Als Khalil Rostamkhani im März 2003 Teheran verlassen und nach München fliegen kann, begrüßen ihn am Flughafen sein Sohn Kaveh und Verwandte seiner Frau, Roshanak Daryoush, die vor Jahrzehnten hier zur Schule ging und später studierte. In den folgenden sechs Monaten wird er Roshanak jeden Tag sehen - im Krankenhaus, denn sie ist an einem Gehirntumor unheilbar erkrankt, dem sie am 1. November 2003 erliegt.
Auch wenn Khalil Rostamkhani München von früher her kannte, so war dies jetzt ein Besuch, der unter vielfältigen traurigen Vorzeichen stand. Im Frühling 2000 hatte er mit Kaveh und Roshanak einige schöne Wochen hier verbracht. Sie war damals Stipendiatin des PEN, wollte an Übersetzungen arbeiten und sich von den Schrecken der vergangenen Jahre erholen, in denen auch viele Freunde Opfer der Verfolgung durch das Regime in Iran geworden waren. Ihr Mann hatte in Teheran in den letzten Monaten als Organisator und Übersetzer für die Heinrich-Böll-Stiftung gearbeitet, die für April desselben Jahres eine Konferenz in Berlin vorbereitete: "Iran nach den Wahlen 2000". An dieser Tagung nahmen vor allem Intellektuelle und PolitikerInnen teil, die die Reformkräfte des Landes unterstützten und das Treffen als Ort des Erfahrungsaustauschs nutzen wollten.
Khalil und Kaveh reisten wieder nach Teheran. Kurz nach ihrer Rückkehr wurde Khalil verhaftet. Der Vorwurf: seine Arbeit in der Vorbereitung der Konferenz, die jetzt als anti-islamisch und gegen die Interessen des iranischen Staates dargestellt wurde. Khalil Rostamkhani wurde schließlich nach Monaten der Einzelhaft zu einer Gefängnisstrafe von acht Jahren verurteilt, die er in Verbannung verbüßen sollte. Die Strafe fiel so hoch aus, weil man ihm Theomachie vorwarf, d.h. ein "Kämpfer gegen Gott" zu sein.
Dieser Ort war ihm schon von früher vertraut. In den 90er Jahren hatten ihn Richter zu Haftstrafen verurteilt, weil er sich aktiv in Gruppen der politischen Opposition engagiert hatte. Für ihn war dieses Engagement selbstverständlich: Bereits 1969 beteiligte sich der damals 16jährige an den Protesten gegen das Schah-Regime. 1972 mußte er den Iran verlassen. In seinem ersten Exilland Großbritannien, wo er erst Mathematik, Physik und Persisch, später Sozialwissenschaften studierte, arbeitete er in der CISNU, dem stärksten iranischen Studentenverband und wurde schließlich einer der führenden Organisatoren der großen Solidaritätskampagnen für Iran. 1979 kehrte er wie so viele aus dem Exil zurück, hoffte auf eine Wende zu einer demokratischen Entwicklung in seinem Heimatland. Im selben Jahr stieg er in sein erstes Verlagsprojekt ein und arbeitete für The Flame, das Nachrichtenbulletin, das Tony Alloway, der damalige Teheraner Korrespondent der Times, herausgab. Damit war für ihn das Arbeitsfeld als Publizist und Übersetzer eröffnet. 1980 gründete er den täglichen englischsprachigen Nachrichtdienst „Akhbaar Ruz”, für den er bis 1982 auch als Herausgeber tätig war. 1984 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Roshanak Daryoush ein Übersetzungsbüro.
Khalil Rostamkhani, Jahrgang 1953, hat sich in vielen Jahren einen guten Namen als Übersetzer, Journalist und Publizist gemacht. Er war Herausgeber des Iran Yearbook 1988 und 1989/90, des Who is Who in Iran, des wöchentlichen Iran Press Digest, später auch gemeinsam mit anderen Freunden des monatlich erscheinenden Iran Focus, und er unterstützte ausländische Journalisten, die nach Teheran kamen. Auf seiner Veröffentlichungsliste als Übersetzer finden sich Titel von Isabel Allende, Vladimir Nabokov und André Gide – manche Arbeiten, wie Mashenka, Eva Luna und The Vatican Cellars sind ganz oder teilweise im Gefängnis entstanden. Unzählige Artikel hat er in England und später in Iran für die politische Opposition verfasst oder in Übersetzungen zugänglich gemacht. Während seiner Gefängniszeiten wurde Khalil selbst zum Literaten: Aus Begegnungen und Eindrücken im Evin-Gefängnis entstanden die Gedichte der Sammlung „Poetry behind Bars“, die im Internet in der Online-Zeitung www.iranian.com erschienen.
Seit seiner Ausreise nach Deutschland ist Khalil Rostamkhani eine Stimme, die auf die Mißstände der Intellektuellen im Iran aufmerksam macht. Seit Januar 2006 ist er Stipendiat des Writers in Exile-Programms. Er hat eine Lehrbefugnis für Englisch von der University of Cambridge und arbeitet seit einiger Zeit als Englischlehrer an der Münchner Volkshochschule. Er ist Ehrenmitglied des kanadischen P.E.N. und des P.E.N American Center.
Khalil Rostamkhani ist zum 31.07.2009 aus dem Programm ausgeschieden.