Als Roshanak
Daryoush am 6. Februar 1979 auf dem Mehrabad-Flughafen in Teheran eintrifft,
findet sie ihren Namen unter der Nummer 12, Buchstabe D auf der Liste der
Personen, die bei ihrer Einreise in den Iran sofort verhaftet werden. Doch
niemand nimmt diese Listen wahr …
In Teheran ist in diesen ersten Februartagen des Jahres 1979 der Frühling ausgebrochen – der Frühling der Revolution. Und vor den Passkontrollschaltern am Flughafen stehen Tag für Tag lange Schlangen der aus dem Exil Heimkehrenden.
Als Roshanak 'heimkehrt', ist sie 28 Jahre alt. Sie ist als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen. Hier geht sie zur Schule, studiert und lernt die Arbeit der iranischen Opposition gegen das Regime der Pahlawi-Dynastie in Iran kennen. Sie engagiert sich in der CISNOU, der Konföderation der iranischen Studenten, studiert in München und Hannover Politikwissenschaften und Soziologie, beendet das Studium mit Auszeichnung und kehrt nach München zurück. Durch ihre Mitarbeit in der CISNOU wird für Roshanak Daryoush aus dem 'Gastland' Deutschland das Exil. Wie viele tausende ihrer Kommilitonen weiß sie, dass sie nicht nach Iran zurückkehren wird, solange der Schah an der Macht ist. Doch dann muss sich der Schah dem Druck der Proteste beugen und selbst fliehen. Iran wird erfasst von einer Woge der Befreiung und Erleichterung. Als am 8. März dann hunderttausende Frauen auf die Straße gehen, wird diese Euphorie das erste Mal deutlich gebremst: Revolutionsführer Khomeini verordnet die islamische Kleiderordnung. Zwar muss sich Khomeini anfangs den darauf folgenden Protesten beugen und die Anordnung teilweise zurücknehmen. Doch schon im Sommer 1979 ist seine Macht weitestgehend etabliert und er kann mit Hilfe seiner Anhänger die Kleiderordnung erzwingen. Auch für Roshanak Daryoush ist die Euphorie danach schnell vorüber: sie bewirbt sich an verschiedenen Universitäten und Hochschulen um eine Assistenz oder Dozentur. Dank ihrer ausgezeichneten Abschlüsse aus Deutschland wird sie überall mit Begeisterung aufgenommen.
Doch schon zu dieser Zeit kann und darf niemand jemanden wie Roshanak Daryoush einstellen. Die neuen Machthaber haben die Aktenbestände des SAVAK-Geheimdienstes übernommen und Frau Daryoush gehört damit zu den Ersten, die auch in der Islamischen Republik unter der Kontrolle der Geheimdienste stehen. Arbeit findet sie schließlich bei der Deutsch-Iranischen Handelskammer in Teheran, später wechselt sie als Übersetzerin und Chefsekretärin zu MAN-IRAN. Schon im Exil beginnt sie, politische Texte und Theaterstücke aus dem Deutschen ins Persische zu übertragen. In Iran leidet sie unter dem großen Mangel an anspruchsvollen Übersetzungen und schöngeistiger Literatur. Die Pahlawis hatten das Land nicht nur in den wirtschaftlichen Ruin sondern auch in einen geistigen wie kulturellen Notstand getrieben. Roshanak Daryoush beginnt, an Übersetzungen zu arbeiten. Sie übersetzt "Wie eine Träne im Ozean" von Mancs Sperber, womit sie sofort auch weit über die Grenzen Irans Beachtung findet. Es folgen "Im Räderwerk" von Jean-Paul Satre, "Gespräche mit Mancs Sperber und Leszek Kolakowski" von Siegfried Lenz, "Exil" von Lion Feuchtwanger oder "Humanismus und Terror" von Maurice Merleau-Ponty. Über ihre Arbeit sagt sie: "Ich habe nie darüber diskutiert, was ich übersetze. Ich habe gedacht, das ist eine Antwort auf irgend etwas in der iranischen Situation. Und habe das nur deshalb übersetzt. Ich habe niemanden gefragt: Ist das gut? Ist das schlecht? Sondern das war eine Aussage. Eine politisch-kulturelle Aussage, die ich treffen wollte. Und dann hab ich mich dran gemacht, um es zu übersetzen."
1983 heiratet sie den Journalisten und Übersetzer Khalil Rostamkhani. 1989 wird ihr Sohn Kaveh geboren. Neben ihrer Tätigkeit engagiert sie sich für die Organisation eines Schriftstellerverbandes in Iran. Damit gehört sie zu einem Kreis iranischer Autorinnen und Autoren, die massiv dem Druck und der Kontrolle durch die Geheimdienste und Zensurbehörden ausgesetzt werden. Sie wird mehrfach verhaftet. Es gibt anonyme Drohungen. Im Herbst/Winter 1997/98 werden mehrere ihrer Kollegen von Geheimdienst-Mitarbeitern entführt und wenig später ermordet. Unter diesen auch der bekannte Übersetzer und Publizist Pujandeh, der vor allem mit seinen Übersetzungen und Arbeiten zur Situation der Menschenrechte in Iran bekannt wurde. Der Tod der Schriftsteller führt zu einem bis dahin nicht gekannten Aufruhr gegen das Regime in der Islamischen Republik Iran. Im Frühjahr 2000 wird den Schriftstellern erlaubt, dem Kultusministerium das Statut einer Schriftstellervereinigung zur Genehmigung vorzulegen. Roshanak Daryoush kehrt Anfang 2000 als PEN-Stipendiatin zurück nach München. Im April dolmetscht sie auf einer von der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin organisierten Konferenz, zu der viele namhafte iranische Schriftsteller, Politiker und auch Vertreter des Klerus eingeladen wurden, um über die Chancen der Reformbewegung in Iran zu diskutieren. Als die Teilnehmer der Konferenz nach Iran zurück kehren, werden die meisten von ihnen sofort festgenommen. Khalil Rostamkhani, Roshanaks Mann, der in Teheran die Vorgespräche zwischen dem Beauftragten der Heinrich-Böll-Stiftung und den künftigen Gästen übersetzt hat, wird Anfang Mai in seiner Wohnung verhaftet. Auch gegen Roshanak wird Haftbefehl erlassen. Und ein weiteres Mal muss sie Deutschland als Exil erleben …
Ingo Colbow
Roshanak Daryoush ist zum 30.11.2002 aus dem Programm ausgeschieden.
Roshanak Daryoush erlag am 1.11.2003 ihrer schweren Krankheit.