In den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden tausende Intellektuelle, Schriftsteller und Journalisten von den Nationalsozialisten aus ihren Heimatländern vertrieben und waren gezwungen, im Ausland Zuflucht zu suchen. Mit Unterstützung des Internationalen PEN, einer Reihe nationaler PEN-Zentren und zahlreicher Mitglieder des PEN überall auf der Welt gelang es dem 1934 gegründeten P.E.N.-Club deutscher Schriftsteller im Exil, viele von ihnen zu retten und sie in der ersten Zeit der Eingewöhnung in eine fremde Umwelt zu unterstützen.
Als Dank für die praktische Hilfe, die diesen Vertriebenen in verschiedenen Teilen der Welt gewährt wurde, entwickelte das P.E.N.-Zentrum Deutschland gemeinsam mit dem ehemaligen Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, das Writers-in-Exile-Programm. Es soll einigen in ihrer Heimat aus Gesinnungsgründen verfolgten Autorinnen und Autoren für einige Jahre in Deutschland ein sicheres Zuhause garantieren, ihnen darüber hinaus das Einleben in unserem Land erleichtern, sie dabei unterstützen, sich mit der ihnen unbekannten Kultur vertraut zu machen und die deutsche Sprache zu erlernen. Die Verwaltung dieses von der Bundesregierung finanzierten Programms wurde dem P.E.N.-Zentrum Deutschland übertragen, und im Sommer 1999 konnten die ersten sechs Stipendien vergeben werden.
Ein Writers-in-Exile-Stipendium können Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Journalistinnen und Journalisten erhalten, die in ihren Herkunftsländern nachweislich wegen ihres Schreibens verfolgt sind. Teilweise handelte es sich dabei um Autoren, die auf der Case List des Internationalen PEN stehen, teilweise aber auch um solche, die uns von anderen nationalen PEN-Zentren vorgeschlagen werden. Daneben arbeiten wir eng mit anderen Stiftungen und Organisationen zusammen, nehmen z. B. Autoren in unser Programm auf, die vorübergehend dort Zuflucht fanden oder vermitteln unsere Stipendiaten nach Ablauf ihrer Zeit im Writers-in-Exile-Programm dorthin. Daneben berücksichtigen wir Empfehlungen ehemaliger Stipendiaten, und auch Eigenbewerbungen sind möglich.
Das Programm verfügt über fünf Wohnungen, die der P.E.N. angemietet und ausgestattet hat, drei in Berlin, eine in München und eine in Nürnberg. In Nürnberg und München werden die Mieten für die Stipendiatenwohnung von der Stadt getragen. Zusätzlich werden die Stipendiaten durch den P.E.N. kranken- und haftpflichtversichert und erhalten aus den zur Verfügung stehenden Mitteln einen monatlichen Betrag zur Bestreitung ihrer Lebenshaltungskosten. Die Stipendien werden jeweils für ein Jahr vergeben und können um maximal zwei weitere Jahre verlängert werden. Bei praktischen Fragen wie polizeilicher Anmeldung, Aufenthaltserlaubnis, Eröffnung eines Bankkontos, Arztbesuchen und dergleichen helfen die Geschäftsstelle, das Präsidium des P.E.N und sonstige Betreuer. Gegenwärtig halten sich Autorinnen und Autoren aus China, dem Iran, Tschetschenien und der Türkei bei uns auf; ein Autor aus Togo wird erwartet.
Zu den Segnungen des Internet gehört es, dass Autoren heutzutage ihr Publikum auch dann erreichen können, wenn sie ihr Heimatland verlassen mussten. Aber der Versuch, im Zufluchtsland heimisch zu werden, ist zum Scheitern verurteilt, wenn man ihnen nicht dabei hilft, sich auch dort mit ihrer literarischen oder journalistischen Arbeit zu präsentieren. Darum ist das Bemühen, den Stipendiaten Gelegenheiten zu bieten, auch im Exil als Autoren wahrgenommen zu werden, ein wichtiger Aspekt des Writers-in-Exile-Programms. Den Anfang machte dabei im Jahr 2000 eine zunächst noch recht schmale P.E.N.-Broschüre, in der die ersten Stipendiaten jeweils mit einem Foto, einem kurzen Porträt aus der Feder eines deutschen Kollegen und etwa zehn Seiten aus ihrem Werk in deutscher Übersetzung vorgestellt wurden. Eine zweite Broschüre mit neuen Texten unserer Stipendiaten ist seit Anfang 2006 erhältlich. Im April 2009 erschien im Verlag Brandes & Apsel die schon wesentlich umfangreichere, von Claudia C. Krauße und Sigfrid Gauch herausgegebene Anthologie Ein Regen aus Kieseln wird fallen mit ausgewählten und ins Deutsche übersetzten Texten der Stipendiaten, die sich bis zu diesem Zeitpunkt im Programm befanden. Es ist geplant, in loser Folge weitere Anthologien dieser Art herauszubringen.
Daneben organisiert der P.E.N. immer wieder auch Lesungen in Literaturhäusern, Buchhandlungen oder anderswo, um die Writers-in-Exile-Stipendiaten den deutschen Lesern vorzustellen. Ein ähnliches Anliegen verfolgt auch die seit Mai 2010 regelmäßig im Lichtburgforum in Berlin-Gesundbrunnen stattfindende Reihe Salon Exil, bei der abwechselnd Writers-in-Exile-Stipendiaten des P.E.N., deutsche Autoren, die während des Nationalsozialismus s elbst ins Exil gezwungen wurden und nach dem Untergang des Dritten Reichs nach Deutschland zurückkehrten, sowie jüngere deutsche Autoren, die sich literarisch mit dem Thema Exil befassen, aus ihren Arbeiten lesen und mit dem Publikum ins Gespräch gebracht werden. Bei jeweils drei dieser jährlich sechs Abende tritt der P.E.N. als Mitveranstalter in Erscheinung.
Selbstverständlich werden die Stipendiaten zu allen größeren P.E.N.-Veranstaltungen eingeladen, wobei stets einige von ihnen aktiv an der Writers-in-Exile/Writers-in-Prison-Veranstaltung beteiligt sind, die traditionell am Anfang jeder Jahrestagung des P.E.N.-Zentrums Deutschland stattfindet. Sie treten auf der Buchmesse in Frankfurt auf und werden bei der Kontaktaufnahme mit deutschen Verlagen von der Geschäftsstelle und dem Präsidium sowie von einzelnen P.E.N.-Mitgliedern beraten.
Stipendiaten, die akut gefährdet sind und die in besonderem Maße den Schutz und die Unterstützung der Öffentlichkeit brauchen, steht der P.E.N. durch Unterschriftenaktionen, Presseerklärungen oder auch, etwa bei anhängigen Gerichtsverfahren im Herkunftsland, durch die Entsendung von Prozessbeobachtern bei.
Zur besseren Integration raten wir unseren Stipendiaten dringend, möglichst schnell Deutsch zu lernen. Dabei dauert der Erwerb selbst von Grundkenntnissen oft weit über ein Jahr, denn wie leicht - oder wie schwer - jemand unsere Sprache lernt, das hängt von mehreren Faktoren ab, z. B. davon, wie groß der Abstand zwischen seiner eigenen und der fremden Sprache und Kultur ist und ob die betreffende Person bereits über erste Kenntnisse des Deutschen verfügt oder andere westeuropäische Sprachen beherrscht, doch auch das individuelle Sprachtalent und nicht zuletzt das Alter spielen eine Rolle. Zusätzliche Hindernisse bei Spracherwerb und Integration ergeben sich aus den besonderen Umständen, unter denen jemand aus seiner Heimat fliehen mußte, etwa aus der Schwere der Verfolgung, der man ausgesetzt war (einschließlich Haft und Folter) und nicht zuletzt daraus, wie schwer jemand traumatisiert ist. Letzteres zeigt sich oftmals erst dann, wenn der Betreffende sich längst in Sicherheit befindet. In besonders schwierigen Fällen kann der P.E.N. sowohl den Sprachunterricht als auch z. B. eine Traumatherapie kostenfrei vermitteln, ein Angebot, das von den Betroffenen allerdings häufig erst sehr spät in Betracht gezogen oder sogar abgelehnt wird.
Immer wieder kommt es vor, dass Schriftsteller und Journalisten sich auch im Exil nicht sicher fühlen können, sondern von den Geheimdiensten ihrer Länder, von mafiösen Elementen oder auch von feindlich gesinnten Gruppierungen innerhalb der eigenen Landsleute bedroht werden. Unter Umständen ist es daher erforderlich, Wohnungen nachträglich mit Sicherheitstechnik auszustatten, durch das zuständige LKA eine Meldesperre zu veranlassen oder sogar polizeilichen Personenschutz anzufordern. Es kam sogar schon vor, dass Stipendiaten, die unter falschem Namen in Deutschland lebten, in einer anderen Stadt untergebracht werden mussten, da man ihre wahre Identität ermittelt hatte und sie massiv bedroht worden waren.
Das P.E.N.-Zentrum Deutschland ist mit diversen anderen Organisationen in Deutschland und anderswo vernetzt, die bedrängte ausländische Autoren unterstützen und ihnen z. B. kurz- oder längerfristige Stipendien zur Verfügung stellen. Neben der bereits genannten Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte und der Heinrich-Böll-Stiftung sind das z. B. Reporter ohne Grenzen und amnesty international. Darüber hinaus gibt es in dringenden Fällen auch die Möglichkeit, gerade nicht besetzte Wohnungen von Künstlerstiftungen für eine Übergangszeit als Refugium zu nutzen, sofern der P.E.N. die über die bloße Unterbringung hinaus notwendigen Mittel beschaffen kann.
Unserem Netzwerk haben sich auch einige deutsche Städte angeschlossen, die seit Bestehen des Writers-in-Exile-Programms mit dem P.E.N. kooperieren. Sie finanzieren teils aus ihrem eigenen Etat, teils auch gemeinsam mit lokalen Stiftungen, einjährige Stipendien für Verfolgte und werden dabei vom P.E.N. beraten. Der P.E.N. vermittelt ihnen auch in Frage kommende Autoren, die wiederum von deutschen Hilfsorganisationen oder über das Writers-in-Prison-Committee des Internationalen PEN vorgeschlagen werden. Ein Beispiel für solch eine Kooperation ist das Elsbeth-Wolffheim-Stipendium der Stadt Darmstadt, das von der Stadt finanziert wird und dessen Stipendiaten durch den P.E.N. betreut werden. Aktuell hält sich der singhalesische Autor Sanath Balasooriya in Begleitung seiner Frau Devika Wadigamangawa als Stipendiat in Darmstadt auf. Darüber hinaus pflegt das P.E.N.-Zentrum Deutschland enge Beziehungen zu zwei österreichischen Städten, nämlich Wien, wo ein zeitweilig ruhendes Writers-in-Exile-Projekt reaktiviert wurde, und Graz, wo es ein Internationales Haus der Autoren gibt, außerdem zu ICORN (International Cities of Refuge Network).
Normalerweise erhalten die Stipendiaten des Writers-in-Exile- Programms eine auf die Dauer ihres Stipendiums begrenzte Aufenthaltsbewilligung. Lässt sich kein Anschlussstipendium für sie finden, bleibt denen, die die Rückkehr in ihr Heimatland nicht wagen dürfen, nur eines übrig, nämlich, hier in Deutschland Asyl zu beantragen. Angesichts der Rechtslage in den Ländern des Schengen-Raumes, zu denen auch die Bundesrepublik gehört, gelten strenge Regeln für die Gewährung eines Flüchtlingsstatus oder auch eines mittelfristigen oder zeitlich unbegrenzten Asyls; das entsprechende Verfahren kann sich über einen langen Zeitraum hinziehen, wobei der Ausgang ungewiss ist. Wird einem Antragsteller das Asyl verweigert, so lautet die – nicht selten lebensgefährliche – Alternative: Abschiebung ins Herkunftsland. Das Writers-in-Exile-Stipendium des P.E.N. kann zwar auf maximal drei Jahre verlängert werden, wenn aber die Verfolgung in der Heimat anhält, die Rückkehr dorthin also ausgeschlossen ist, ein Recht auf Aufenthalt jedoch verweigert wird, so bleibt am Ende nur die Suche nach immer neuen, weiteren Stipendien. Der einzige Weg, wie wir diese Menschen, für deren Wohl wir uns verantwortlich fühlen, von denen viele mit der Zeit zu Freunden werden, noch schützen können, ist dann, sie ständig weiterzureichen: von Stipendium zu Stipendium, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Ohne Rücksicht darauf, dass ihre oft genug ohnehin schon schweren Traumata sich dadurch noch verstärken, dass damit den Entwurzelten nicht die geringste Chance gelassen wird, doch einmal anzukommen, sei es auch in einem fremden Land, und dort vielleicht sogar eines Tages neue Wurzeln zu schlagen. Das ist unser größtes Problem.
Christa Schuenke