PEN-Stipendiatin Şehbal Şenyurt Arınlı in der Räuberhöhle Ravensburg

Gut gefüllt war die Gaststätte Räuberhöhle in Ravensburg am 9. Februar 2020. Dort fand die 2. Lesung aus dem Writers-in-Exile Programm des PEN-Zentrums statt. Im Mittelpunkt stand die 1962 in Giresun / Türkei geborene Autorin Şehbal Şenyurt Arınlı, deren Briefwechsel mit der ebenfalls geflüchteten Terézia Mora in dem Buch „Zwei Autorinnen im Transit“ veröffentlicht wurde. 

Foto: Made Höld

Die studierte Politikwissenschaftlerin und Journalistin Şenyurt Arınlı ist Dokumentarfilmerin und -produzentin, außerdem ist sie die erste Kamerafrau der Türkei. Als Gründerin des Dokumentarfilmerverbands BSB engagierte sie sich für die Präsenz von Frauen in der Filmbranche, entwickelte Workshops und Hochschulseminare und arbeitete intensiv zu den Themenkomplexen Genozid, Bevölkerungsaustausch, Exil / Verbannung. Sie engagierte sich in verschiedenen NGOs, besonders zur demokratischen Lösung des Kurdenkonflikts. Als Gründungsmitglied der Frauennachrichtenagentur JINHA widmete sie sich den Themen Minderheitsrechte, Antimilitarismus, Kampf für Frauenrechte oder der Entwicklung alternativer ökologischer Lebensmodelle. Wegen ihres Einsatzes für eine friedliche Lösung des Kurdenkonflikts wurde Şenyurt Arınlı wie hunderte andere Journalisten im Juli 2017 vom AKP-Regime inhaftiert. Nur durch einen Zufall kam sie frei und konnte nach Deutschland fliehen.

Doch der lange Arm der AKP reicht bis nach Deutschland. Für die Veranstaltung war es beinahe unmöglich, eine Dolmetscherin zu finden, wie Made Höld zu Beginn der Veranstaltung berichtete. Viele türkischstämmige Ravensburger fürchten, wegen häufiger Denunziationen durch AKP-Mitglieder, Probleme bei der Einreise in die Türkei, wenn sie bei systemkritischen Veranstaltungen in Erscheinung treten.

Foto: Made Höld

Nach Vorstellung der Autorin und ihres bisherigen Lebenswerkes führte Micha Matschinski (Bündnis für Bleiberecht) thematisch in die verschiedenen Themenschwerpunkte der einzelnen Briefe ein. Die Briefe erzählen von Privatem, Politischem, Gesellschaftlichem, teils aus ganz persönlicher Sichtweise, teils scheren sie aus in die Historie des Landes, aus dem sie gekommen sind. Dabei stellen die Autorinnen einander Fragen über das Sein und das Leben, über den Alltag, über Träume und Visionen für die Zukunft, über ihr persönliches Leben im Rückblick. So beschreibt Şenyurt Arınlı die Motivation für ihre Arbeit aus ihrer Lebenssituation in der Türkei, beschreibt ihre Eindrücke als Geflüchtete bei ihrer Ankunft in der BRD und gibt Auskunft über ihre politischen Visionen für ein friedliches Zusammenleben der Völker. In allen Textpassagen traf Regina Liberatore (Verein Nätwörk Süd) als Vorleserin exakt den warmen, nachdenklichen und auch hoffnungsvollen Ton, der eine vertraute, ja enge Verbindung zwischen der Autorin und dem Publikum herstellte. Abschließend konnte das Publikum dank des kurzfristig eingesprungenen Grünen-Stadtrat Ozan Önder als Dolmetscher noch weitere Fragen an die sympathische Autorin stellen. Auch die zweite Veranstaltung dieser Reihe bot sehr einfühlsame Ansichten in die Gefühlswelt von Menschen, die ins Exil gezwungen wurden. Die Veranstalter, die maßgeblich von der Buchhandlung Ravensbuch unterstützt werden, hoffen auf ein erneutes Wiedersehen mit Şehbal Şenyurt Arınlı, dann vielleicht in Zusammenhang mit einem ihrer vielen Dokumentarfilme.

Von Frank Matschinski

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