälschung der Präsidentenwahlen niederknüppeln lassen. Mehr als fünfzig Demonstranten kamen zu Tode. Das deutsche P.E.N.-Zentrum war im Juli vergangenen Jahres neben „amnesty international“ und „Reporter ohne Grenzen“ Mitveranstalter einer Demonstration am Potsdamer Platz in Berlin, die sich gegen die Unterdrückung der Oppositionsbewegung im Iran richtete. Auf der Kundgebung sprach Peter Schneider für den deutschen P.E.N.
Um den Blick über die traurigen Schlagzeilen hinaus auf die Rolle der Literatur im Iran zu lenken, veranstalteten wir im November aus Anlass des Writers-in-Prison-Tages eine Lesung iranischer Literatur aus den letzten fünfzig Jahren. Der Abend fand statt in dankenswerter Zusammenarbeit mit den Berliner Festspielen und dem internationalen literaturfestival berlin. Unter dem Titel „Poesie ist Befreiung“ - nach einem Gedicht von Ahmad Schamlu - führte unser Mitglied SAID durch einen ungewöhnlich intensiven, anrührenden und anregenden Abend, an dem iranischen Schriftsteller und Dichter als Chronisten der Unterdrückung und menschlichen Leids zu Wort kamen. Die Stimme gaben ihnen ganz solidarisch Corinna Harfouch, Jutta Hoffmann, Jutta Lampe und B.K. Tragelehn. Unbedingt wert der Erwähnung ist in diesem Zusammenhang auch die unermüdliche Mitarbeit unseres ehemaligen Writers-in-Exile-Stipendiaten Khalil Rostamkhani. Der Iran wird weiter an der Spitze unserer Agenda stehen. Zur Wende des Jahres 2010 befanden sich immer noch rund fünfzig Schriftsteller und Journalisten im Gefängnis.
Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit bleibt China. Die Welt wurde Zeuge, als mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele in Peking 2008 eine Besserung der beklagenswerten Menschenrechtssituation in China versprochen wurde. Die Welt ließ sich täuschen. 2008 und im ersten Halbjahr 2009 wurden zwölf weitere Schriftsteller und Journalisten zu Gefängnis und Arbeitslager verurteilt, die nach Kenntnis des Internationalen P.E.N. ihrer Arbeit wegen verhaftet worden waren. Zwar wurden im Jahr 2009 fünf verfolgte Autoren aus dem Gefängnis entlassen, an der Gesamtzahl von rund fünfzig verurteilten oder in Untersuchungshaft befindlichen Schriftstellern ändert das nichts, weil die Behörden ihre Strategie der Unterdrückung fortsetzten und die Welle der Verhaftungen keineswegs beendeten. Für besondere Empörung sorgte der Fall von Liu Xiaobo, dem ehemaligen Präsidenten des Independent Chinese P.E.N. Nachdem er ein Jahr an einem unbekannten Ort in Gewahrsam gehalten wurde, verurteilte ihn im Dezember 2009 ein Gericht zu einer elfjährigen Gefängnisstrafe. Anlass der Verfolgung ist die Rolle von Liu Xiaobo bei der Veröffentlichung der Charta 08, ein Dokument, das politische Reformen und die Einhaltung der Menschenrechte in China fordert. Weitere Verhaftungen wurden in China vorgenommen. Gleichzeitig dringen Nachrichten über Haftbedingungen aus den Gefängnissen, die für die Gesundheit der Inhaftierten fürchten lassen muss.
Nachrichten wie diese bildeten den Hintergrund für die Rolle Chinas als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Sie bot mannigfache Gelegenheit auf einer Pressekonferenz und auf Diskussionsveranstaltungen das Bild von einem auf Harmonie bedachten China zu korrigieren, das die offizielle Delegation aus der Volksrepublik zu entwerfen trachtete. Als besonders wirkungsvoll erwies sich die tägliche Gestaltung einer „Chinesischen Stunde“ am Messestand des P.E.N. unter Führung von Shi Ming, in der in Zusammenarbeit mit dem Independent Chinese P.E.N. das Podium für eine Gegenöffentlichkeit geschaffen wurde. Selbst aus Peking war zu hören, dass die Aktionen einen Eindruck hinterließen. Eine Wende in der Politik allerdings zeichnet sich nicht ab. Im Gegenteil.
Wenig Anlass zur Hoffnung bieten eine Reihe von Staaten, die nach dem Zerfall der Sowjetunion den Weg der Transformation zu einer demokratischen Gesellschaft antraten. In der zentralasiatischen Region erwuchsen post-kommunistische Despotien, deren undemokratisches Gebaren von den westlichen Staaten meist kritiklos gebilligt wird, weil sie über Bodenschätze verfügen oder von strategischer Bedeutung sind. Die Erbarmungslosigkeit, mit der Oppositionelle verfolgt werden, steht den vorangegangen kommunistischen Zeiten in nichts nach. Russland hat in der Zeit Präsident Putins ein eigenes Geschick entwickelt, undemokratische Strukturen zu festigen. Der gegenwärtige Präsident Medwedjew verspricht Besserung. Allein, praktische Folgen blieben bislang aus. Keiner der spektakulären Mordfälle, im vergangenen Sommer als letztes tragisches Opfer Natalja Estimirowa, Menschenrechtlerin und Mitarbeiterin der „Nowaja Gaseta“, wurde bislang aufgeklärt. Killerkommandos, nach Ermittlungen in Wien aus dem Kaukasus entsandt, dringen bis nach West-Europa vor und setzen hierher geflüchtete Tschetschenen in Schrecken.
Besondere Besorgnis erregt die Situation in Lateinamerika. In Guatemala und Mexiko machen Mordkommandos regelrecht Jagd auf Journalisten. Die jeweiligen Regierungen sind entweder nicht fähig oder nicht willens, dem fürchterlichen Treiben Einhalt zu gebieten. Alarmierend auf eine ganz andere Weise sind die Verhältnisse in Kuba. Aufsehen erregte im Februar der Tod des politischen Häftlings Orlando Zapata, der an den Folgen eines Hungerstreiks starb, mit dem er gegen die Haftbedingungen in kubanischen Gefängnissen protestierte. Noch immer sind zweiundzwanzig der Schriftsteller und Journalisten im Gefängnis, die im Jahr 2003 Opfer einer Verfolgungswelle wurden. Die Urteile lauteten damals auf bis zu siebenundzwanzig Jahre Gefängnisstrafe. Nichts deutet auf eine Abkehr von der Verfolgung oppositioneller Autorinnen und Autorinnen hin, obwohl die kubanische Regierung sich vor zwei Jahren mit der Unterzeichnung einer Reihe von Konventionen zur Einhaltung der Menschenrechte sowie zu besseren Haftbedingungen verpflichtet hat. Die Verhältnisse stellen eine besondere Herausforderung für uns dar, durch Beistand auch die Not der Angehörigen zu lindern.
Die Statistik der Verfolgung, die der Internationale P.E.N. halb-jährlich veröffentlicht, gibt keinen Hinweis auf eine Wende zum Besseren. Dabei kann sie, was in der Natur der Sache liegt, noch nicht einmal einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben:
ermordet |
35 |
verschwunden |
6 |
im Gefängnis |
267 |
juristisch unklar |
5 |
laufendes Verfahren |
197 |
in Haft ohne Urteil |
45 |
versteckt |
2 |
kurze Haft |
88 |
|
57 |
andere Bedrohung |
98 |
Angriffe |
94 |
Entführungen |
4 |
|
900 |
entlassen |
52 |
Von der Liste der 12 Ehrenmitglieder des deutschen P.E.N. gilt ein Mitglied als aus dem Gefängnis entlassen. Alle anderen sind weiterhin im Gefängnis oder stehen unter scharfer Kontrolle der jeweiligen Behörden und bekommen nicht einmal die Genehmigung, zu medizinischer Behandlung das Land zu verlassen.
Der Beauftragte für das Programm Writers-in-Prison legt im Tagungsbüro eine Liste mit Fällen aus. Diese Liste wird auch auf die Website des P.E.N. gestellt werden. Er bittet die Mitglieder, sich in Absprache mit dem Beauftragen eines Falles anzunehmen. Schwerpunkt unserer Aktion sollen China, Kuba und die Staaten der früheren Sowjetunion sein. Als Ziel streben wir an, den Kontakt zum verfolgten Autor unter Einbeziehung der Familie zu intensivieren, um neben Trost auch praktischen Beistand anbieten zu können.