Mord an Natalja Estemirowa – Presseerklärung des deutschen PEN

Morde säumen den Weg in eine ungewisse Zukunft. Nun traf die brutale Heimtücke der Hinrichtungskommandos die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa. Gestern morgen wurde sie in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny entführt und wenig später in der Nachbarrepublik Inguschetien erschossen aufgefunden.

Natalja Estemirowa hat seit den Jahren des zweiten Tschetschenienkrieges für die russische Menschenrechtsorganisation „Memorial“ gearbeitet. Sie berichtete über Verbrechen gegen die Menschlichkeit und war für viele Geschundene und Verfolgte ein Rettungsanker. Seit der Ermordung ihrer Freundin Anna Politkowskaja im Oktober 2006 schrieb Natalja Estemirowa auch für die Moskauer Zeitung „Nowaja Gaseta“. Sie trug Sorge dafür, dass Willkür und Grausamkeit des Militärs und der örtlichen Behörden ans Licht der Öffentlichkeit kamen. Sie gab der leidgeprüften Bevölkerung ihrer Heimat eine Stimme. Ihr mutiges, selbstloses Engagement wurde mit der Robert-Schumann-Medaille des Europaparlaments und der Verleihung des Anna-Politkowskaja-Preises gewürdigt. Nun ist auch ihre Stimme verstummt.

Der deutsche PEN appelliert angesichts der deutsch-russischen Regierungskonsultationen in München an die Bundeskanzlerin Angela Merkel, darauf zu drängen, dass die russische Regierung die Mörder zur Verantwortung zieht und die Hintergründe des Mordes aufklärt. Nur dann kann die Serie von Morden, mit der engagierte Vorkämpfer für Demokratie in Russland hingerichtet werden, ein Ende haben. Keiner der politischen Morde der letzten zehn Jahre wurde bislang aufgeklärt.

Der Schmerz über den Verlust von Freunden und Mitstreitern, aber auch die Förderung des deutsch-russischen Dialoges gebieten es, Klarheit zu schaffen über die Vorgänge in Russland.

Für das PEN-Zentrum Deutschland
Dirk Sager
Vizepräsident

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