Staatsanwaltschaft fordert erneut lebenslänglich unter verschärften Bedingungen für Pinar Selek – PEN-Zentrum Deutschland fordert die sofortige Einstellung des Verfahrens gegen die bereits dreimal freigesprochene Schriftstellerin und Soziologin

Am 7. März tagte im Istanbuler Stadtteil Beşiktaş die 12. Kammer des Hohen Sondergerichts für schwere Straftaten mit dem Ziel einer abschließenden Behebung von Verfahrensfehlern im sogenannten Gewürzbasar-Prozess, dessen Gegenstand die Aufklärung einer im Juli 1998 geschehenen Explosion auf dem Istanbuler Gewürzbasar ist. Zu den Hauptangeklagten in diesem Prozess gehört Pinar Selek, die jedoch bereits dreimal in derselben Sache freigesprochen wurde, zuletzt am 9. Februar 2011, nachdem das Oberste Kassationsgericht in Ankara die Aufhebung des Freispruchs angeordnet, das Istanbuler Gericht diesen jedoch ein drittes Mal bekräftigt hatte.
Die betreffenden Verfahrensfehler betrafen nicht Pinar Selek, sondern andere Angeklagte in diesem Prozess.

Mit Empörung konstatieren Seleks Anwälte, dass der öffentliche Ankläger während der gestrigen Verhandlung einen eklatanten Rechtsbruch beging, indem er seine persönliche Rechtsauffassung öffentlich kundtat, die in der Forderung nach einer lebenslänglichen Haftstrafe unter verschärften Bedingungen gegen Pinar Selek mündete. Die persönliche Rechtsauffassung des Anklägers, so Seleks Verteidigung, sei in einem solchen Verfahren ohne jeden Belang.

Das Gericht vertagte sich auf den 1. August, wenn die Aussagen der anderen Angeklagten sowie die Plädoyers von deren Verteidigern gehört werden sollen.

Wir teilen diese Empörung und fordern die sofortige Einstellung aller Verfahren gegen die ehemalige Stipendiatin unseres Writers-in-Exile-Programms. Die Soziologin und Schriftstellerin Pinar Selek, die Mitglied des türkischen PEN ist und 2009 mit dessen renommierten Duygu Asena Award geehrt wurde, musste 2009 aufgrund des seit nunmehr 14 Jahren andauernden Prozesses ihr Land verlassen und lebt seither im Exil.
Wir verlangen, dass Pinar Selek endlich zurückkehren kann in ihre Heimat und zu ihrer Familie.

Für das PEN-Zentrum Deutschland

Christa Schuenke
Vizepräsidentin und Writers-in-Exile-Beauftragte

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