Inge Jens (1927-2021)

Foto: Etan Tal

Wir trauern um unser Mitglied Inge Jens. Unter dem Titel „Akribie und Engagement“ zeichnet Andreas Rumler in seinem Nachruf ihr bewegtes Leben nach.

Still, zurückhaltend und hilfsbereit, wie sie war, vermied Inge Jens es, im Mittelpunkt zu stehen. Doch hinter den Kulissen wurde sie aktiv, setzte sich ein und unterstützte, wo sie einen Anlass, eine Aufgabe sah: ihre Studenten und die ihres Mannes, ebenso Kollegen und Freunde. Als Wissenschaftlerin und auch politisch in der Friedensbewegung engagierte sie sich, scheute als couragierte Frau Mühen nicht, nahm Unverständnis oder Anfeindungen in Kauf. Nur wenige Wochen vor ihrem 95. Geburtstag ist Inge Jens am 23. Dezember 2021 in Tübingen gestorben.

Als Literaturwissenschaftlerin setzte Inge Jens mit ihrer Akribie Maßstäbe, als sie in der Nachfolge von Peter de Mendelssohn die Tagebücher Thomas Manns herausgab. Zuvor schon hatte sie unter anderem die Edition der Briefe von Thomas Mann an Ernst Bertram betreut, publizierte Texte aus dem Nachlass von Max Kommerell sowie Briefe und Aufzeichnungen der Geschwister Hans und Sophie Scholl. Gemeinsam mit Walter Jens, den sie während des Studiums in Tübingen kennengelernt und 1951 geheiratet hatte, schrieb sie Bestseller wie „Frau Thomas Mann – Das Leben der Katharina Pringsheim“ (2003) und „Katias Mutter“ (2005) über das „außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim“. Den damals fast vollständig erblindeten Literaturwissenschaftler Hans Mayer unterstützte sie in seiner Wohnung in der Neckarhalde intensiv bei der Veröffentlichung seiner letzten Arbeiten.

Ihre Autobiografie „Unvollständige Erinnerungen“ kam 2009 heraus. Als sie erleben musste, dass die Demenz von Walter Jens unaufhaltsam fortschritt, verfasste sie 2016 ihren Bericht „Langsames Entschwinden“, um diese Krankheit öffentlich bekannt zu machen. Die Themen ihrer wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten waren geprägt von ihrem sozialen und politischen Engagement, galten vorwiegend dem Exil und Widerstand gegen den Faschismus oder der damals sogenannten Nachrüstung. Sie engagierte sich besonders für die Erinnerung auch an weniger bekannte Autoren des Exils, reiste eigens nach Köln, als ein Weg nach dem dort geborenen Hans Mayer benannt werden sollte, sehr spät, reichlich abseits gelegen, aber immerhin.

Gemeinsam hatte das Ehepaar Jens gegen Atomkraft und die atomare Bewaffnung Widerstand geleistet und vor Gericht ihren pazifistischen Einsatz verteidigt. Zusammen mit Kollegen wie Heinrich Böll beteiligten sich Inge und Walter Jens 1984 an Sitzblockaden vor dem Atomwaffendepot Mutlangen im Ostalbkreis. Als sie während des Golfkriegs 1990 desertierte US-Soldaten in ihrem Tübinger Haus versteckten und dafür wegen Beihilfe zur Fahnenflucht vor Gericht gestellt wurden, provozierte dieser Akt des Widerstands die Gemüter und initiierte Schlagzeilen weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus.

Zum Schluss hatte Inge Jens zurückgezogen in einem Stift nahe der Tübingen Innenstadt gelebt und gearbeitet. Ihre letzten Veröffentlichungen galten Thomas Manns Arbeitsplatz: „Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt“ sowie dem Freund Hans Mayer. Noch im Dezember 2021 erschien der Band: „Der unbequeme Aufklärer – Gespräche über Hans Mayer“ mit einem Beitrag von Inge Jens, dessen Titel allein schon ihre noble Art charakterisiert: „Es gibt wenige Menschen, denen ich so viel verdanke“.