16.11.2012 – Salon Exil: Lesung und Gespräch mit Fethiye Çetin (Türkei)

Fethiye Çetin ist eine Anwältin, Menschenrechtsaktivistin und Schriftstellerin aus der Türkei, die einen wichtigen Beitrag zur Schaffung einer alternativen öffentlichen Wahrnehmung der Ereignisse von 1915 leistet und die Hirne und Herzen der Menschen für die Erkenntnis öffnet, dass man sich den Grausamkeiten der Vergangenheit stellen muss, um eine gerechte, friedliche Gegenwart und Zukunft zu erreichen. So sorgte sie dafür, dass in der Provinz Elazig im Heimatdorf ihrer armenischen Großmutter zwei historische Brunnen restauriert wurden, und hat selbst die Restaurierungsarbeiten geleitet.
Geboren 1948, aufgewachsen im Osten der Türkei, studierte sie in Ankara Jura, wurde sie 1980 nach dem Militärputsch wegen „Verletzung des Nationalgefühls“ zu drei Jahren Haft verurteilt. Sie ist eine engagierte Verteidigerin der Menschenrechte, Sprecherin der Arbeitsgruppe Minderheitenrechte der Istanbuler Vereinigung der Rechtsanwälte und Mitglied einer Kommission gegen rassistische und diskriminierende Terminologie in türkischen Schulbüchern.

Als Schriftstellerin befasst sich Fethiye Çetin mit der Zwangsislamisierung der Armenier zu Beginn des 20. Jahrhunderts: 2004 erschien Anneannem, das 2011 auf Deutsch unter dem TitelMeine Großmutter herauskam und 2006 in Marseilles mit dem Prix Armenia ausgezeichnet wurde. Das Buch leistet einen wesentlichen Beitrag zur Enttabuisierung der Geschichte jener Armenier, die durch Konversion zum Islam die Massaker von 1915 überlebten. Ihr zweites Buch, das sie gemeinsam mit Ayşe Gül Altınay verfasste und das 2009 erschien, heißt Torunlar und basiert auf Interviews mit 25 Enkeln islamisierter Armenier. Für ihr Engagement gegen das Vergessen und für Versöhnung und Frieden zwischen Türken und Armeniern erhielt Fethiye Çetin 2011 den Preis der Gerechten der Stadt Padua (Padova – Città dei Giusti), der verbunden ist mit dem Eintrag ihres Namens imGiardino dei Giusti del Mondo di Padova, einem 2008 angelegten Park zu Ehren der „Gerechten aller Völker“, die für ihr Eintreten gegen Völkermord geehrt werden.

Als Rechtsanwältin verteidigte sie den bekannten armenischen Journalisten Hrant Dink, der 2007 auf offener Straße erschossen wurde, u. a. gegen Anklagen wegen „Beleidigung des Türkentums“. Seit Hrant Dinks Tod ist sie die Hauptverteidigerin im Verfahren gegen die Hintermänner, die schuld sind an seiner Ermordung. Sie vertritt Dinks Familie und seine Zeitschrift AGOS vor den türkischen Gerichten und vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Das machte sie zur Zielscheibe des Hasses jener ultranationalen Kräfte, die den Mord an Hrant Dink in Auftrag gaben, sowie auch derer, die ihn nicht verhindert haben. Weil sie immer wieder Morddrohungen erhielt, steht sie seit Herbst 2011 in der Türkei unter Polizeischutz. Dennoch haben ihre Freunde ihr geraten, angesichts der immensen Gefährdung ihres Lebens zumindest für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Seit Februar 2012 ist sie Stipendiatin im Writers-in-Exile-Programm desPEN.
Am 16. November 2012 ist Fethiye Çetin zu Gast im SALON EXIL.

Beginn:
16.11.2012 - 20:00 Uhr
Veranstaltungsort:
Lichtburgforum Berlin

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