Türkische Schriftstellerin Nevin Berktaş zu Gast in Deutschland

Die türkische Journalistin, Schriftstellerin und Verlagslektorin Nevin Berktaş war nach dem Militärputsch von 1980 in einem Verfahren, das sich über neun Jahre hinzog, wegen Propaganda für eine illegale Organisation zu 18 Jahren Haft verurteilt worden und verbrachte wegen fehlerhafter Berechnung der Strafdauer insgesamt 21 Jahre, nämlich bis 2007, in türkischen Gefängnissen. Immer wieder wurde sie gefoltert und musste lange Phasen unter menschenunwürdigen Bedingungen in Isolationshaft zubringen, weil sie nicht bereit war, sich den gegen sie verhängten „Umerziehungsmaßnahmen“ zu unterwerfen. Sie musste öffentliche Demütigungen ertragen, wurde, an Händen und Füßen gefesselt, im Fernsehen regelrecht zur Schau gestellt, aber sie blieb ungebrochen.

Noch im Gefängnis, begann sie 2000 mit der Arbeit an einem Buch, in dem sie die Zustände in der Isolationshaft anprangerte und das ein Jahr später herauskam. Für dieses Buch, das umgehend auf dem Index landete, wurde sie 2001 – also während der Verbüßung ihrer langjährigen Freiheitsstrafe – vom damaligen Staatssicherheitsgericht erneut zu einer 45-monatigen Haftstrafe verurteilt.

Dank der Bemühungen ihres Anwalts und aufgrund einer Gesetzesänderung wurde das Strafmaß 2009 auf 10 Monate reduziert. Dieses Urteil wurde 2010 rechtskräftig und Anfang November letzten Jahres vollstreckt. Eigentlich hätte diese neuerliche Strafe Anfang Juni dieses Jahres geendet, aber der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, den Nevin Berktaş inzwischen angerufen hatte, verurteilte den türkischen Staat im Februar dieses Jahres wegen Verstoßes gegen die Meinungsfreiheit und gegen die Grundsätze fairer Verfahrensführung. Auch ihr Buch ist kürzlich – mit vielen Änderungen und unter einem neuen Titel – in der Türkei erschienen. Dies alles und nicht zuletzt wohl auch die breite nationale und weltweite Protestbewegung gegen die Willkür der türkischen Justiz gegenüber dieser mutigen Frau, mag dazu beigetragen haben, dass sich am 15. April völlig überraschend die Gefängnistore für Nevin Berktaş öffneten und sie ohne jede Vorankündigung um neun Uhr abends buchstäblich auf die Straße gesetzt wurde. Man ließ ihr nicht einmal Zeit, ihre Sachen zu packen. Das Ganze riecht nach einem kleinlichen Racheakt der Justiz: Man ließ sie gehen, doch man machte ihr die ersten Schritte in die Freiheit so unbequem wie möglich

Aber Nevin Berktaş hat viele gute Freunde, auf die sie bauen kann: Die NGO Reporter ohne Grenzen zahlte während ihrer Haft die Miete für ihre Wohnung, der türkischen PEN zeichnete sie mit seinem „Duygu Asena Award“ aus. Der schwedische PEN ernannte sie zu seinem Ehrenmitglied, das PEN-Zentrum Deutschland übernahm einen Teil der Anwaltskosten, ihr Verteidiger stand und steht ihr tatkräftig zur Seite, und als sie drei Tage vor Ostern erfuhr, dass das PEN-Zentrum Deutschland sie zu seiner diesjährigen Jahrestagung nach Ingolstadt eingeladen hat, sagte sie überglücklich zu. In Windeseile wurden und werden alle Formalitäten erledigt. Sie bekommt einen Interimspass, Freunde haben ihr Geld geliehen, damit sie alle anfallenden Gebühren für Auslandskrankenversicherung, Pass, Visum und diverse Bescheinigungen zahlen kann, das deutsche Konsulat in Istanbul zeigt ungewöhnliches Entgegenkommen, damit sie noch rechtzeitig ihr Visum erhält.

Am 5. Mai 2011 um 20 Uhr wird Nevin Berktaş beim Writers-in-Exile/Writers-in-Prison-Abend zur Eröffnung der Jahrestagung des PEN-Zentrums Deutschland in Ingolstadt auftreten. Vom 5. bis 7. Mai steht sie in Ingolstadt für Pressetermine zur Verfügung. Anschließend reist sie nach Berlin und ist dort vom 8. bis 20. Mai für Interviews, Autorengespräche etc. verfügbar.

Anfragen und Terminabsprachen bitte an
celif_camyar [at] yahoo [dot] de , Tel. 0179 9010839
christaschuenke [at] mac [dot] com, Tel. 030-4434 1437, mobil: 0160-9459 6899

Für das PEN-Zentrum Deutschland:
Christa Schuenke
Vizepräsidentin und
Writers-in-Exile-Beauftragte

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