Harald Weinrich (1927-2022)

Wir trauern um unser langjähriges Mitglied Harald Weinrich, der am 27. Februar 2022 in Münster verstorben ist. Mit ihm verlässt uns einer der bedeutendsten Romanisten unserer Zeit.

Wie viele junge Männer seines Alters war Weinrich gegen Kriegsende noch in die Wehrmacht eingezogen worden. Er geriet in Frankreich in Kriegsgefangenschaft, lernte dort die französische Sprache und war fasziniert von deren Sicht auf die Welt.

Sprache war für ihn nicht bloß Mittel zum Zweck, sondern Lebensgrundlage schlechthin für eine Demokratie, die ja nur dann funktionieren kann, wenn miteinander gesprochen und reger Meinungsaustausch gepflegt wird. Dazu gehörte nach Weinrichs Auffassung auch die Überzeugung, „dass die klassische Sprache zur Gegenwart gehört“.

Berühmt wurde er u.a. mit seiner „Textgrammatik“, einem überzeugenden Versuch, das System Sprache anhand von Sprechintentionen und Erzählperspektiven zu erklären.

Sowohl sein Studium als auch seine Lehre führten ihn an zahlreiche europäische Universitäten. Der Gipfelpunkt war zweifelsohne 1992 seine Berufung an den Lehrstuhl „Langues et littératures romanes“ am Collège de France. Er war damit der erste Nicht-Franzose, der an dieser, von König Franz I. 1530 gegründeten, ehrwürdigen Institution lehrte. Derselbe König war es auch, der in seinem Reich Französisch als Amtssprache eingeführt hatte.

Neben dem Bezug zur klassischen Sprachkultur stellte die Berufung Weinrichs auch ein Zeichen für die gelebte deutsch-französische Aussöhnung dar und somit auch für die Grundüberzeugung des PEN, dass der Geist immer stärker als Krieg und Zerstörung bleiben wird. Mit dieser Einstellung hat Harald Weinrich uns 55 Jahre hindurch begleitet. Wir werden ihn vermissen.