Tag des inhaftierten Schriftstellers (15.11.) – PEN erinnert an bedrohte Autorinnen und Autoren


Pressemitteilung, Darmstadt, 10.11.2020. Bedroht, verfolgt, eingesperrt: Der internationale PEN rückt am diesjährigen Tag des inhaftierten Schriftstellers die Fälle von Chimengül Awut (China/Xinjiang), Osman Kavala (Türkei), Paola Ugaz (Peru), Kakwenza Rukirabashaija (Uganda) und Sedigeh Vasmaghi (Iran) in das Licht der Öffentlichkeit. Diese stehen beispielhaft für die Schikanen und Repressionen, denen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen auf der ganzen Welt täglich ausgesetzt sind.

PEN-Zentren weltweit machen am 15.11. auf das Schicksal von zu Unrecht inhaftierten und verfolgten Schriftstellerinnen, Journalisten, Verlegerinnen und Bloggern aufmerksam. „Die Freiheit des Wortes steht in vielen Ländern der Welt auf tönernen Füßen. Despotische Regime reagieren auf Kritik mit Gewalt und Gefängnisstrafen. Umso wichtiger ist unsere Solidarität mit allen bedrohten Autoren“, betont Ralf Nestmeyer, Vizepräsident und Writers-in-Prison-Beauftragter des deutschen PEN.

Zu den Autorinnen und Autoren (weiterführende Informationen in englischer Sprache unter www.bit.ly/3kcfmia):

Chimengül Awut
Foto: © Tengritagh Akademiyesi

Umerziehungslager wegen „gefährlicher“ Literatur: Polizeibehörden haben Medienberichten zufolge Chimengül Awut, uigurische Dichterin und leitende Herausgeberin des staatlichen Verlages Kashgar Publishing House, im Juli 2018 in Kashgar, einer Stadt im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang der Volksrepublik China, festgenommen und in ein Umerziehungslager gebracht. Die Verhaftung war Teil einer einjährigen Kampagne der Behörden gegen das Verlagshaus, bei der zahlreiche ehemalige und aktuelle Angestellte in Gewahrsam genommen wurden. Awut wird vorgeworfen, Bücher publiziert zu haben, die als „problematisch“ oder „gefährlich“ eingestuft worden sind.

Osman Kavala Foto: © free Osman Kavala Website

 

Justizwillkür gegen Kulturmäzen: Seit drei Jahren sitzt der türkische Verleger und Kulturförderer Osman Kavala im Hochsicherheitsgefängnis Silivri bei Istanbul in Einzelhaft. Er wurde im Februar 2020 zwischenzeitlich freigesprochen, um kurz darauf wieder verhaftet zu werden. Im Oktober dieses Jahres veröffentlichte die Staatsanwaltschaft eine neue Anklageschrift. Darin fordert sie für den Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan eine „verschärfte“ lebenslange Haftstrafe. Kavala wird wegen seiner angeblichen Beteiligung am gescheiterten Putsch von 2016 der „versuchte Sturz der Regierung“ und „politische Spionage“ vorgeworfen. Am 18. Dezember soll die erste Gerichtsverhandlung in Kavalas Fall stattfinden.

Paula Ugaz
Foto: © María García Burgos

Verleumdungsklagen nach Enthüllungen innerhalb katholischer Gruppierung: Die peruanische Investigativjournalistin Paola Ugaz hatte Machenschaften der Gruppierung „Sodalitium Christianae Vitae“ (SCV), einer konservativ-katholischen Laienbewegung, aufgedeckt. Zeugenaussagen, die sie gesammelt hat, legen den SCV-Mitgliedern zur Last, Gehirnwäsche, psychologische und physische Gewalt, sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen begangen zu haben. Infolge dieser Enthüllungen haben zahlreiche Privatpersonen, die in Verbindung zu der SCV stehen, Straf- und Zivilklagen gegen sie eingereicht. Am 27. Oktober 2020 eröffnete der Neunte Gerichtshof von Lima den Prozess gegen Ugaz.

Kakwenza Rukirabasaija
Foto: Privat

 

Festnahme und Ermittlungen aufgrund von Kritik am Staatspräsidenten: Am 18. September 2020 wurde der ugandische Schriftsteller und Journalist Kakwenza Rukirabashaija in seiner Wohnung im Iganda Distrikt (Kigulu) verhaftet. Nach Berichten, die dem internationalen PEN vorliegen, wurde er zwischenzeitlich in Mbuya inhaftiert und später in die Sonderuntersuchungseinheit nach Kireka gebracht, wo er drei Tage ohne jegliche rechtliche Grundlage festgehalten wurde. Das ugandische Recht sieht vor, dass nach einer Festnahme innerhalb von zwei Tagen vor Gericht Anklage erhoben werden muss. Berichten zufolge brachten Kriminalpolizisten gegenüber Rukirabashaijas Ehefrau die Festnahme des Schriftstellers mit einem Schreiben in Verbindung, wonach er sich kritisch gegenüber Staatspräsident Yoweri Kaguta Museveni geäußert haben soll. Seitdem er auf Kaution freigelassen worden ist, muss er wöchentlich bei der Sonderuntersuchungseinheit in  Kireka, 240 Kilometer von seiner Wohnung entfernt, erscheinen. Gegen Rukirabashaija soll laut offiziellen Dokumenten wegen „Anstiftung zur Gewalt und Förderung von Sektierertum“ ermittelt werden. Ferner steht er unter widerrechtlicher Überwachung durch die Behörden.

Sedigheh Vasmaghi
Foto © Steven Quigley

Haftstrafe wegen Petition gegen Polizeigewalt: Die iranische Rechtswissenschaftlerin und Schriftstellerin Sedigheh Vasmaghi wurde im August 2020 im Iran zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt, nachdem sie eine Erklärung unterzeichnet hatte, in der insgesamt 77 reformistische Aktivistinnen und Aktivisten das gewaltsame Vorgehen der iranischen Sicherheitskräfte bei den Protesten im November 2019 kritisieren. Hinzukommt eine fünfjährige Haftstrafe, zu der sie bereits 2017 verurteilt worden ist und die später in eine Bewährungsstrafe umgewandelt wurde. Dennoch darf sie seit 2019 den Iran nicht mehr verlassen.

Bilddateien der Autorinnen und Autoren können über folgenden Link heruntergeladen und ohne weitere Genehmigung im Kontext des Tages des inhaftierten Schriftstellers 2020 unter Erwähnung des Copyrights – falls angegeben – kostenlos verwendet werden www.bit.ly/38nkbTh. Ebenfalls steht Ihnen der Videoappell (Rohmaterial) der eritreischen Lyrikerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu, Writers-in-Exile-Stipendiatin des deutschen PEN, für die Freilassung von Journalisten in Eritrea über folgenden Download-Link zur Verfügung www.vimeo.com/473376472/ee84abe97e.

Über den Tag des inhaftierten Schriftstellers

 Der Gedenktag wurde im Jahr 1980 durch das „Writers in Prison“-Kommittee des internationalen PEN ins Leben gerufen als Reaktion auf die bedrohlich wachsende Zahl der Länder, die versuchen, Schriftsteller durch Repressionen mundtot zu machen. An diesem Tag soll an zu Unrecht inhaftierte und verfolgte Schriftstellerinnen, Journalisten, Verlegerinnen und Bloggern sowie all jenen gedacht werden, die getötet wurden, weil sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen haben. Die Caselist 2019, welche jährlich die Informationen zu aktuellen Fällen bündelt und aktualisiert, mitsamt Länderberichten, Informationen zur Writers-in-Prison-Arbeit des PEN sowie der weltweiten Situation der Meinungsfreiheit ist abrufbar auf der Internetseite des deutschen PEN unter www.bit.ly/3fn629F.

Pressekontakt:

Felix Hille
PEN-Zentrum Deutschland e.V., Kasinostr. 3, 64293 Darmstadt
Tel.: 06151 / 627 08 23; Mobil: 0157 / 31382637; Fax.: 06151 / 293414
E-Mail: f.hille [at] pen-deutschland [dot] de

Das deutsche PEN-Zentrum ist mit seinem Geschäftssitz in Darmstadt eine von weltweit über 150 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International zusammengeschlossen sind. PEN steht für Poets, Essayists, Novelists. Die ursprünglich 1921 in England gegründete Vereinigung hat sich als Anwalt des freien Wortes etabliert und gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Der deutsche PEN begleitet mit Initiativen und Veranstaltungen das literarische Leben in der Bundesrepublik. Er bezieht Stellung, wenn er die Meinungsfreiheit, gleich wo, in Gefahr sieht. Er mischt sich ein, wenn im gesellschaftlichen Bereich gegen den Geist seiner Charta verstoßen wird.

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