Offener Brief zur erneuten Schließung der Bibliotheken in Bayern an den Ministerpräsidenten Dr. Söder und den Staatsminister Sibler

Offener Brief zur erneuten Schließung der Bibliotheken in Bayern an den Ministerpräsidenten Dr. Söder und den Staatsminister Sibler

Pressemitteilung, Darmstadt, 30. November 2020

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Söder,

sehr geehrter Herr Staatsminister Sibler,

mit großer Besorgnis und Unverständnis hat das deutsche PEN-Zentrum die Anordnung der Bayerischen Staatsregierung vom 26. November 2020 zur Schließung aller Bibliotheken (ausgenommen der Hochschulbibliotheken) und Archive im Freistaat zur Kenntnis genommen.

Bibliotheken stellen einen unverzichtbaren Zugang zu Wissen und Bildung dar, gerade auch für diejenigen, die sich die Bücher, die sie gerne lesen möchten, nicht kaufen können. Zudem sind nicht nur Schüler, sondern auch Journalistinnen, Wissenschaftler und Schriftstellerinnen beim Schreiben von Facharbeiten, Publikationen, Sachbüchern und Belletristik auf Archive sowie auf Sekundärliteratur angewiesen, die nur in Bibliotheken vorhanden ist.

Wie kann es sein, dass Bayern im Rahmen der Corona-Maßnahmen als einziges Bundesland seine Stadt- und Gemeindebibliotheken schließen will, obwohl im Artikel 3 der Bayerischen Verfassung eindeutig geschrieben steht, „Bayern ist ein Kulturstaat“? Warum werden Bibliotheken trotz überzeugender Hygienekonzepte geschlossen, während Sexshops und Dekorationsgeschäfte weiter ihre Produkte verkaufen dürfen? Das zeigt schmerzlich, dass die Bedeutung von Kultur und Bildung von der Bayerischen Staatsregierung als nachrangig angesehen wird.

Bibliotheken sind bislang nicht als Hotspots für die Verbreitung des Virus bekannt geworden. Im Gegenteil, Bibliotheken können sogar helfen, die Covid-19-Pandemie einzudämmen: Jeder, der sich in der Stadtbibliothek einen Stapel Bücher ausleiht und sich damit in die eigene Wohnung zurückzieht, trägt geradezu mustergültig dazu bei, dass sich das Corona-Virus nicht weiterverbreitet.

Wir fordern die Bayerische Staatsregierung auf, ihren Beschluss bezüglich der Schließung aller Bibliotheken und Archive umgehend rückgängig zu machen. Der Zugang zu und die Nutzung von Bibliotheken sollte in einer freiheitlichen Demokratie unter keinen Umständen eingeschränkt werden. Sehr geehrte Herren, bitte setzen Sie ein Zeichen für den Stellenwert der Kultur in Bayern. Sie ist es, die eine Gesellschaft in schweren Zeiten zusammenhält!

Mit freundlichen Grüßen

Ralf Nestmeyer
PEN-Vizepräsident

 

Pressekontakt:
Felix Hille
PEN-Zentrum Deutschland e.V., Kasinostr. 3, 64293 Darmstadt
Tel.: 06151/627 08 23; Mobil: 0157/31382637; Fax.: 06151/293414
E-Mail: f.hille [at] pen-deutschland [dot] de

 

Das deutsche PEN-Zentrum ist mit seinem Geschäftssitz in Darmstadt eine von weltweit über 150 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International zusammengeschlossen sind. PEN steht für Poets, Essayists, Novelists. Die ursprünglich 1921 in England gegründete Vereinigung hat sich als Anwalt des freien Wortes etabliert und gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Der deutsche PEN begleitet mit Initiativen und Veranstaltungen das literarische Leben in der Bundesrepublik. Er bezieht Stellung, wenn er die Meinungsfreiheit, gleich wo, in Gefahr sieht. Er mischt sich ein, wenn im gesellschaftlichen Bereich gegen den Geist seiner Charta verstoßen wird.

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