Wolfgang Benz: Gedanken töten, um den Feind zu vernichten. Die Bücherverbrennung 1933 als aktuelles Ereignis

Rede anlässlich der Veranstaltung „Verfemt, verbrannt, verurteilt. 80. Jahrestag der Bücherverbrennung“ der Akademie der Künste in Zusammenarbeit mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem PEN Zentrum Deutschland und dem Verband Deutscher Schriftsteller in Berlin (10.5.2013)

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags Metropol. Erschienen in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 5, Mai 2013)

Das Ereignis, das simultan an vielen deutschen Universitätsstädten am 10. Mai 1933 stattfand, die feierliche Verbrennung von Büchern missliebiger Autoren, ist in das kulturelle Gedächtnis eingegangen als Akt der Barbarei, der nicht nur symbolisch eine Ära des Ungeistes, der Intellektfeindlichkeit und kultureller Engstirnigkeit, deutschtümelnder Provinzialität und spießbürgerlichen Geschmacks einleitete.[1] Das Urteil ist natürlich richtig, der Nationalsozialismus war antimodern, geistfeindlich, und der Vernichtung der Bücher folgte der Mord an Menschen von Staats wegen. Aber das Fanal arroganten Banausentums im Namen nationalsozialistischer Ideologie am 10. Mai 1933 war keine Weltpremiere, und es blieb nicht einzigartig. Die Tat ist auch nicht abgesunken in eine Vergangenheit, die historisch und damit überwunden ist. Das Ereignis und die Attitüde, für die es steht, sind hochaktuell. Das wird noch zu erläutern sein.

Zu schildern ist zunächst, was am 100. Tag, nachdem Adolf Hitler die Regierungsgewalt in Deutschland erhalten hatte, geschah. Studierende marschierten am späten Abend durch die Städte, versammelten sich an öffentlichen Plätzen, errichteten Scheiterhaufen und warfen mit verdammenden „Feuersprüchen“ unter lebhafter Anteilnahme von Rektoren und Professoren die Werke von Karl Marx, Sigmund Freud, Heinrich Mann, Erich Kästner, Erich Maria Remarque, Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky und anderen ins Feuer. Die „Verbrennungsfeiern“ waren von der nationalsozialistischen „Deutschen Studentenschaft“ organisiert, nicht vom Reichspropagandaministerium, wie lange vermutet wurde. Die Verkündung von „12 Thesen wider den undeutschen Geist“ auf Plakaten gehörte zur Inszenierung und machte präludierend deutlich, dass die Universitäten dem Nationalsozialismus keinen Widerstand entgegensetzten. In Berlin erhielt das Ereignis, das vom Publikum sonst eher gleichgültig aufgenommen wurde, seine besondere Weihe durch die Schmährede des Propagandaministers gegen die verfemten Autoren. Die Bücherverbrennung war damit nicht nur ein offensichtlicher Akt der Barbarei, sondern sie demonstrierte auch den Anspruch der NSDAP auf die kulturelle Hegemonie. In der Literatur, den Künsten und der Wissenschaft waren von der NS-Ideologie abweichende Meinungen verpönt, dies machte das Autodafé deutlich, als die Ideologen an die Macht gekommen waren, und so wurde es verstanden.

Die Bücherverbrennung wurde in mindestens 30 deutschen Universitätsstädten zelebriert, und wenn man die in der Nachfolge oder schon davor begangenen Aktionen in anderen Orten mitrechnet, dann waren es um die hundert Manifestationen des Ungeistes im Deutschen Reich.[2] Nach gleichem Plan, zur gleichen Stunde am späten Abend des 10. Mai bewegte sich die Prozession der Stumpfsinnigen durch den Ort. Fackelträger, uniformierte Studenten, korporierte Studenten, Professoren im Talar, eskortiert von Polizei (in Berlin hoch zu Ross), gefolgt von der Bücherlast, die für den Scheiterhaufen bestimmt war, auf Karren, LKWs oder Möbelwagen. Der zentrale Ablaufplan befahl das Gröhlen der gleichen Lieder, die gleiche Empörung „wider den undeutschen Geist“, die gleiche Feierlichkeit bei der kläglichen Darbietung, den gleichen Ernst, mit dem die Chargierten in starrer Pose leeren Blicks agierten, den gleichen Eifer, mit dem die Bücher ins Feuer geschleudert wurden.

Das Spektakel in den Hochschulorten wurde in der Folge in anderen Städten wiederholt. Akteure waren dort Angehörige der Hitlerjugend, Schüler, SA-Männer. Die Bücherverbrennung war in Berlin besonders pompös, weil der Propagandaminister es sich nicht nehmen ließ, dort auf dem Opernplatz die Feuerrede persönlich zu halten (ausweislich seines Tagebuchs war er auch hochzufrieden mit seiner oratorischen Leistung). Schandbar war die Beteiligung der Professoren. Insbesondere Germanisten – von Berufs wegen zur Mitwirkung aufgefordert – taten sich hervor. In Bonn war, als auf dem Marktplatz die Bücher brannten, Prof. Hans Naumann der Redner. Er zeigte sich dem Geist der neuen Zeit gewachsen, als er seine Ansprache mit der Versicherung begann, in der Gefahr sei Handeln „ohn allzu großes Bedenken“ geboten, und dann mit dem zeitüblichen Pathos verkündete „Fliegt ein Buch heute nacht zuviel ins Feuer, so schadet das nicht so sehr, wie wenn eines zu wenig in die Flammen flöge. Was gesund ist, steht schon von allein wieder auf“. Der Bonner Germanist hoffte nach gründlicher Verdammung der Literatur, die zum Scheiterhaufen verurteilt war, auf einen „neuen künstlerischen Geist der völkischen Aktivität“ und schloss mit dem Ruf „Heil denn also dem neuen deutschen Schrifttum! Heil dem obersten Führer! Heil Deutschland!“[3] In Göttingen ließ sich der Privatdozent Gerhard Fricke (nach seiner späteren Erinnerung erst nach zweimaliger Ablehnung auf dringende Intervention des Rektors) zum Anwalt der Büchervernichtung machen. Er nannte die Flammen das Symbol der Reinigung und des Kampfeswillens gegen alle Kräfte des Zerfalls. Er wünschte, „sie sollten in allen Universitätsstädten lodern, um Schmutz und Unrat zu verzehren, die Deutschland und das geistige Leben der Nation zu ersticken drohten“.[4]

Ein einziger Professor hat sich öffentlich verweigert. Der Berliner Theaterwissenschaftler Max Herrmann bat das Preußische Kultusministerium am 1. Mai 1933 um Dispens von den Kulturgräueln in seiner Universität. Er schrieb: „Hierdurch spreche ich die ergebene Bitte aus, mich freundlichst auf kurze Zeit zu beurlauben, so lange nämlich, wie in der Universität die von der Deutschen Studentenschaft erlassene Erklärung ‚Wider den undeutschen Geist‘ öffentlich aushängt. Meinem Ehrgefühl, das in meiner allzeit gehegten und bekundeten nationaldeutschen Gesinnung tief verwurzelt ist, widerstrebt es auf das entschiedenste, meine akademische Tätigkeit in einem Haus auszuüben, in welchem über die Angehörigen einer Gemeinschaft, zu der ich durch meine Geburt gehöre, öffentlich gesagt wird: ‚Der Jude kann nur jüdisch denken; schreibt er deutsch, dann lügt er.‘ Das widerstrebt mir um so entschiedener, als ich ja gerade das Wesen deutschen Geistes den Studenten verkündet habe. Ich schreibe deutsch, ich denke deutsch, ich fühle deutsch und ich lüge nicht.“ [5] Prof. Herrmann war Jude. Er ging 1944 in Theresienstadt zugrunde.

Das Wüten gegen den Geist war zum Flächenbrand geworden, der weit mehr Orte erfasste, als man lange Zeit wusste, und dessen Folgen überall spürbar waren. Gesäuberte Bibliotheken, in deren Regale drittklassige Belletristik, völkischer Kitsch und Indoktrinationsliteratur Einzug hielten, in denen Titel der Weltliteratur der Moderne und Resultate kritischer Wissenschaft fehlten, weil ihre Kenntnis- und Nutzanwendung verboten und ihre Autoren verfemt waren. Das verödete Feld neu zu bestellen, erwies sich in den Jahren nach 1945 als schwere Aufgabe, und noch länger dauerte es, aus den Köpfen der Machthaber die Vorstellung zu verbreiten, man dürfe durch Zensur Politik machen und anordnen, was zu lesen sei, und verbieten, was der unmündige Bürger nicht wahrzunehmen habe. Dass dies in der DDR Regierungspraxis war, ist geläufig und muss nicht belegt werden. Verboten waren in der DDR auch einige der Werke des Schriftstellers Stefan Heym, der 1913 in Chemnitz geboren wurde, der 1933 als Jude aus Deutschland floh, der 1944 als amerikanischer Soldat gegen Hitler kämpfte, der einige Jahre später die Vereinigten Staaten der gesinnungsschnüffelnden McCarthy-Ära verließ und nach Deutschland zurückkehrte, in die DDR, wo er auch bald „in Konflikt mit den Autoritäten geriet“.[6]

Stefan Heym, parteiloser Sozialist, war auf der Liste der PDS im Herbst 1994 in den Bundestag gewählt worden. Ihm fiel das Amt des Alterspräsidenten in der konstituierenden Sitzung am 10. November 1994 zu. Die größte Fraktion des Hauses hatte sich dazu einschwören lassen, mit starrem Blick und eisigem Schweigen die Rede des, wie die Abgeordneten dieser Partei wähnten, einstigen Staatsdichters der DDR über sich ergehen zu lassen. Sich von den Sitzen zu erheben, wie es Brauch ist und wie es die Höflichkeit gegenüber dem 81-jährigen Senior des Parlaments geboten hätte, verweigern diese Volksvertreter, die den Rückfall in den Kalten Krieg zelebrieren. Sie sind auch nicht in der Lage, Beifall zu spenden, als Heym der Hoffnung Ausdruck verleiht, „Chauvinismus, Rassismus, Antisemitismus und stalinsche Verfahrensweisen sollten für immer aus unserem Lande gebannt sein“.

Es war eine würdige, nachdenkliche und angemessene Ansprache, die Probleme beim Namen nannte, nicht provozierte. Auch die Summe der Lebenserfahrung des Emigranten, unbequemen Intellektuellen, kritischen Schriftstellers, die Heym zu dem Satz verdichtete „Nicht die Flüchtlinge, die zu uns dringen, sind unsere Feinde, sondern die, die sie in die Flucht treiben“ entlockte nur einem Mitglied des Hohen Hauses beifällige Zustimmung. Aber als Heym fragte, ob außer den zutage liegenden Errungenschaften des Westens nicht auch Erfahrungen aus dem Leben der früheren DDR für die gemeinsame Zukunft Deutschlands fruchtbar zu machen seien, wich die Versteinerung der schweigenden Ablehnung in der Fraktion. Das Protokoll verzeichnet Unruhe.

Ob das in den Zusammenhang einer Betrachtung des historischen Ereignisses der Bücherverbrennung gehört? Zweifellos, denn das Autodafé ist ja nur die letzte Stufe eines Prozesses, der mit Intoleranz, Ausgrenzung, Stigmatisierung, Unterdrückung von Gedanken und Meinungen, dem Verbot von Drucksachen, Filmen, Musikstücken oder Kunstwerken beginnt, mit der schweigenden Verachtung des Andersdenkenden, mit der Verweigerung von Toleranz. Zensur ist nicht allein durch den Machtspruch von Behörden und Gerichten zu bewerkstelligen. Es gibt subtilere Methoden. Da gab es, nach dem Lehrstück Bücherverbrennung, nach der Kulturdiktatur der Nationalsozialisten in der frühen Bundesrepublik die von kirchlichen und konservativen Kreisen inspirierte Kampagne gegen den Film „Die Sünderin“, weil die Aktrice im tiefen Dämmerschein für einen winzigen Moment hüllenlos mehr zu ahnen als zu sehen war. Ein anderes Beispiel für die massive Intervention der Staatsgewalt gegen einen Autor und seinen Verlag: Im Bonner Kanzleramt wurde Anfang der 1960er-Jahre mit großer Energie versucht, ein unerwünschtes Buch zu verhindern, nämlich die dokumentarische Behandlung der Causa Globke durch Reinhard-M. Strecker.[7] Der Geheimdienst versuchte es mit Geld, dem Verlag wurde gedroht, ein banaler Druckfehler gab schließlich den Juristen eine Handhabe.

Die Vorstellung, dass es zur Staatskunst gehöre, missliebige Gedanken – zum Wohle des Bürgers natürlich – mit dem Instrumentarium der Macht zu hindern, könnte zum unbewussten Erbe nationalsozialistischen Politikverständnisses gehören, sie steht auf jeden Fall in dieser Tradition. Auch wenn ein Ministerpräsident in einer Rundfunkanstalt anrufen lässt, um einem Chefredakteur Ratschläge zur Nichtausstrahlung einer Sendung zu erteilen, die in der Staatskanzlei Unmut erregt, oder wenn einem Programmdirektor Andeutungen über die richtige Platzierung und Gewichtung eines Themas gemacht werden. Das ist unzulässig und das ist Missbrauch eines politischen Amtes. Dass solches Tun beim Historiker Assoziationen im Zusammenhang mit Zensur und ihrer ultimativ drastischsten Form, der Vernichtung von Büchern, auslöst, wird man verzeihen oder als professionelle Deformation abtun.

Aber es wäre gefährlich und fatal, wenn wir uns als Bürger eines freiheitlichen Gemeinwesens damit begnügen würden, der Ereignisse des 10. Mai 1933 zu gedenken, mit Entrüstung, mit Trauer über die Barbarei, mit Emotionen über das begangene Unrecht und den kulturellen Verlust, schließlich aber auch mit dem Gefühl, das läge jetzt 80 Jahre zurück, gehöre einer fernen Zeit an, die überwunden sei, und wir befänden uns nicht zuletzt wegen unseres so entschiedenen Erinnerns, Trauerns und Gedenkens auf sicherem Ufer.

Aktuelle Beispiele für Vernichtungswünsche gegenüber unerwünschten Gedanken sind ohne Mühe zu finden. Autoritäre Macht spüren Schriftsteller, Intellektuelle, Künstler in Russland, wenn sie kritisch auftreten. Totalitären Druck üben chinesische Politiker aus, um die Staatsräson gegen Künstler und Intellektuelle durchzusetzen. In Ungarn herrscht derzeit gegenüber Minderheitsmeinungen ein eigenartiges Demokratieverständnis. Wenn eine Regierung so viel Mühe walten lässt, um Antisemitismus und Antiziganismus, die im Lande grassieren, schönzureden, dann hat sie Grund dazu. Und mehr noch, wenn Verfassungsänderung als Mittel gegen Meinungsfreiheit eingesetzt wird, dann muss man nicht Bücher verbrennen und das Odium der Barbarei auf sich nehmen. Dann ist das Problem des unerwünschten Gedankens im Vorfeld eleganter gelöst. Aber man braucht nicht kommunistische oder postkommunistische, faschistische oder postfaschistische Strukturen als Voraussetzung, wenn in einem Staat und einer Gesellschaft der freie Geist an seiner Entfaltung gehindert wird – sei es mit der brachialen Methode des Bücherverbrennens oder sei es in subtilerer Form.

Ein rabiater Pastor, Terry Jones, sorgt als Seelsorger einer winzigen Sekte fundamentalistischer Christen in Gainesville, Florida, zuvor in Köln am Rhein, für weltweites Aufsehen. Er spielt gerne mit Feuer und hat das Bücherverbrennen im Repertoire. In eindimensionaler Weltsicht hat er den Islam als Ursprung allen irdischen Übels ausgemacht und als dessen Quelle den Koran. Lebhaft unterstützt von seiner Gemeinde, kündigte er für den symbolträchtigen 11. September 2010 eine Koranverbrennung an, was weltweit Proteste auslöste und nicht zuletzt nach patriotischen Ermahnungen der US-Regierung (wegen der Sicherheit amerikanischer Bürger angesichts vorhersehbarer gewaltsamer Proteste in muslimischen Ländern) vorerst unterblieb. Im Frühjahr 2011 wurde die unfromme Absicht dann aber doch verwirklicht. Bei einem „Prozess“, in dem Pastor Jones als Richter amtierte, wurde der Koran feierlich zur Verbrennung verurteilt. Der Richterspruch wurde von einem zweiten Pastor, der mit dem Grillanzünder das Amt des Henkers versah, vollstreckt.

Die Folgen waren absehbar: Aufgebrachte Gläubige oder Fanatiker töteten und verletzten bei Protesten in Afghanistan nicht wenige Menschen. Den Pastor rührte es nicht, dass sein Wirken Unruhen auslöste wie den Sturm auf das Büro der Vereinten Nationen in Masar i Scharif, bei dem sieben Ausländer zu Tode kamen. Er lehnte jede Verantwortung ab und erklärte zufrieden, er habe „das Bewusstsein für diese gefährliche Religion schärfen“ wollen. Der Brandstifter fühlt sich durch den Brand bestätigt. Der Hass gegen den Islam macht ihn blind, sein Verdikt der durch ihn ausgelösten Gewalt ist bei rationaler Beurteilung nur Heuchelei oder Zynismus. Emotional betrachtet, bestätigt sich die Tat durch ihre Wirkung: Für den Fundamentalisten besteht die Welt nur aus dem Guten, das er vertritt, und dem Bösen, das er bekämpft. Die Folgen seines Wirkens kümmern ihn nur so weit, als sie in seinem Sinne, als sie Ziel seiner Absicht sind. Das Sendungsbewusstsein des Manichäers lässt ihn und seinesgleichen auf spektakuläre Inszenierungen sinnen, die von Medien aufgegriffen werden und Erregung stimulieren.

Ein Gericht in Istanbul hat kürzlich den bedeutendsten Pianisten der Türkei, Fazil Say, wegen Blasphemie zu zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Sein Vergehen: Er hatte das Gedicht eines mittelalterlichen persischen Poeten verbreitet. Die Verse lauten „Du behauptest, durch die Bäche wird Wein fließen – ist das Paradies etwa eine Schänke? Du sagst, jeder Gläubige wird zwei Jungfrauen bekommen – ist das Paradies etwa ein Bordell?“ Der Musiker hatte den Kommentar hinzugefügt: „Überall, wo es Schwätzer, Schurken, Sensationsgierige, Diebe, Blödmänner gibt, sind sie alle furchtbar fromm.“[8]

Der doktrinäre Eifer der Rechtgläubigen beruft sich seit jeher auf Gottes Willen, ersatzweise auf die „Vorsehung“ oder andere transzendentale Gewalten, die sich ihnen unmittelbar mitgeteilt haben. In der säkularen Welt ist es das „gesunde Volksempfinden“ oder die Staatsräson, an die appelliert wird, um unerwünschte Kunst – Literatur, Bildwerk, Musik, Film – zu schmähen und zu tilgen. Aber gemeint ist in beiden Fällen nicht das Kunstwerk oder die Schrift, deren Vernichtung gefordert und vollzogen wird – gemeint sind Gesinnung und Lebensform von Menschen und damit die Menschen selbst.

Talmudhetze war immer das Instrument, Juden auszugrenzen, weil sie Juden waren. Ihre Religion diente als Mittel zum Zweck, sie wurde als Inkarnation des Bösen verurteilt, um die Gläubigen zu stigmatisieren. Und wie einst die Talmudhetze gegen Juden funktionierte, so ist heute Koranhetze wirksam gegen Muslime. Sie werden über ihre religiösen und kulturellen Traditionen als Fremde definiert. Die Feindbilder beschwören die Ängste der Mehrheit vor der Minderheit, Bedrohungsszenarien stiften zugleich Einheitsgefühl und Selbstbewusstsein, sie delegieren alles Negative auf (beliebige) Minderheiten. Dazu bedarf es der Inszenierungen und Rituale, wie sie als Bücherverbrennungen eine lange Geschichte haben. Wer den Talmud verbrennt, will die Juden vernichten, wer den Koran verbrennt, zeigt damit an, dass er Muslime verbrennen will. So wird seit dem Mai 1933 jedenfalls das Heine-Zitat verstanden: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Das hatte Heine im Drama „Almansor“ den spanischen Muslim Hassan sagen lassen als Kommentar zur Koran-Verbrennung, die der Kardinal in Granada, dem Refugium der Mauren auf der Iberischen Halbinsel zur Zeit der Reconquista, angeordnet hatte.

Macht, getrieben von Ideologie, kann nichtkonformen Geist nicht dulden. Freies Denken löst Bedrohungsängste bei Inhabern staatlicher Gewalt aus, wenn sie manichäischer Gesinnung sind. Exempel dafür liefern die autoritären und diktatorischen Regimes in Vergangenheit und Gegenwart. Die Abwehr der Bedrohung geschieht durch Diskriminierung und Verfolgung. Andersdenkende, Kritiker, Oppositionelle werden – als Stellvertreter, zur Warnung, zur Strafe – zu Feinden deklariert. Die Definition als Feind ermöglicht und legitimiert scheinbar die Verfolgung. Das Instrumentarium ist bekannt: Bürokratie, Justiz, Exekutive. Den auf fremdem Territorium als Staatsgast weilenden Kremlchef amüsiert eine Demonstration junger Frauen gegen ihn. Der das Schauspiel belächelnde Staatschef statuiert zu Hause an anderen jungen Frauen, die in einer Kirche demonstriert haben, das Exempel. Er schickt die Sängerinnen von pussy riot nach einem Schauprozess ins Straflager nach Sibirien, wie es auch der Zar und Stalin machten, wenn geistige Unabhängigkeit – als Aufruhr definiert – zu brechen war.

Die Symbolkraft einer Bücherverbrennung übertrifft die justizförmige Prozedur solchen Verdammens und Strafens allemal. Die Bücherverbrennung nehmen wir wahr als Exzess und reagieren mit Entrüstung. Aber was geschieht auf weniger spektakuläre Weise, im alltäglichen Vollzug der Macht an so vielen Orten, ohne dass wir uns erregen? Wie viele Literaten, Künstler, Intellektuelle sind in diesem Augenblick, in dem wir einer kulturellen Barbarei, der Bücherverbrennung in Deutschland vor 80 Jahren, gedenken, wegen ihrer Gesinnung, ihrer wahrheitsgetreuen Beschreibung von realen Zuständen, ihres Plädoyers für Meinungsfreiheit im Gefängnis, stehen unter Hausarrest, werden gedemütigt, sind an Leib und Leben bedroht, werden gerade gefoltert oder schon totgeschlagen?

Erlauben Sie ein letztes Beispiel für die Aktualität unseres Themas. Im Februar 2013 erhielt der iranische Regisseur Jafar Panahi bei der Berlinale einen Silbernen Bären für den Film „Pardé“ („Geschlossener Vorhang“). Er konnte die Auszeichnung nicht persönlich entgegennehmen, weil er keine Ausreiseerlaubnis bekam. Mehr noch, die Teheraner Regierung bezeichnete den Film als „illegal“, protestierte in Berlin gegen den Preis und bezeichnete die Aufführung des Films als eine Straftat. Wenn eine Behörde wie das iranische Kultusministerium auf internationaler Bühne sich lächerlich macht, dann ist das nicht des Aufhebens wert. Aber der Filmkünstler Panahi war schon 2010 zu sechs Jahren Haft und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt worden. Die monströse Reaktion, lange vor der Auszeichnung in Berlin, lässt Schlimmes ahnen und befürchten.

Wir wissen, was der Bücherverbrennung im nationalsozialistisch werdenden Deutschland folgte: Berufsverbote, die Verödung von Kunst und Literatur im Triumph einer rassistischen, menschenfeindlichen, geistfernen Ideologie, unter deren Herrschaft Millionen Menschen ermordet wurden, weil sie zu Feinden erklärt waren. Wenn wir mit Trauer des symbolischen Auftakts zur Barbarei heute vor 80 Jahren gedenken, dann kann das nur den Sinn haben, die aktuellen Opfer manichäischer Gesinnung, bornierten Machtmissbrauchs, des Wahns der Unfreiheit mit einzuschließen und für ihre Freiheit einzutreten.


[1] Dieser Text ist der unveränderte, lediglich durch Belege für Zitate ergänzte Wortlaut der Rede, die am 10. Mai 2013 bei der Veranstaltung „Verfemt, verbrannt, verurteilt. 80. Jahrestag der Bücherverbrennung“ der Akademie der Künste in Zusammenarbeit mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem PEN Zentrum Deutschland und dem Verband Deutscher Schriftsteller in Berlin gehalten wurde.

[2] Vgl. Julius H. Schoeps/Werner Tress (Hrsg.), Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933, Hildesheim 2008. Die dort ermittelten Zahlen (93 Bücherverbrennungen deutschlandweit in 70 Städten im Zeitraum März bis Oktober 1933) sind schon wieder überholt. In der Publikation Burkhard Stenzel, Nationalsozialistische Bücherverbrennungen in Thüringen, Erfurt 2013, sind weitere bisher unbekannte Autodafés beschrieben.

[3] Zit. nach Gerhard Sauder, Akademischer „Frühlingssturm“, Germanisten als Redner bei der Bücherverbrennung, in: Ulrich Walberer (Hrsg.), 10. Mai 1933. Bücherverbrennung in Deutschland und die Folgen, Frankfurt a. M. 1983, S. 140–159.

[4] Ebenda, S. 150.

[5] Zit. nach Werner Flaschendränger u. a., Magister und Scholaren, Professoren und Studenten. Geschichte deutscher Universitäten und Hochschulen im Überblick, Leipzig 1981, S. 178 f.

[6] Rede des Alterspräsidenten Stefan Heym zur Eröffnung der 13. Wahlperiode des Deutschen Bundestags, 10. 11. 1994, stenogr. Bericht S. 1–4.

[7] Reinhard-M. Strecker (Hrsg.), Dr. Hans Globke. Aktenauszüge, Dokumente, Hamburg 1961.

[8] Zit. nach Süddeutsche Zeitung, 16. 4. 2013.

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