Zum Gedenken an Anna Politkowskaja

Wir trauern um unsere ermordete Kollegin, die Moskauer Journalistin Anna Politkowskaja. Mit beispielgebendem Mut hat sie sich um die Wahrheiten über den schmutzigen Krieg in Tschetschenien bemüht. Sie ermittelte, nichts anderem als den Tatsachen verpflichtet, auf allen Seiten dieser verworrenen Front. Sie hat vor allem Zeugnis abgelegt über das, was sie sehen, hören und wissen konnte. Sie erzählte von Sklavenhandel, Leichenschacher und marodierender Bestialität, egal, ob sie in russischen Uniformen oder im Räuberzivil tschetschenischer Kämpfer betrieben wurden. Für sie handelte es sich um „Staatsterror, der einen nichtstaatlichen Terror bekämpfen will“. Ihre Berichte in der Zeitung „Novaja Gaseta“ und ihr Buch „Tschetschenien, die Wahrheit über den Krieg“ geben dieser unabhängigen Stimme einen unverwechselbaren Ausdruck: den der Menschlichkeit in mörderischer Umgebung.

Anna Politkowskaja war ein Vorposten der kritischen Zivilgesellschaft, für die Opfer eine allerletzte Hoffnungsfigur. Bewegender kann man die Erwartungen, die an Journalisten als Zeugen des Desasters geknüpft werden, wohl nicht schildern: die flehentlichen Gesten, das Unglück in der Welt bekanntzumachen – und die Ohnmacht, die mit der eigenen Rolle verbunden ist. Sie hat ein Beispiel dafür gegeben, was der Mut von einzelnen an Beschreibungskraft hervorbringen kann.

Für ihre Verdienste um die Freiheit des Wortes in bedrängter Lage wurde sie 2003 mit der Hermann Kesten-Medaille des deutschen PEN-Zentrums ausgezeichnet. In ihrer Dankesrede betonte sie, daß sie eine Journalistin sei, „die aus tragischer Notwendigkeit zur Kriegsberichterstatterin“ wurde. Ihr selbstgewähltes Ziel hieß: „Ich schreibe darüber, wie mein Land sich verändert unter Bedingungen, da Politiker an der Macht sind, die unfähig sind, den Krieg zu stoppen. Meine Artikel sind – so oder so – immer eine Aufforderung, das gegenseitige Töten zu beenden und das Anstauen von Haß in Generationen, die nach uns in Rußland und Tschetschenien leben werden.“

Ihre Zielsetzung ist nun zur Bestürzung ihrer Freunde ein Vermächtnis geworden. Sie war dabei, neue Einblicke in russische Korruption und in die Vorgänge bei der Besetzung des Moskauer Musical-Theaters zu veröffentlichen. Nun wurde sie im Flur ihres Moskauer Wohnhauses durch mehrere Brust- und Kopfschüsse eines Killers hingerichtet. Alle Indizien sprechen für einen politischen Auftragsmord. Sie ist von Gegnern des freien Wortes und der Selbstbestimmung umgebracht worden. Wir fordern mit allen Kollegen und Freunden, die Anna Politkowskaja nicht nur in Rußland hatte, eine lückenlose Aufklärung dieses Attentats.

Wilfried F. Schoeller
Generalsekretär des PEN-Zentrums Deutschland

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