PEN-Vizepräsident und Writers in Exile-Beauftragter Leander Sukov im Gespräch

Auf der diesjährigen PEN-Jahrestagung in Chemnitz sind Sie zum neuen Vizepräsidenten und Writers in Exile-Beauftragten des PEN gewählt worden. Was hat Sie dazu bewogen, sich nun im PEN-Präsidium verstärkt für die Writers in Exile-Arbeit einzusetzen?

Leander Sukov: Ich stamme aus einer Familie, die mir die konkrete Erfahrung aus der faschistischen Diktatur in Deutschland und der Flucht in die Seele geimpft hat. Und meine Großeltern, meine Mutter, bei denen ich aufwuchs, waren ja nur der für mich greifbare Teil dieser Familie, die seit dem achtzehnten Jahrhundert durch die deutschen Lande, durch Polen auch, geworfen wurde aufgrund von Kriegen und Verfolgung. Für mich ist das Einsetzen für Verfolgte, aber auch gegen die Gründe die zu den Fluchten führen, von elementarer Wichtigkeit. „Wer gibt, dem wird gegeben werden“, pflegte meine Großmutter die Bibel zu zitieren. Und das gilt auch hier. Wer kann schon ausschließen, dass nicht auch wir eines Tages wieder Exil brauchen.

Welche Eigenschaften zeichnen Sie Ihrer Meinung nach aus, um der verantwortungsvollen Writers in Exile-Arbeit gerecht zu werden?

Leander Sukov: Ich arbeite in aller Regel an der Sache, also nicht aus Gründen von Sympathie. Das scheint mir wichtig zu sein. Auf meine solidarische Arbeit müssen sich auch die verlassen können, denen ich vielleicht nicht persönlich oder in ihrer Weltsicht nahestehe. Und man muss stets versuchen, die eurozentrische Brille abzusetzen. Die Welt ist eine Welt.

Welche Akzente möchten Sie in Ihrem neuen Amt setzen?

Leander Sukov: Ich möchte gerne, dass das Werk der Exilierten zur Geltung kommt. Ich bin ihr Kollege. Und so sehe ich mich auch und das Amt an sich. Meine Vorgängerinnen und Vorgänger haben gute, ja hervorragende, Arbeit geleistet. Ich will daran anknüpfen mit meinen Akzenten: Noch mehr Öffentlichkeit, mehr Publikationen, mehr agieren in den Neuen Medien.

Die Themen Ihrer zahlreichen Engagements sind sich häufig ähnlich – wird es schwierig, Themen und Arbeitsgebiete von Ihrer neuen Aufgabe abzugrenzen?

Leander Sukov: Ich will da gar nicht abgrenzen, wo es nicht zwingend notwendig ist. Ich bin beim Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller als stellvertretender Bundesvorsitzender für allgemeine politische Fragen verantwortlich, wenn man so will. Ich bin etwas engagiert bei Writers 4 Future, also in der Unterstützung von Fridays for Future. Das sind doch alles Tätigkeiten, die zusammenhängen. Die Klimakatastrophe wird zu neuen Instabilitäten und neuen Verfolgungen führen. Das ist ein politische Frage. Und sie wird, respektive sie werden, zu der Notwendigkeit führen mehr Exilplätze in den verbleibenden Demokratien anzubieten.

Inwieweit können Ihnen Ihre Engagements, beispielsweise beim Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, bei der PEN-Arbeit helfen?

Leander Sukov: Ich glaube die Freiheit des Wortes, die bürgerlichen Freiheitsrechte, die ja revolutionär erkämpfte Rechte der Citoyens sind, sind auch in Europa in Gefahr, in den USA, in anderen als stabil geltenden Demokratien. Wir können diesen weltweiten Angriff nur in konzertierter Aktion aufhalten. Ich glaube deshalb, dass es Bindeglieder zwischen den Organisationen geben muss. Ich bin nur eines davon.

Was denken Sie, inwieweit Ihr Engagement beim PEN zu Ihrer persönlichen Entwicklung beiträgt?

Leander Sukov: Das will ich doch schwer hoffen. Sonst, befürchte ich, unterhielten Sie sich mit einem Untoten, und dann wäre die Welt von RTL und SAT1 doch die Wirklichkeit.

Was stellt, Ihrer Meinung nach, die größte Herausforderung für die Writers in Exile-Arbeit dar?

Leander Sukov: Den Kolleginnen und Kollegen hier Hoffnung zu geben. Ich stehe oft vor diesen bitteren Biografien und könnte, weil es mir dann das Einzige scheint, was noch getan werden kann, weinen. Wenn ich von den Folterungen höre, von den Zerstörungen, der Drangsalierung der Angehörigen usw. Und weil ich nicht aufhören kann davon getroffen zu sein, dass Arpita Roychoudhury ja in dem Exil hier gestorben ist. Und sie ist ja, was auch immer die Todesart war, an dem Leid gestorben, das sie erfahren hat und das wir ihr nicht leichter machen konnten. Die Hilflosigkeit, ja das Selbstmitleid aufgrund dieser Hilflosigkeit, das ich mir zugestehe, will ich mir bewahren, da mit mir mein Schmerz über ihren Tod nicht verloren geht.

Was wird Ihre erste Amtshandlung als neugewählter Vizepräsident des deutschen PEN-Zentrums sein?

Leander Sukov: Die erste Amtshandlung war, mich in die Whatsapp-Gruppe zu begeben, die die Stipendiat*innen eingerichtet haben. Ich sehe mich eher als Sprecher der Exilierten, als von außen zu ihnen tretender Vertreter einer Administration. Eigentlich sollen die Amtshandlungen gemeinsam geschehen, als kollektive Amtsführung sozusagen.

Der PEN versteht sich als Anwalt des freien Wortes. Wie lässt sich dieser Anspruch Ihrer Ansicht nach konkret umsetzen? Was können die SchriftstellerInnen im PEN leisten, um verfolgten und inhaftierten KollegInnen in deren Heimatländern zu helfen?

Leander Sukov: Schreiben, anklagen, sprechen, anklagen, demonstrieren, anklagen. Immer und immer wieder. Und natürlich die Hand ausstrecken: Mit Hilfe bei der Suche nach Verlagen und Übersetzungen, mit der Herstellung von Öffentlichkeit. Mit dem Fernhalten von den Geschäftsträgern der Diktatoren, Autokraten, Unterdrücker.

Kennen Sie SchriftstellerInnen, JournalistInnen oder RedakteurInnen, die von der Einschränkung der Pressefreiheit betroffen sind? Waren Sie möglicherweise selbst von Einschränkungen und Zensurmaßnahmen vor Ort in einzelnen Ländern betroffen?

Leander Sukov: Ich selbst war nie betroffen, glaube ich. Aber natürlich kenne ich eine Reihe von betroffenen Journalisten und Schriftstellerinnen persönlich.

Sie sind überall bei Social Media vertreten. Welche Möglichkeiten sehen Sie in den Neuen Medien?

Leander Sukov: Kommunikationstechnisch sind die Neuen Medien die größte Innovation seit dem Buchdruck. Sie ermöglichen schnelle Kommunikation und können Wind und Sturm erzeugen. Das gilt für die gute, die demokratische Seite ebenso, wie für die schlechte, die freiheitsbedrohende. Gerade deshalb sollten alle, die dazu in der Lage sind diese Medien benutzen. Sie dienen ja auch der Vernetzung. Die vorige ägyptische Diktatur ist mit Hilfe von Whatsapp, Twitter und Facebook besiegt worden. Und ich will mir gar nicht vorstellen, wie die Diktatur in Türkei oder die Autokratie in Russland agieren würde, wenn nicht wenigstens die Neuen Medien zur Herstellung von Öffentlichkeit in der Lage wären. Wie sehr Diktaturen sie ernst nehmen, sieht man ja am Beispiel von China.

Können auch Menschen, die selbst nicht Mitglied im deutschen PEN sind, die Writers in Exile-Arbeit unterstützen?

Leander Sukov: Oh ja. Wir arbeiten an neuen Konzepten. Das ist alles noch nicht spruchreif. Aber natürlich kann man uns auch jetzt schon unterstützen, z.B. durch Spenden oder die Mitgliedschaft  als Freund und Förderer des PEN.

Sie haben viele Kontakte in die Politik. Wird das Einfluss auf den PEN haben?

Leander Sukov: Ich wünsche mir das umgekehrt. Der PEN soll viel Einfluss auf meine Freundinnen und Freunde in der Politik haben. Ich will gerne hinübertragen, was ich hier mitnehme.

Welche Ziele möchten Sie bis zur Jahrestagung 2020 in Tübingen erreicht haben?

Regionalgruppen für die Arbeit für die Exilierten, ein Theaterstück, das die Stipendiatinnen und Stipendiaten geschrieben haben, und das wir hoffentlich in Tübingen aufführen können, ein Veröffentlichungsfahrplan für neue Bücher mit den Exilierten.

 

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