Erklärung des russischen PEN

Das Plakat beschimpft russische Autoren als Verräter

Das Plakat beschimpft russische Autoren als Verräter

In einer Stellungnahme haben sich die russischen Kollegen zur gegenwärtigen Krise  und zur aktuellen russischen Politik geäußert. Das PEN-Zentrum Deutschland veröffentlicht nachstehend eine deutsche Version des Textes, der von Hans Thill, Tanja Kinkel und Thomas Rothschild übersetzt wurde:

Wir sind für Meinungsfreiheit und gegen Gewalt

Stellungnahme des russischen PEN-Zentrums – 10. Mai 2014

Der Wahrheit Sprache zu verleihen und durch ihr berufliches und privates Leben Bedeutung zu verschaffen, ist die Aufgabe von Schriftstellern und Journalisten, ist die Aufgabe einer Gemeinschaft von Literaten. Das einzige Instrument, das wir besitzen, um  Sinn zu erzeugen und die WIrklichkeit abzubilden, ist das Wort.

Derzeit benutzen die russischen Autoritäten Worte, um den Sinn dieser Worte zu zerstören. Es versteht sich von selbst, daß dies ein Verbrechen gegen alle Kultur ist.

Worte, die in den Herzen der meisten Russen ein starkes gefühlsmäßiges Echo auslösen, werden dazu mißbraucht, um Agressivität und Haß zu schüren – Worte wie „Faschismus“, „Junta“ und „Nationalsozialismus“.  Erst vor kurzem haben die Behörden dieser Liste zwei weitere Worte hinzugefügt:  „Volksverräter“ und „die fünfte Kolonne“.  Begriffe, die in den für die Zivilisation schwersten Zeiten entstanden sind.  Solche Worte werden auf Menschen angewendet, die offen ihre eigene Meinung ausdrücken, wenn diese Meinung der Position des Staates widerspricht.

Aber die Mächtigen greifen nicht nur auf beliebte Slogans zurück; ihnen steht auch eine gewaltige Maschine zur Herstellung von Gesetzen zur Verfügung. Heute wird die Meinungsfreiheit mit Terrorismus  auf eine Stufe gestellt.  Es wurden ungerechte und verfassungswidrige Gesetze gegen Blogger und gegen Unterstützung separatistischer Bewegungen erlassen, Gesetze über Verleumdung, Gesetze über die Rehabilitierung von Nazis. Was diese Gesetze wirklich kriminalisieren, ist die Meinungsfreiheit. Sie geben dem Staat einen Würgegriff auf die Macht, Inhalt und Bedeutung zu schaffen. Wenn Gewalt durch Wort und Inhalt ausgeübt wird, dann wird sie unweigerlich auch körperlich. Die Eskalation der Lüge verwandelt sich zu militärischer Eskalation. Genauso sieht der Krieg in der Ukraine derzeit aus.

Es begann mit Lügen über Gewaltausbrüche in der Krim, was zu dutzenden von realen Opfern führte. Als Präsident Putin einer Reihe von Journalisten am Tag vor dem Tag der Presse staatliche Ehrungen verlieh, wurden diese Journalisten de facto Soldaten in genau diesem Krieg. Ihre Lügen verwandelten sich zu Blut und Tod. Ihr Zynismus und ihre Hysterie haben dem Bewußtsein der russischen Gesellschaft großen Schaden zugefügt. Und gleichzeitig rühmen die Rechtfertigungen der Staatsehrungen, die von dem Präsidenten unterschrieben wurden, ihre „objektive Berichterstattung über die Ereignisse“.

Wir haben weder das moralische noch berufliche Recht, uns damit abzufinden, wie Worte entehrt und ihre Bedeutung zerstört werden.

Wir werden unsere Position auch in Zukunft mit völliger Offenheit darlegen. Wir werden weiterhin einen Dialog mit unseren Freunden in der Ukraine führen, um wir gemeinsam gegen all die Lügen und Gewalt Widerstand zu leisten.

Besser als Bürokraten und politische Intriganten wissen wir um die wahre Macht der Worte.

Und wir werden uns nicht mundtot machen lassen.

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