Swetlana Alexijewitsch, geboren 1948 in der ukrainischen Stadt Iwano-Frankowsk, ist in Weißrussland aufgewachsen. Nach dem Studium der Journalistik an der Universität Minsk hat sie als Journalistin und Lehrerin gearbeitet. Ihre Bücher – "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht", "Die letzten Zeugen", "Zinkjungen", "Im Banne des Todes" und "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" – wurden in 28 Sprachen übersetzt und liegen einem Dutzend Theaterstücken zugrunde; nach ihren Drehbüchern wurden mehr als zwanzig Dokumentarfilme realisiert. Zahlreiche Preise, u.a. Erich-Maria Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück, 2001; Robert Geisendörfer-Hörspielpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, Berlin, 2000; "Temoin du Monde", Paris 1999; Preis "Für das beste politische Buch des Jahres" der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bremen, 1998; Andrej Sinjavskij-Preis, Moskau 1997; Kurt Tucholsky-Preis des Schwedischen PEN, Stockholm 1996; National Book Critics Circle nonfiction award, USA, 2006.
Swetlana Alexijewitsch hat eine ganz eigene literarische Sachbuchgattung entwickelt – den "Roman in Stimmen" –, die sie von Buch zu Buch weiterentwickelt und ästhetisch vertieft hat: eine auf vielen hunderten Interviews basierende dokumentarische Prosa, in der sich die originalen Stimmen der Befragten in künstlerischer Verdichtung zu einem Seelenpanorama zusammenfügen. "Ich sehe die Welt gleichsam in Stimmen, in Farben. Von Buch zu Buch verändere ich mich, die Themen verändern sich, obwohl das eine Linie ist, die Linie der Geschichte dieser Menschen, die ich kenne. ... Aus tausenden Stimmen erschaffe ich nicht Realität (die Realität ist unbegreiflich), sondern ein Bild meiner Zeit, meines Landes. ... Alles schließt sich zu einer kleinen Enzyklopädie zusammen, der Enzyklopädie meiner Generation, der Menschen, die ich getroffen habe. Wie haben wie gelebt? Woran haben sie geglaubt? Wie sind sie umgekommen, und wie haben sie getötet? Und wie sehr haben sie nach dem Glück gestrebt und es verpasst, nicht erreicht?" Alexijewitschs fünf große Prosabände stellen eine beeindruckende Mentalitätsgeschichte – nicht nur der Sowjetunion – dar. Von Buch zu Buch stellt sich radikaler die Frage nicht mehr nur nach Sinn und Unsinn politischer Ideologien, sondern nach dem Wesen des Menschen.
1992 bis 1996 stand Alexijewitsch wegen ihres Buches "Zinkjungen" wegen "Verleumdung" und "Besudelung der Soldatenehre" mehrmals vor Gericht, und die konservativen politischen Kräfte in Weißrussland instrumentierten die Prozesse gegen sie schamlos (Der Titel ihres Buches leitet sich von den Tausenden in Zinksärgen nach Russland zurückgekehrten Soldaten her, die im afghanischen Feldzug 1979 bis 1985 umgekommen waren. In ihrer kunstvoll komponierten Collage hat Alexijewitsch die Erzählungen von mehr als hundert Soldaten und Offizieren sowie deren Frauen, Mütter und Witwen verarbeitet. Das Resultat ist eine radikale Abrechung mit den ideologischen Lügen über diesen Krieg.). Ihr Buch wurde in Weißrussland vom Markt genommen und ihr gleichnamiges Theaterstück verboten.
Wegen ihres Buches "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" (über das Schicksal der rund eine Million Frauen, die im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gekämpft haben, nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg aber im Gegensatz zu den Männern keineswegs als Heldinnen galten, sondern oft mit Misstrauen, ja Verachtung gestraft wurden) wurde sie ebenfalls angeklagt, die Ehre des Großen Vaterländischen Krieges beschmutzt zu haben. In der Folge verlor sie ihre Stellung bei der Zeitschrift "Neman".
Seit 1994, dem Jahr, in dem Präsident Lukaschenko an die Macht kam, sind ihre Bücher in Weißrussland nicht mehr erschienen, dennoch wurde sie in der Presse mit Beschimpfungen überhäuft. Nachdem bekannt geworden war, dass Alexijewitsch 2002 zu den Kandidatinnen für den Literatur-Nobelpreis zählte, behauptete Lukaschenko öffentlich, sie sei (wie auch Wassili Bykow) eine CIA-Agentin, die dafür bezahlt werde, ihre Heimat zu "verkaufen".
In den letzten drei Jahren sind in Weißrussland rund dreihundert oppositionelle Zeitschriften und Zeitungen geschlossen worden; viele oppositionelle Schriftsteller sitzen bereits im Gefängnis, und häufig verschwinden unabhängige Politiker und Journalisten spurlos. Im März 2007 erließ der Chef-Ideologe der weißrussischen Präsidentialverwaltung einen Erlass, nach dem regimekritischen Autoren kein Ausreise-Visum mehr gewährt wird und ihre Bücher aus den öffentlichen und Schul-Bibliotheken verbannt werden.
Nach Aufenthalten in Frankreich, Italien und Schweden ist sie seit 2008 Stipendiatin des Writers-in-Exile-Programms des deutschen P.E.N.-Zentrums. Nach Minsk, in ihre weißrussische Heimat, kann sie derzeit nicht zurückkehren. Die politische Lage dort hat sich in letzter Zeit noch verschärft. Präsident Lukaschenko, der Alexijewitsch häufig öffentlich in seinen Reden angegriffen hat und u.a. als "Faschistin" bezeichnet, wird noch mindestens drei weitere Jahre im Amt bleiben.
Swetlana Alexijewitsch ist aus dem Programm ausgeschieden.