Am 31. Dezember 1998 brennen Rebellen das Wohnhaus der Familie Anthony in
Waterloo/Sierra Leone nieder. Von diesem Tag an sind die Journalistin Claudia
Anthony, ihre zwei Kinder und ihre Mutter Heimatvertriebene im eigenen Land.
Claudia Anthony verläßt Sierra Leone im Frühjahr 2000. Wo
ihre Familie sich im Moment aufhält, weiß sie nicht genau.
Während Claudias Studium an der Universität Kiev setzt im März 1991 ein grausamer Bürgerkrieg in ihrem Heimatland ein, der bis heute anhält. Rebellen des ehemaligen Armee-Korporals und mittlerweile inhaftierten Foday Sankoh beginnen den Aufstand gegen das angeblich korrupte Regime von Präsident Joseph Mornoh und damit den Kampf um die Macht in Sierra Leone. Bewaffnete Horden überfallen Städte und Dörfer und massakrieren wahllos Tausende von Frauen, Männern und Kindern. 1992 dann kontrolliert die mächtigste Rebellengruppe Revolutionäre Vereinigte Front (RUF) den Osten und Süden des Landes, also die meisten Bodenschätze und Ackerböden des ehemals britischen Protektorats. Es geht in diesem Bürgerkrieg nicht nur um persönliche Machtgelüste, es geht darum, wer an den Diamanten des afrikanischen Staates verdient. Mit diesen Edelsteinen finanzieren Rebellengruppen wie die RUF ihre Waffen.
1996 gelingt der Friedensschluss mit dem demokratisch gewählten Präsidenten Ahmad Kabbah, der von der Militärjunta jedoch 1997 gestürzt wird. Die Rebellen machen gemeinsame Sache mit den Putschisten. Neun Monate später setzen die westafrikanischen Streitkräfte ECOMOG Ahmad Kabbah wieder ein, die Rebellen werden zurückgedrängt.
Claudia Anthony kehrt nach siebenjährigem Studium in Russland 1995 nach Sierra Leone zurück, sie ist 32 Jahre alt. Am Ukrainischen Institut für Internationale Beziehungen hat sie das Master’s Degree in Völkerrecht erworben.
Angesichts der barbarischen Zustände in ihrem Land setzt sie nun ihre journalistische Aufklärungsarbeit fort. Als Herausgeberin der Zeitungen "For Di People" und "Unity Now" sowie als Reporterin für BBC Network Africa veröffentlicht sie kritische Beiträge über die neue Welle eskalierender Gewalt, und sie weist Verbrechen von Mitgliedern des Obersten Rates des AFRC nach. Denn neben der RUF sind auch die Regierungstruppen (SLA) sowie die zahlreichen Milizen des Landes, so auch die Mitglieder der von Johnny Paul Korom geführten Junta des AFRC, in die gewalttätigen Auseinandersetzungen involviert und für die Gräueltaten an Zivilisten verantwortlich.
Die Journalistin bewegt sich aufgrund zahlreicher lebensbedrohlicher Ereignisse bereits zu diesem Zeitpunkt inkognito in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones. Im Dezember 1998 berichtet sie über Aktivitäten abtrünniger SLA-Soldaten und prophezeit einen Angriff, ein Massaker durch die Rebellen. Sie wird des "unverantwortlichen Journalismus" bezichtigt, "der zum Ziel hat, die Staatssicherheit zu untergraben".
Im Januar 1999 marschieren bewaffnete Rebellen in Freetown ein, sie ermorden 10 einheimische Journalisten auf grausame Art und Weise.
Sierra Leone gehört für einheimische Journalisten ebenso wie ausländische Berichterstatter zu den gefährlichsten "Schauplätzen" der Welt. Am 7. Januar 1999 brennen bewaffnete Männer und Jugendliche das Redaktionsgebäude von "Tribune of the People", deren Gründerin und geschäftsführende Herausgeberin Claudia Anthony ist, völlständig nieder.
Nicht die Journalisten allein leben in einem Umfeld permanenter Angst, Zerstörung und Bedrohung. Anthony weist darauf hin, dass Freunde und die Familien jener, die gegen Menschenrechtsverletzungen in ihrem Land anschreiben, zu Opfern von Folter, Vergewaltigung, Verstümmelung werden. Am 11. Januar 1999 versucht eine Gruppe bewaffneter Männer in Uniform ihrem Vater mit Buschmessern das linke Bein abzuhacken, er stirbt an den Folgen der Verletzungen.
Erst im Jahr 1999 beginnt sich der UNO-Sicherheitrat ernsthaft mit den unfassbaren Zuständen in Sierra Leone zu beschäftigen. Am 7. Juli 1999 vereinbaren die RUF und die Regierung ein Friedensabkommen, das UNO-Truppen überwachen sollen. 8.700 Soldaten sollen schätzungsweise 43.000 Rebellen entwaffnen. Nur wenige Monate nach dem Waffenstillstandsabkommen kommt es zu einem erneuten Ausbruch der Kämpfe, eine massive Fluchtbewegung innerhalb des Landes setzt ein. Über die Hälfte der 4,5 Millionen Einwohner lebt seitdem in provisorischen Camps oder in Nachbarländern. Die Zahl der Opfer barbarischer Verunstaltungen liegt allein in Freetown bei rund 6.000, sie leben in sogenannten "Amputiertenlagern".
Obwohl die Gewalt im Land wieder zunimmt, gründet Claudia Anthony noch im November 1999 die "Alliance for Female Journalists", eine Organisation, die sich für die Belange der wenigen Journalistinnen in Sierra Leone einsetzt. Im Frühjahr 2000 verläßt sie das Land.
Claudia Anthony hat sich - selbst oder gerade aufgrund der Erfahrungen brutaler, unkontrollierter Gewalt - eine unerschütterliche Kraft bewahrt, die fast unheimlich wirkt. Human Rights Watch verlieh der unerschrockenen Journalistin im Jahr 2000 den Hellman-Hammett-Preis. Sie schreibt und veröffentlicht - unermüdlich -, sie nimmt an Tagungen und Seminaren, Symposien teil, in denen sie die Möglichkeit hat, auf die bestialischen Zustände in ihrem Land hinzuweisen. Momentan erarbeitet sie eine Internetseite, die zugleich Informationspool und Forum für Sierra Leone sein wird.
"You know", sagt sie zu mir und hebt den Zeigefinger, "the best thing, the best thing that ever happened to me, is my mother." Sie beschreibt deren physische und moralische Kraft angesichts der grausamen Erlebnisse der letzten neun Jahre. Ihre Augen funkeln. Sie berichtet, wie die Mutter damals beteuert: "You will see, we will make it", und sie erzählt von der Angst, die sie in den Augen der Mutter sah, und wiederholt die Frage, die sie, Claudia, ihr stellte: "But why are you lying?"
Christine Ketelhut
Claudia Anthony ist zum 31.12.2005 aus dem Programm ausgeschieden.