Pressekampagne des Internationalen PEN zum Auftakt der Olympischen Spiele: Aufhebung repressiver Gesetze gefordert

Pressemitteilung, Darmstadt, 5. Februar 2014

Pressekampagne des Internationalen PEN zum Auftakt der Olympischen Spiele: Aufhebung repressiver Gesetze gefordert

Zum Start der Olympischen Spiele in Sotschi veröffentlicht der internationale PEN am 6.2. um 14 Uhr GMT in einer weltweiten Internet-Aktion einen offenen Brief, der die russische Regierung nachdrücklich auffordert, die in jüngerer Zeit verabschiedeten Gesetze zur „homosexuellen Propaganda“, zur „Blasphemie“ und zur sogenannten „Verleumdung“ aufzuheben, da sie das Recht auf freie Meinungsäußerung strangulieren. „Als Schriftsteller können wir nicht tatenlos zusehen, während unsere Journalisten- und Schriftstellerkollegen zum Schweigen gebracht werden oder Verfolgung und oftmals drastische Bestrafungen riskieren für die bloße Mitteilung ihrer Gedanken.“ Zu den Unterzeichnern gehören die Schriftsteller Orhan Pamuk, Elfriede Jelinek, Wole Soyinka, Julian Barnes, Margaret Atwood, Salman Rushdie und Ian McEwan. Aus Deutschland unterstützen neben PEN-Präsident Josef Haslinger u. a. die Autoren Uwe Timm, Gert Heidenreich, Christoph Hein, Michael Krueger, Ulrich Beck, Ingo Schulze, Ilija Trojanow und Klaus Staeck den Brief. „Mit gerechten Gesetzen braucht man keine Amnestien“, so John Ralston Saul, der Präsident des internationalen PEN, der 144 Zentren aus 100 Ländern vereinigt.

Für das PEN-Zentrum Deutschland

Sascha Feuchert                            Regula Venske
Vizepräsident                                  Generalsekretärin

Das PEN-Zentrum Deutschland ist eine der weltweit über 140 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International vereint sind. Die drei Buchstaben stehen für die Wörter Poets, Essayists, Novelists. Der PEN wurde 1921 in England als literarischer Freundeskreis gegründet. Schnell hat er sich über die Länder der Erde ausgebreitet und sich als Anwalt des freien Wortes etabliert – er gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftsteller.

Nachstehend der vollständige Brief in deutscher Übersetzung sowie das englische Original:

„Die Geschichte des modernen Russlands ist die eines dramatischen, fast schon seismischen Wandels. Literarische und journalistische Stimmen aus Russland haben schon immer danach gestrebt, sich jenseits des Lärms ihrer sich entwickelnden nationalen Geschichte Gehör zu verschaffen – diese zu kommentieren und mitzugestalten und so zur politischen und intellektuellen Gestaltung der Welt weit über die Grenzen ihres Landes hinaus beizutragen. Aber während der letzten 18 Monate haben die russischen Gesetzgeber eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die das Recht auf freie Meinungsäußerung in Russland in einen Würgegriff nehmen. Als Schriftsteller können wir nicht tatenlos zusehen, während unsere Journalisten- und Schriftstellerkollegen zum Stillschweigen gedrängt werden oder Verfolgung und oftmals drastische Bestrafung riskieren für die bloße Mitteilung ihrer Gedanken. Drei dieser Gesetze bringen Schriftsteller besonders in Gefahr: Die Gesetze zur so genannten homosexuellen ‚Propaganda‘ und zur ‚Blasphemie‘, die die ‚Unterstützung‘ von Homosexualität und ‚religiöser Beleidigung‘ verbieten, und die Re-Kriminalisierung von Verleumdung. Eine gesunde Demokratie muss die unabhängigen Stimmen aller ihrer Bürger hören; die globale Gemeinschaft braucht die Vielfalt russischer Meinungen und wird durch sie bereichert. Deshalb drängen wir die russische Regierung, diese Gesetze, die die freie Meinungsäußerung unterdrücken, aufzuheben, Russlands Verpflichtungen im Rahmen des  internationalen Pakts für bürgerliche und politische Rechte anzuerkennen und die Meinungs- und Glaubensfreiheit zu respektieren (das Recht, nicht zu glauben, eingeschlossen). Darüber hinaus fordern wir sie auf, ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, das es allen Bürgern erlaubt, ihre Meinungen frei zu äußern.“

“The story of modern Russia is the story of dramatic, almost seismic change. Russian voices, both literary and journalistic, have always striven to make themselves heard above the clamour of their nation’s unfolding story – commenting on it, shaping it and, in doing so, contributing to the political and intellectual shape of the world far beyond their country’s borders. But during the last 18 months, Russian lawmakers have passed a number of laws that place a choke hold on the right to express oneself freely in Russia.  As writers, we cannot stand quietly by as we watch our fellow writers and journalists pressed into silence or risking prosecution and often drastic punishment for the mere act of communicating their thoughts. Three of these laws specifically put writers at risk: the so-called gay ‘propaganda’ and ‘blasphemy’ laws, prohibiting the ‘promotion’ of homosexuality and ‘religious insult’ respectively, and the re-criminalisation of defamation.
A healthy democracy must hear the independent voices of all its citizens; the global community needs to hear, and be enriched by, the diversity of Russian opinion.

We therefore urge the Russian authorities to repeal these laws that strangle free speech, to recognise Russia’s obligations under the International Covenant on Civil and Political Rights to respect freedom of opinion, expression and belief – including the right not to believe – and to commit itself to creating an environment in which all citizens can experience the benefit of the free exchange of opinion.”

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