Internationaler Tag der Muttersprache: PEN solidarisiert sich mit Sinti und Roma

Pressemitteilung, Darmstadt, 17. Februar 2021. Der deutsche PEN nimmt den
Internationalen Tag der Muttersprache am 21. Februar zum Anlass, um auf die Sprache
und Kultur der Sinti und Roma aufmerksam zu machen und für ein friedliches
Miteinander verschiedener Kulturen in unserem Land zu werben.

„Zur Kultur in Deutschland gehört, dass wir in diesem mitten in Europa gelegenen Land
reichhaltige Kulturen – im Plural – haben. Dazu zählen mehrere vom Aussterben
bedrohte Sprachen, die nur von kleinen Minderheiten gesprochen werden, aber doch
die Fülle des Menschseins repräsentieren, wie das Sorbische, Friesisch oder eben auch
Romanes“, so PEN-Präsidentin Regula Venske. „Anstatt auf einem angeblichen
Grundrecht, ein Schnitzel benennen zu wollen, zu beharren, sollten wir lieber anderen
menschlichen Bedürfnissen Raum geben: Neugier und Lust auf Austausch mit unseren
Mitmenschen, gemeinsames Trauern, gemeinsames Feiern, gemeinsames Leben. Ich
bin sicher, es warten auf Romanes noch große literarische Schätze darauf, gehört und
gelesen zu werden.“

Der UNESCO-Atlas der bedrohten Sprachen der Welt1 schätzt Romanes als bedroht
ein. Von der größten Minderheit Europas leben in Deutschland – erst seit 1998 per
Gesetz als nationale Minderheit anerkannt – 70 000 bis 150 000 Sinti und Roma. Eine
genaue Erfassung ist historisch problematisch, da dies im Nationalsozialismus durch
die rassenhygienische Forschungsstelle vorgenommen wurde und die Grundlage für die
Deportation und den Völkermord (Porajmos) an mehr als einer halben Million Sinti und
Roma bildete.

Sinti als die größte Gruppe der Roma leben bereits seit über 600 Jahren im deutschen
Sprachraum. Die Muttersprache Romanes kommt aus dem Indogermanischen und ist
eine rein mündlich überlieferte Sprache. Es gibt Versuche, sie für eine einheitliche
Schriftsprache zu standardisieren. In starken Familienverbänden wird Romanes als
Muttersprache selbstverständlich weitergegeben. Doch in vielen Familien wurde
aufgrund der Verfolgung im Nationalsozialismus die Sprache nicht gesprochen. Zu den
Hintergründen erläutert PEN-Präsidiumsmitglied Simone Trieder: „Hauptgrund ist, dass
Eva Justin als Mitarbeiterin des rassenhygienischen Instituts Romanes sprach und so
das Vertrauen der Roma erwarb, um die Erfassung für die
‚Zigeunerpersonalakten‘ vorzunehmen, nach denen deportiert wurde. Justin und ihr
Vorgesetzter Robert Ritter entgingen der Entnazifizierung und arbeiteten beide bis 1962
unbehelligt weiter als ‚Zigeunerexperten’1 im Gesundheitsamt Frankfurt am Main. Es konnte passieren, dass im Entschädigungsverfahren Sinti und Roma wieder ihren
Peinigern gegenüberstanden, um erneut ‚begutachtet‘ zu werden. So kam es dazu,
dass in der Bundesrepublik in den Familien häufig Romanes nicht gepflegt wurde.“ In
den 1980er Jahren gründeten sich Vereine, die den Kindern ihre Muttersprache
vermittelten, z.B. der Rom e.V. Köln, der heute noch aktiv ist.2

Im vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma getragenen
RomArchive, das vor zwei Jahren online ging, sind Kultur und Sprache der Minderheit
bewahrt.3

Der deutsche PEN verzeichnet zwei Rom-Mitglieder: Rajko Đurić (1947-2020) sowie
den in Köln lebenden Jovan Nikolić, Jg. 1955

Pressekontakt: Susann Franke
PEN-Zentrum Deutschland e.V., Kasinostr. 3, 64293 Darmstadt
Tel.: 06151/62 708 26; Fax.: 06151/293414
E-Mail: s.franke [at] pen-deutschland [dot] de

Literaturhinweise:
Rajko Đurić: Ohne Heim ohne Grab. Die Geschichte der Roma und Sinti, Berlin 1996

Jovan Nikolić: Das Orchester der Frauen, die mich verlassen haben. Aus dem
Serbischen übersetzt von Elvira Veselinović. Drava Verlag: Klagenfurt 2016.

Ursula Krechel: Geisterbahn. Roman, Salzburg 2018
Die Ehrenpräsidentin des PEN beschreibt in ihrem Roman eine Sinto-Familie in der Zeit des
Krieges und die immer noch beklemmende aktuelle Situation.

Ihrig, Wilfried; Janetzki Ulrich (Hg.): Die Morgendämmerung. Moderner Poesie-Atlas der Roma
und Sinti, Berlin 2018 (darin auch Gedichte von Rajko Đurić und Jovan Nikolić)

Janko Lauenberger, Juliane von Wedemeyer: Ede und Unku – Die wahre Geschichte.
Gütersloh 2018
Janko wurde als 10-Jähriger seinen Eltern weggenommen und in ein Spezialkinderheim
gesteckt, er erzählt von seinem Leben als Sinto in der DDR und heute. Die Cousine seiner
Großmutter mit dem Roma-Namen Unku war Vorbild für das Mädchen im Buch „Ede und
Unku“ von Grete Weiskopf. Sie wurde in Auschwitz ermordet

Das deutsche PEN-Zentrum ist mit seinem Geschäftssitz in Darmstadt eine von weltweit über 150 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International zusammengeschlossen sind. PEN steht für Poets, Essayists, Novelists. Die ursprünglich 1921 in England gegründete Vereinigung hat sich als Anwalt des freien Wortes etabliert und gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Der deutsche PEN begleitet mit Initiativen und Veranstaltungen das literarische Leben in der Bundesrepublik. Er bezieht Stellung, wenn er die Meinungsfreiheit, gleich wo, in Gefahr sieht. Er mischt sich ein, wenn im gesellschaftlichen Bereich gegen den Geist seiner Charta verstoßen wird.

1 www.unesco.org/languages-atlas/

www.romev.de/

www.romarchive.eu/de/literature/oral-literature/

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