Hermann Kesten-Medaille 2006 für Leonie Ossowski

Berliner Autorin wird für vielfältiges politisches und soziales Engagement geehrt

Wiesbaden – Die aus Schlesien stammende Berliner Schriftstellerin Leonie Ossowski erhält die vom P.E.N.-Zentrum Deutschland und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst gestiftete Hermann Kesten-Medaille 2006. Das haben der Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard, und der Generalsekretär des P.E.N.-Zentrums Deutschland, Prof. Wilfried F. Schoeller, heute bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Wiesbaden bekannt gegeben. Die Autorin wird damit für ihr vielfältiges soziales und politisches Engagement geehrt, das ist tief in ihrem literarischen Werk verankert ist. Sie gibt in ihren Werken ein Beispiel für Bürgersinn und politisches Augenmaß unter schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen.

„Die Freiheit des Wortes gehört zusammen mit der Freiheit des Bekenntnisses und der Kunst zu den Fundamenten unserer Demokratie. Leonie Ossowski zählt zu den herausragenden Schriftstellerpersönlichkeiten, die sich mit ganzer Kraft und manchmal sogar unter Einsatz ihres Lebens für diese Grundwerte einsetzen“, sagte der Staatssekretär. Prof. Schoeller hob hervor, „ihre Romane, Dramen und Drehbücher werben um Verständnis für sozial Ausgegrenzte und für eine deutsch-polnische Verständigung nach Jahrzehnten der Feindschaft und des wechselseitigen Misstrauens“. Die für besondere Verdienste um verfolgte Autoren und um Völkerverständigung im Sinne der Charta des Internationalen P.E.N. 1985 gestiftete und seit 2000 vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit einem Preisgeld von 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird in einer öffentlichen Veranstaltung am 14. November um 19 Uhr in der Hessischen Landesvertretung in Berlin verliehen.

Leonie Ossowski wurde 1925 als Tochter eines adeligen Grundbesitzers in Niederschlesien geboren und ist bei Kriegsende 1945 in den Westen geflohen. In Mannheim hat sie ehrenamtlich als Bewährungshelferin gearbeitet und sich mit Jugendlichen am Rand der Gesellschaft befasst. Ihnen hat sie eine Sprache geliehen. Ein großer Werkkomplex befasst sich denn auch mit diesem Thema, darunter der Roman „Die große Flatter“ (1977). Er schildert den vergeblichen Ausbruchsversuch zweier Jugendlicher aus dem Milieu der Obdachlosensiedlung, der sie in die Kriminalität treibt.

Eine andere Gruppe von Werken ist von den Erinnerungen an die schlesische Herkunft geprägt, von den Reisen in die alte Heimat und den vorsichtigen, nie fordernden Bemühungen um die deutsch-polnische Verständigung, konkrete Hilfe und Versöhnung. So schildert Leonie Ossowski in „Weichselkirschen“ (1976) eine Reise in die Kindheit, die auch als Erkundung der Identität von Vertriebenen gelesen werden kann. In „Wolfsbeeren“ (1987) erzählt sie Familiengeschichte als Zeitgeschichte. Der Roman setzt 1918 ein und endet mit der Flucht 1945.

Die Laudatio auf Leonie Ossowski hält am 14. November der polnische Germanist Hubert Orlowski. Er ist Leiter der Abteilung Deutsche Literaturgeschichte am Institut für Germanische Philologie der Adam-Mickiewicz-Universität Poznan. Als Herausgeber zahlreicher Anthologien, als Essayist und Übersetzer hat er den intellektuellen Diskurs in Polen mitgestaltet. Er ist korrespondierendes Mitglied der polnischen Akademie der Wissenschaften und war vielfach Gastprofessor an deutschen und österreichischen Universitäten.

Die jährlich vergebene Medaille ist nach dem langjährigen P.E.N.-Ehrenpräsidenten Hermann Kesten benannt. Der Schriftsteller wurde 1900 in Podwoloczyska (Galizien) geboren, emigrierte 1933 nach Frankreich und floh 1940 vor den anrückenden Nazitruppen in die USA. Dort engagierte er sich zusammen mit Thomas Mann in dem von amerikanischen Autoren gegründeten „Emergency Rescue Comittee“ für die Rettung deutschsprachiger Schriftsteller. Nicht wenige von ihnen verdanken seinem unermüdlichen Einsatz ihre Rettung aus Europa. Kesten beschaffte Notvisa, das Geld für Schiffspassagen und die für den Aufenthalt in den USA unerlässlichen Affidavits. Zahlreiche Bitt- und Dankesbriefe prominenter Exil-Autoren versammelt die von Kesten herausgegebene Anthologie „Deutsche Literatur im Exil“.

Zu den bisherigen Preisträgern der Hermann-Kesten-Medaille gehören neben anderen Carola Stern (1994), Harold Pinter (2001), die russische Journalistin Anna Politkovskaya (2003), die Initiative „Bunt statt Braun“ (2004) und die kongolesische Intitiative „Journaliste en danger“ (2005).

Pressereferat Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst: Dr. Ulrich Adolphs
PEN: Prof. Dr. Wilfried F. Schoeller

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