Aslı Erdoğan: „Ich vertraue ihnen nicht“

Aslı Erdoğan
(Foto: © Carole Parodi)

Pressemitteilung, Darmstadt, 24. Juni 2021. Nachdem die bekannte türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan am 14. Februar 2020 vom Vorwurf der Propaganda für eine terroristische Organisation freigesprochen wurde, will die türkische Justiz die Literatin nun in gleicher Sache wieder vor Gericht stellen. Ihr drohen bis zu neun Jahre Haft.

Das deutsche PEN-Zentrum protestiert gegen die erneute Anklageerhebung. „Die Antwort auf den Verfolgungsterrorismus des türkischen Regimes gegen die Opposition im Land muss sein, dass sich die EU und Deutschland auf die eigene Werte besinnen und die Zusammenarbeit wo immer möglich einstellen“, so Leander Sukov, der für Writers-in-Exile zuständige Vizepräsident des Zentrums.

Schon nach dem Freispruch im vergangenen Jahr hatte Aslı Erdoğan gesagt: „Ich vertraue ihnen nicht. Sie können mich jederzeit wieder anklagen. Sie haben es auch bei anderen getan.“ Mit dieser Einschätzung hat sie richtig gelegen. Die Verfolgung ist nicht zu Ende. Aslı Erdoğan war im August 2016 im Rahmen einer Verhaftungswelle des Regimes inhaftiert worden und konnte im September 2017 das Land verlassen. Immer wieder ist es in den vergangenen Jahren nötig gewesen, sie wegen Bedrohungen durch türkische Nationalisten unter Polizeischutz zu stellen.

Das deutsche PEN-Zentrum erwartet von der Bundesregierung, insbesondere vom Auswärtigen Amt, deutliche Reaktionen, nicht nur in diesem Fall. „Die Praxis, mit staatlichen türkischen Stellen so zusammenzuarbeiten wie mit solchen aus demokratischen europäischen Ländern, muss endlich aufhören“, sagt Sukov.

Aslı Erdoğan ist Autorin von acht Büchern, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Auf Deutsch erschienen zuletzt ihre politischen Essays „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ (Knaus) und der Roman „Das Haus aus Stein“ (Penguin). „Die Willkür und die erneute Anklageandrohung gegen Asli Erdoğan, die für so viele Verfolgte steht, deren Namen wir nicht kennen, ist unerträglich. Lesen wir Asli Erdoğans Texte und hören wir nicht auf darüber zu sprechen, was Exil und Verfolgung bedeuten, auf diese Weise können wir Asli Erdoğans eindringliches Eintreten für Meinungsfreiheit und gegen staatliche Gewalt unterstützen“, so Penguin-Verlegerin Britta Egetemeier.

Aslı Erdoğan ist zurzeit Stipendiatin im Writers-in-Exile-Programm des deutschen PEN-Zentrums. Das Programm wird vollständig aus Mitteln der Beauftragten für Kultur und Medien bei der Bundeskanzlerin finanziert. Die vielfach mit Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin erhielt u.a. den Simone de Beauvoir-Preis und den Vaclav-Havel-Preis.

Pressekontakt:
Susann Franke
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Das deutsche PEN-Zentrum ist mit seinem Geschäftssitz in Darmstadt eine von weltweit über 150 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International zusammengeschlossen sind. PEN steht für Poets, Essayists, Novelists. Die ursprünglich 1921 in England gegründete Vereinigung hat sich als Anwalt des freien Wortes etabliert und gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Der deutsche PEN begleitet mit Initiativen und Veranstaltungen das literarische Leben in der Bundesrepublik. Er bezieht Stellung, wenn er die Meinungsfreiheit, gleich wo, in Gefahr sieht. Er mischt sich ein, wenn im gesellschaftlichen Bereich gegen den Geist seiner Charta verstoßen wird.

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