22.04.2009 – PEN – Kongress 2009 Flucht und Vertreibung. Das Gedächtnis der Literatur.

„Flucht und Vertreibung. Das Gedächtnis der Literatur“ Eine Tagung des PEN-Zentrums Deutschland in Görlitz

Das Thema

Wieder hat es Krach zwischen Polen und Deutschen gegeben. Die Heimatvertriebenen, ihre Präsidentin Erika Steinbach und das in Berlin geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“ bieten – begründet oder nicht –Zündstoff gegen Versöhnung zwischen den beiden Ländern. Alte Ängste und Vorurteile werden aufgerufen, der Erinnerungsschmerz wird wach und auch die Generation der Nachgeborenen weiß sich nicht frei davon.
Ergibt sich eine Wiederholungsschleife der wechselseitigen Befangenheit, der Nichtverständigung und des haltlosen Streits?
Dieser Vermutung wollen wir mit Gründen widersprechen. Seit vielen Jahren sichern Literaturwissenschaftler, Kritiker und politisch wie literarische interessierte Essayisten in beiden Ländern gemeinsam ein Erbe, das man als das wahre „Sichtbare Zeichen“ ansehen kann. Es ist die Literatur über Flucht und Vertreibung, die ein einzigartiges Zeugnis bietet. In ihr sind die geschichtlichen Ereignisse bewahrt, ist die Botschaft des bedrohten und verfolgten Einzelnen aufgehoben, werden die Geschicke ganzer Volksgruppen nachvollziehbar. Der erzwungene Abschied von der Heimat, die existentielle Erfahrung der Flucht, die Erfahrung von Jägern und Gejagten, das Transitdasein, die Notlagen des Unterwegs und die Fremdheit der Neuankömmlinge, seien sie als Vertriebene oder als Umsiedler benannt, ergeben einen unverzichtbaren Bestand an Einsichten. Darüber suchen wir das Gespräch mit polnischen und deutschen Forschern. Wenige Wochen vor der Jahrestagung des PEN-Zentrums Deutschland, die unter dem Motto „Schreibend Brücken bauen“ steht, soll in der deutschpolnischen Grenz- und Verbindungsstadt Görlitz/Zgorzelec dieses literarische Erbe besichtigt werden.
Mit welchen anderen Texten lassen sich Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten verbinden? Wie nahe rückt uns damit die Vertreibung der Ostpolen nach dem Hitler/Stalin-Pakt und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs? Und bietet die Literatur deutscher und österreichischer Exilautoren eine Brücke über die diversen historischen Erfahrungen? Auf Fragen dieser Art, ausgebreitet am Nachmittag, folgt am Abend eine literarische Großveranstaltung: sechs Autoren des PEN lesen eigene Texte und ihrer Vorgänger zum Thema.

Flucht und Vertreibung Das Gedächtnis der Literatur

Das Programm

13.00 Uhr
Wilfried F. Schoeller, Berlin
Begrüßung und Einführung

13.30 Uhr
Pawel Zimniak, Zielona Góra (Grünberg)
Literarisches Leiden unter Geschichte.
Zur traumatischen Erfahrung von Flucht und Vertreibung
in Texten deutscher Gegenwartsautoren

14.15 Uhr
Marek Zybura, Wroclaw (Breslau)
Ehemalige deutsche Kulturlandschaften in der polnischen Literatur

15.00 Uhr
Marion Brandt, Gdansk (Danzig)
Die Entdeckung des deutschen Danzig in der polnischen Literatur
der siebziger Jahre bis heute

16.00 Uhr
Carsten Gansel, Gießen
„Das Vergangene ist nicht tot“.
Formen der Erinnerung in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1989

17.00 Uhr
Diskussion:
Abkehr vom Stereotyp.
Polenbilder in der deutschen Gegenwartsliteratur
Ende gegen 18.00 Uhr

20.00 Uhr
Landschaften der Erinnerung
Mit Texten von
Günther Anders, Jörg Bernig, Horst Bienek, Johannes Bobrowski, Christine Brückner, Günter Grass, Peter Härtling, Reinhard Jirgl, Walter Kempowski, Siegfried Lenz, Leonie Ossowski, Hans-Ulrich Treichel und Christa Wolf

Es lesen
Jörg Bernig, Daniela Dahn, Róza Domašzyna, Reinhard Jirgl, Angela Krauß und Jochen Laabs

Moderation:
Wilfried F. Schoeller

Ende gegen 21.30 Uhr
Eintritt frei
Beide Veranstaltungen in der Synagoge von Görlitz

„Flucht und Vertreibung. Das Gedächtnis der Literatur“

Die Referenten und die Schriftsteller

Jörg Bernig
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU in Dresden. Lebt in Radebeul. Prosa und Gedichte. Sudetendeutscher Kulturpreis für Literatur 2007.
Niemandszeit. Roman. 2002. Wüten gegen die Stunden. Gedichte. 2009

Marion Brandt
Lehrt Germanistik an der Universität Gdansk.
Grenzüberschreitungen. Deutsche, Polen und Juden zwischen den Kulturen (1918 – 1939). 2006

Daniela Dahn
Lebt als freie Schriftstellerin in Berlin und Mecklenburg. Dokumentaristin, Kurzprosa, vorwiegend Essayistin. Ludwig-Börne-Preis 2004.
Demokratischer Abbruch. Von Trümmern und Tabus. 2005

Róza Domašzyna
Sorbische Lyrikerin und Nachdichterin. Lebt in Bautzen, seit 1990 freie Schriftstellerin. Anna-Seghers-Preis 1998.
Ballonraketa. Dramatik. 2008

Carsten Gansel
Professor für Germanistische Literatur- und Mediendidaktik
an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Rhetorik der Erinnerung. Literatur und Gedächtnis in den „geschlossenen Gesellschaften“ des Real-Sozialismus. 2009

Reinhard Jirgl
Seit 1996 freier Schriftsteller in Berlin. Vorwiegend Romane. Bremer Literaturpreis 2006. Lion-Feuchtwanger-Preis 2009.
Die Unvollendeten. Roman. 2003. Die Stille. Roman. 2009

Angela Krauß
Seit 1981 freie Schriftstellerin in Leipzig. Romane, Erzählungen. Ingeborg-Bachmann-Preis 1988. Hermann-Lenz-Preis 2007.
Ich muß mein Herz üben. Gedichte. 2009

Jochen Laabs
Lebt als freier Schriftsteller in Berlin und Mecklenburg. Romane, Erzählungen, Gedichte. Uwe-Johnson-Preis 2006.
Späte Reise. Roman. 2006

Wilfried F. Schoeller
Literaturkritiker in Berlin. Generalsekretär des PEN-Zentrums Deutschland.
Deutschland vor Ort. Geschichten, Mythen, Erinnerungen. 2005

Pawel Zimniak
Professor für Germanistik an der Hochschule Zielona Góra.
Niederschlesien als Erinnerungsraum nach 1945. Literarische Fallstudien. 2007

Marek Zybura
Literaturwissenschaftler am Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Wroclaw.
Querdenker, Vermittler, Grenzüberschreiter. Beiträge zur deutschen und polnischen Literatur- und Kulturgeschichte. 2007

Beginn:
22.04.2009
Veranstaltungsort:
Berlin

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.