Offener Brief an Klaus Wowereit zur Straßenbenennung nach Stefan Heym

Offener Brief
Herrn Regierender Bürgermeister
Klaus Wowereit
Berliner Rathaus
Judenstrasse

Sehr geehrter Herr Wowereit,

in der Bezirksverordnetenversammlung von Treptow-Köpenick ist diese Woche der Vorschlag gescheitert, eine Straße in Grünau nach dem Schriftsteller Stefan Heym zu benennen.
Wir fordern Sie auf, diese Entscheidung zu überprüfen. Es handelt sich um die Notwendigkeit, eine unwürdige Provinzposse zu korrigieren. Stefan Heym, der in Grünau fast ein halbes Jahrhundert gelebt hat, verdient es nicht, daß diese posthume Ehrung an falschen Behauptungen und unangemessenen Stellungnahmen scheitert. Der deutsche PEN ist stolz darauf, Stefan Heym als einen unserer Ehrepräsidenten führen zu dürfen.

Zur historischen Erinnerung: Stefan Heym flog wegen eines republikanischen Gedichts von seiner Chemnitzer Schule, emigrierte 1933 in die CSR, hat als einer der jüngsten Schriftsteller im Exil seine unbeugsame antinazistische Gesinnung unter geschichtlichen Beweis gestellt. Als er 1938 in die USA weiterfliehen mußte, hat er sich mit seinem journalistischen Werk auch als Vermittler zwischen der deutschen und der amerikanischen Lebenswelt erwiesen. Er kam als Sergeant der amerikanischen Armee nach Deutschland und hat mitgeholfen, 1945 auch jene von der Naziherrschaft zu befreien, die unseren Kollegen heute als „Verräter“ schmähen. In seinem Heimkehrer-Roman „Kreuzfahrer von heute“ (auch „Bitterer Lorbeer“) hat er von den herzzerreißenden Widersprüchen erzählt, die das Dilemma eines exilierten deutschen Juden in der Uniform der Sieger ausmachten. Als Redakteur der „Neuen Zeitung“, dem bedeutendsten Meinungsforum der Nachkriegszeit, hat er mit Geduld und Festigkeit Prinzipien der Demokratie erklärt. 1952, als er sich für die DDR entschied, hat er auf ein anderes Land gehofft als ihm und seinesgleichen beschieden war. Bei besonnener Überlegung sind diese Sacherwägungen jedermann zugänglich.

Stefan Heym hat ein Werk vorgelegt, das durch seine journalistische Verve, seine Unerschrockenheit und seinen Spürsinn für kontroverse Themen der Gesellschaft vielen Menschen eine Ermutigung war. Er ist, wie der Schriftsteller Hans Habe, des Kommunismus ganz und gar unverdächtig, über ihn schrieb, „ein genialer Querkopf“. Auch aus dieser Haltung heraus hat er sich nach der Wende für die PDS entschieden. Das sollte die Hochachtung für seine Zivilcourage und seinen Bürgersinn auch bei jenen nicht schmälern, die diesen politischen Weg nicht mitgehen wollten.
Die Weigerung, eine Straße in Grünau nach Stefan Heym zu benennen, ist kleinlich und verbohrt. Die Einwendungen der CDU scheinen uns inhaltlich kleinlich und verbohrt. Aber auch die formellen Einwände der SPD vermögen und nicht zu überzeugen. Wir fordern Sie auf, gemeinsam mit den Fraktionsvorsitzenden von SPD, CDU und FDP eine souveräne Entscheidung herbeizuführen.

Mit freundlichen Grüßen
Wilfried F. Schoeller
Generalsekretär

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