Ahmet Kahraman

Foto Ahmet KahramanAhmet Kahraman deutet auf den Einband seines Buches "Bir Dönemin Türk Büyükleri" (Große Türken unserer Zeit), das ihm Strafanzeigen von fünf eben dieser "großen Türken" einbrachte, von zwei Ex-Notstands-Gouverneuren, einem Ex-Geheimdienstchef, einem Ex-Armeechef und einem militanten Ex-Faschisten, der für viele politische Morde in der Türkei verantwortlich sein soll. Er legt den Zeigefinger auf einen der Köpfe. "Das ist er", übersetzt die Dolmetscherin. "Ich bin ihm begegnet, habe seine Stimme am Telefon erkannt, als er mich mit dem Tode bedrohte. Einem Attentat bin ich knapp entgangen."

Statt kurzer "Urlaub vom Terror" wurde aus der Reise nach Deutschland im Jahre 1998 für den in Bingöl, Karahamza-Karliova geborenen türkisch-kurdischen Journalisten und Autor ein vorläufiges Exil. Auch seine in Ankara als Englischlehrerin arbeitende Frau kann sich nicht ganz sicher fühlen. Die Tochter lebt mit ihrer jungen Familie in Istanbul, der Sohn studiert Mathematik in Dresden. Man bleibt über E-Mail in Kontakt, vermeidet direkte Telefonanrufe und verständigt sich notfalls über öffentliche Fernsprecher. Wann immer möglich werden Familienbesuche geplant.

"Ich war wie ein Fisch, der aus dem Salzwasser ins Süßwasser geworfen wurde und konnte anfangs unmöglich schreiben." Über Wochen und Monate versuchte Kahraman, sich die Grundzüge der deutschen Sprache in Kursen anzueignen, doch der Erfolg blieb aus. Zu groß waren die Konzentrationsstörungen während der Eingewöhnungsphase, zu ungewohnt das Erlernen einer neuen Sprache für den 58jährigen. Damit blieb und bleibt eine Annäherung an die Menschen dieses Landes, an das Kulturleben seines neuen Umfeldes begrenzt. "Aber ich habe unter meinen Landsleuten, die hier integriert sind, viele Freunde gewonnen, mit denen ich an Wochenenden Ausflüge machen, spazieren gehen, mit denen ich mich austauschen kann. Durch sie habe ich auch viel gelernt über die deutsche und die europäische Kultur."

Es irritiert ihn immer noch, wenn er an Veranstaltungen, die ihn interessieren würden, aus sprachlichen Gründen nicht teilnehmen kann, wenn er die Bücher nicht lesen kann, die in den Schaufenstern der Buchhandlungen liegen. Über den P.E.N., über Reporter ohne Grenzen habe er Kontakte zu Deutschen. Auch seine Teilnahme an einer P.E.N.-Veranstaltung in Berlin, an einem Programm der Sozialdemokraten in Düsseldorf machten ihm Mut, selbst wenn die Verständigung ohne Dolmetscher kaum möglich sei. Vor allem das Einkaufen sei für ihn leichter geworden.

"Namen, Straßen und Bilder spielen nicht immer eine große Rolle", meint er, "wichtig ist die innere Balance". Und die hat Kahraman wiedergefunden. Auf seine Weise. Er nutzt seine Chance, orientiert sich neu, schreibt wieder und schöpft daraus Kraft und innere Ruhe.

"Im vergangenen Jahr hat es mich noch bedrückt, dass ich nicht wie immer auf der im November in der Türkei stattfindenden Buchmesse dabei sein konnte. Dort werden – anders als in Frankfurt – Bücher auch verkauft, und die Leser suchen das Gespräch mit den Autoren. In diesem Jahr hat es mich nicht mehr so belastet."

Den direkten Dialog mit seinen Lesern in der Türkei und im europäischen Ausland führt Kahraman heute über das Internet. Ein Risiko sei damit nicht verbunden. Auf diesem Wege hätten ihn auch schon alte Freunde wieder ausfindig gemacht. Nein, seit seiner Ankunft in Deutschland fühle er sich nicht mehr bedroht.

Vor fast 10 Jahren war er in der Türkei ausgegrenzt worden, aufgrund seines politischen und sozialen Engagements und Schreibens. "Andere fanden später wieder eine Arbeit, ich nicht. Bis vor zwei bis drei Jahren durfte ich noch in der Türkei publizieren, auch wenn die Auflagen gering waren. Dann wurden meine Bücher dort nicht mehr verlegt. Bis dahin war ich viel gelesen worden, heute bin ich dort nicht mehr präsent."

"Ich bin das Kind eines verwundeten Volkes. Unsere Volksgruppe wurde entwürdigt, nicht für voll genommen, selbst ihre Existenz wird geleugnet. Zum Schreiben bin ich gekommen, um meinem Volk zu dienen, um für seine wirtschaftliche und politische Integrität zu kämpfen."

Von Ahmet Kahraman, dem Autor, dem das Schreiben stets ein politisches und soziales Anliegen ist, nicht nur ein privates, sind in der Türkei bisher 17 Bücher erschienen. Seit zwei Jahren wartet ein weiteres (über den Völkermord an den Kurden) bei einem türkischen Verlag auf Publikation. Eine Untersuchung über staatliche Verfolgung von Künstlern und Intellektuellen (von der Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 an bis in die Gegenwart) ist abgeschlossen. Im Augenblick arbeitet Kahraman an einem Roman –"weil ein Roman jedes Sachbuch überdauert". Es handelt sich um eine auf drei Bände konzipierte, chronologisch angelegte Erzählung, die das Heute mit der Vergangenheit verbindet. Der Held kehrt zurück in das ihm angestammte Gebiet und erinnert sich an die Geschichte seiner Familie beginnend mit dem Jahr 1915, der Zeit des türkischen Genozids an den Armeniern und der russischen Besetzung der Kurdengebiete.

Mit der Isolation des Schreibens kommt Kahraman gut zurecht. Er sei kein Kneipengänger, gelegentliche Treffen mit Freunden in Köln und außerhalb seien im genug, stellt er fest. Er arbeite lieber. "In der ersten Zeit hier in Deutschland stand ich einerseits noch unter dem Druck, dem ich in der Türkei ausgesetzt war, andererseits sah ich mich einer so grenzenlosen Freiheit gegenüber, dass ich Schwierigkeiten hatte, damit umzugehen." Dann wiederholt er: "Heute habe ich meine Balance wiedergefunden. Jetzt will ich so schnell wie möglich schreiben."

Karin Clark

Ahmet Kahraman ist zum 31.08.02 aus dem Programm ausgeschieden.

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