PEN-Vizepräsident und Writers-in-Prison-Beauftragter Ralf Nestmeyer im Gespräch

Ralf Nestmeyer
Foto: Stefanie Silber

Auf der diesjährigen PEN-Jahrestagung in Göttingen sind Sie zum neuen Vizepräsidenten und Writers-in-Prison-Beauftragten des PEN gewählt worden. Sie sind seit zwei Jahren Mitglied im deutschen PEN. Was hat Sie dazu bewogen, sich nun im PEN-Präsidium verstärkt für die Writers-in-Prison-Arbeit einzusetzen?

Ralf Nestmeyer: Die Arbeit von Writers-in-Prison liegt mir schon seit Jahren am Herzen. Westdeutsche Autoren genießen seit Ende des Zweiten Weltkriegs – die ostdeutschen Kollegen erst seit 1989 – das Privileg, ihre Meinung frei von staatlicher Zensur und anderen Repressalien äußern zu können. Daher sehe ich es geradezu als eine Verpflichtung an, sich für Autoren einzusetzen, die in Diktaturen und anderen Regimen leben und aufgrund ihrer Meinungsäußerung bedroht sind.

Was war Ihre erste Amtshandlung als neugewählter Vizepräsident des deutschen PEN-Zentrums?

Ralf Nestmeyer: Ich habe mich mit einem offenen Brief an den Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe gewandt und ihn (letztlich vergeblich) aufgefordert, mit der Enthüllung des Karl-Marx-Denkmals so lange zu warten, bis Liu Xia freigelassen wird. Mein Brief hat weite Kreise gezogen. Nicht nur zahlreiche deutsche Medien (Zeit online, Stern, Focus, Die Welt, RTL, Deutschlandradio, etc.), sondern auch der Corriere della Sera und das Wall Street Journal  hatten darüber berichtet. Ziel der Aktion war es, die Öffentlichkeit an die unsägliche Internierung von Liu Xia zu erinnern.

Als Autor von Reiseliteratur sind Sie sicherlich gut vernetzt. Kennen Sie Journalisten oder Redakteure (aus ihrem Umfeld), die von der Einschränkung der Pressefreiheit betroffen sind? Waren Sie möglicherweise selbst von Einschränkungen und Zensurmaßnahmen vor Ort in einzelnen Ländern betroffen?

Ralf Nestmeyer: Nein, da ich hauptsächlich über Frankreich, England und Italien schreibe, blieb mir dies erspart. Aber Ralph-Raymond Braun, ein Freund und Kollege von mir, verbrachte aufgrund eines Vortrags zur armenischen Geschichte sieben Monate in Haft in der Osttürkei und kam damals erst durch die Intervention von Hans-Dietrich Genscher wieder frei.

In welchen Ländern ist die Lage für Autoren besonders bedrohlich?

Ralf Nestmeyer: Leider in viel zu vielen Ländern. Angefangen bei der Türkei, über Schwarzafrika, China bis hin zu zahlreichen islamischen Ländern wie Ägypten und Bangladesch. Aber auch in Mittelamerika sowie in Osteuropa ist es für die schreibende Zunft nicht zum Besten bestellt. Die Bedrohung der Meinungsfreiheit ist zu einem globalen Phänomen geworden.

Welche Akzente möchten Sie in Ihrem neuen Amt setzen?

Ralf Nestmeyer: Zuerst hoffe ich, dass ich die erfolgreiche Arbeit meines Vorgängers Sascha Feuchert fortführen kann. Nach einer Orientierungsphase werden sich sicherlich eigene Schwerpunkte ergeben, wobei ich auch auf die aktive Unterstützung der anderen PEN-Mitglieder angewiesen bin.

Der PEN versteht sich als Anwalt des freien Wortes. Wie lässt sich dieser Anspruch Ihrer Ansicht nach konkret umsetzen? Was können die Schriftsteller im PEN leisten, um verfolgten und inhaftierten Kollegen in deren Heimatländern zu helfen?

Ralf Nestmeyer: Kurz: Sich aktiv zu Wort melden, sich für bedrohte und inhaftierte Autoren einsetzen, indem sie sich beispielsweise am „Rapid Action Network“ des internationalen PEN beteiligen und aktuelle Aktionen unterstützen.

Können auch Menschen, die selbst nicht Mitglied im deutschen PEN sind, die Writers-in-Prison-Arbeit unterstützen?

Ralf Nestmeyer: Ja. Sie können sich an den Seasons-Greetings-Aktionen aktiv beteiligen und inhaftierten Autoren schreiben. Dies bedeutet für die Gefangenen oft deutliche Hafterleichterungen und stärkt ihren Durchhaltewillen. Zudem steht der Förderkreis des PEN jedem Interessierten offen.

Was stellt die größte Herausforderung für die Writers-in-Prison-Arbeit dar?

Ralf Nestmeyer: Nachhaltige Erfolge zu erzielen, ist sicherlich schwer. Die Writers-in-Prison-Arbeit ist eine Sisyphusarbeit. Weltweit gibt es leider immer neue Brandstellen.

Welche Ziele möchten Sie bis zur Jahrestagung 2019 in Chemnitz erreicht haben?

Ralf Nestmeyer: Um abschließend eines zu nennen: Ich möchte einen Spendenzuwachs für Writers-in-Prison vermelden können. Bisher ist es jährlich nur eine geringe fünfstellige Summe gewesen. Damit sollten wir uns nicht zufriedengeben. Der deutsche PEN leistet einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung bedrohter Autoren. Hierzu ist aber eine bessere finanzielle Ausstattung langfristig notwendig. Es würde mich daher auch freuen, wenn PEN-Mitglieder in ihrem Bekannten- und Freundeskreis aktiv auf die wichtige Arbeit von Writers-in-Prison hinweisen und um Spenden bitten möchten.

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