Selim
Kaya, 1954 in einem Dorf nahe Bingöl in Anatolien geboren, schloss
1978 sein Studium der Pädagogik an der Hochschule in Tunceli ab. In
dieser Zeit hat er sich politisch engagiert. Er war nach seinen eigenen Worten "einer der Gründer der Gruppe 'Revolutionäre von Kurdistan', die
später
den Namen PKK annehmen sollte." 1980 wurde er verhaftet und von einem
Militärgericht zu 28 Jahren Haft verurteilt. Während seiner Haft
in Diyarbakir verfasste er einen umfangreichen Roman und ein Theaterstück.
1991 wurde er aus der Haft entlassen und floh nach Damaskus. Dort traf er
mit Abdullah Öcalan zusammen. Schon bald erkannte er, dass dieser "innerhalb
der PKK eine perfekte Diktatur aufgebaut hatte, mit stalinistischen Methoden".
Er distanzierte sich mehr und mehr von der PKK und Abdullah Öcalan und
geriet dadurch zwischen alle Fronten. Seine Ideen zur Reform der kurdischen
Bewegung legte er in einem Buch unter dem Titel 'Die Verse von Apo' nieder.
Damit machte er sich zum erklärten Gegner der PKK und konnte sich seines
Lebens in Damaskus nicht mehr sicher sein. Er floh nach Beirut. Aber auch
hier fühlte er sich bedroht. Mit Unterstützung des deutschen P.E.N.,
der IG Medien, dem UN-Sekretär für den Libanon und des Roten Kreuzes
gelang es ihm und seiner Ehefrau Aysel schließlich 1993, nach Deutschland
auszureisen. Hier traf Kaya mit Günter Wallraff zusammen, der ihm anbot,
sein Buch "Die Verse von Apo" auf Deutsch herauszubringen. Es ist
1997 im S. Fischer Verlag unter dem Titel 'PKK - Die Diktatur des Abdullah Öcalan',
mit einem Vorwort von Günter Wallraff erschienen. In diesem Vorwort
schreibt Wallraff unter anderem:
"Obwohl oder gerade weil ich der Freiheitsbewegung der Kurden Verständnis entgegenbringe, entschloss ich mich, den Autor näher kennenzulernen, um ihm gegebenenfalls bei der Veröffentlichung einer deutschsprachigen Ausgabe behilflich zu sein. (…)
Die Kayas fanden sich in einer Position, die recht unbequem, aber in dieser Situation vielleicht die ehrlichste und anständigste für selbstkritische, nicht-korrumpierbare Intellektuelle ist: zwischen den Stühlen zu sitzen.
Damit sie sich erholen konnten – und um sie aus ihrem 8-qm-Verlies herauszuholen –, lud ich sie zu mir ein. Selim Kaya überarbeitete und aktualisierte seine 'Apologie' und versuchte, sie auch dem deutschen Leser transparent und verständlich zu machen. Dennoch fand sich lange Zeit kein Verlag zu einer Veröffentlichung bereit. Begründung: für 'deutsches Publikum zu kompliziert' oder/und 'zu riskant'.
Dass ein Autor, der wegen eines kritischen Buches mit dem Tode bedroht wird,
schon allein deshalb veröffentlicht werden muss, scheint alles andere
als selbstverständlich
zu sein. Eine zentrale Kritik des Buches bezieht sich auf die 'Säuberungen'
und internen 'Schauprozesse' innerhalb der Organisation, d.h. die Ermordung
von Personen, die gegen die Politik von Abdullah Öcalan opponierten
oder gegen die 'Parteilinie' verstießen. (…)
Selim Kaya (…) ist der erste (ehemals führende) Kopf der PKK, der seine Thesen öffentlich macht und zur Diskussion stellt und dadurch auf eine Demokratisierung in der Gruppe seiner Freunde hofft. Er hat es als erster geschafft, lange genug zu überleben, und dazu noch den verzweifelten Mut besessen, seine Ansichten in Buchform zu veröffentlichen."
Kaya gehört– so Günter Wallraff – zu den Persönlichkeiten, die "friedliche Lösungen der Kurdenfrage anstreben und auch im demokratischen Ausland Vertrauen und Unterstützung herzustellen in der Lage wären." Damit ist die Position des Autors Selim Kaya hinreichend charakterisiert. Alle Ausführungen von Günter Wallraff stehen unter dem Motto seines Vorworts: "Wer sich nicht in Gefahr begibt, lässt sich und andere verkommen und erstickt letztlich an sich selbst."
Günter Wallraff
(Die Zitate von Günter Wallraff entstammen dem Vorwort zu Selim Kayas Buch "PKK – Die Diktatur des Abdullah Öcalan".)
Selim Kaya ist zum 31.08.02 aus dem Programm ausgeschieden.