Friedrich Christian Delius (1943-2022)

Wir trauern um unser langjähriges Mitglied Friedrich Christian Delius. Lesen Sie hier einen Nachruf von Andreas Rumler:

Ein Chronist der Bundesrepublik

Eingangs begegnete Friedrich Christian Delius Kollegen bei Interviews häufig fast hanseatisch spröde, schüchtern und scheu, taute aber auf, sobald die Fragen seine neuen Werke betrafen oder Aufgaben und Verantwortung von Literatur und Autoren. Besonders interessant fand er die Tatsache, dass ich auch für die Kölner Sender Deutsche Welle und Deutschlandfunk unterwegs war, er dadurch ein überregionales Publikum erreichen konnte. Natürlich verschmähte er nicht den WDR, im Auftrag des leider verstorbenen großartigen Kollegen Hanns Grössel kamen wir zusammen. Launig quittierte er nach intensiven Gesprächen die Begegnungen mit Widmungen seiner Werke, gleichermaßen freundschaftlich wie witzig zu lesen.

Geboren an auch meinem Geburtstag, einem 13. Februar, allerdings einige Jahre vor mir 1943 im sonnigen Rom, berührte uns gleichermaßen, dass die Nachrichten uns ständig daran erinnerten: Dieser Termin war kontaminiert, überschattet vom Bombardement Dresdens kurz vor Kriegsende 1945. Es war kein Zufall, dass wir darauf zu sprechen kamen, hatte er doch die Not der Nachkriegszeit noch viel stärker als ich zu spüren bekommen. Und sie beeinflusste sein Schreiben.

Einen großen Teil seiner Jugend verbrachte er im hessischen Wehrda und wandte sich zum Studium 1963 nach Berlin. Wohl an keinem anderen Ort ließ sich die Frontstellung im Kalten Krieg so hautnah erleben wie dort. Einen großen Teil seiner Werke macht die Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte aus. Ihren besonderen Reiz gewinnen diese Texte, weil er oft einen ganz persönlichen, privaten Zugang wählt, durch die Hintertür subjektiver Einblicke Bedeutungsebenen bloßlegt und erschließt, die sich im Allgemeinen der Darstellung entziehen.

Allerdings kam er als Autor alles andere als scheu oder schüchtern daher, sondern trat 1972 gleich auf – nach anderen Werken – mit einem Paukenschlag in Gestalt eines recht schmalen Bändchens von rund 100 Seiten unter dem harmlos klingenden Titel „Unsere Siemens-Welt“. Diese Pseudo-Festschrift begeisterte mich als Schüler und vermittelte uns mehr über den Charakter der Marktwirtschaft und zwar im Deutsch-Unterricht, als es unsere Politik- oder Geschichts-Lehrer je vermocht hätten. Insgeheim mögen sie ihn beneidet haben.

Nazi-Verstrickungen durch Absprachen mit der verbrecherischen Obrigkeit, Ausbeutung von Zwangsarbeitern, Kartell-Bildung mit der Konkurrenz, Waffenlieferungen im ersten Weltkrieg auch an die Gegner, fragwürdige Arbeitsbedingungen und ein recht eigener Umgang mit Gewerkschaften – all das präsentierte Delius charmant mit dem Augenzwinkern des vorgeblichen Fest-Schrift-Stellers: Satire vom Feinsten. Scheinbare Identifikation durch verbale Formeln: All die „Wir“ und „Unsere“ müssen die Verantwortlichen bei Siemens wie Peitschenhiebe getroffen haben.

Wie zu erwarten, vermochte der Konzern Delius‘ Humor nicht zu goutieren, sondern begann einen Jahre dauernden Prozess. „Damals nahm mich der PEN auf und stand mir bei, zwar nicht mit Geld für die hohen Prozesskosten – allein die Flüge von Berlin nach Stuttgart und zurück verschlangen in Mauerzeiten viel Geld –, aber der PEN war die moralische Rückenstärkung,“ schrieb Delius später.

Noch 1972 erschien eine „Prozeß-Ausgabe“ mit geschwärzten Stellen – „so gewinnt immer der verbleibende Rest an Bedeutung … die Ungeheuerlichkeiten der gereinigten Ausgabe sind nun gewissermaßen legalisiert“ befand Arnfried Astel. Im Anhang ließ sich dank des dokumentierten Urteils nachlesen, welche und erschreckender noch: wie wenige der Fakten wirklich strittig waren. Entlarvend ist auch der Kommentar eines Anwalts von Siemens, das Buch sei „ein Dolchstoß in den Rücken des friedlichen deutschen Volkes“.

Walter Jens triumphierte: „Ein Siemens-Konzern, der vor Gericht gehen muss, bestätigt die Wirksamkeit von Literatur“. Aktuell und relevant bleibt diese Festschrift, so lange die marktwirtschaftlichen Verhältnisse sich nicht ändern. Frauen, die in Leichtlohngruppen eingestuft werden, obwohl sie die gleiche Arbeit verrichten wie ihre männlichen Kollegen, rechnen sich – für den Konzern: „Unterm Strich blieben uns dadurch allein 1970 etwa 36 Mio DM.“ Diesen Band zeichnen alle Qualitäten aus, die ihn als Schul-Lektüre empfehlen, bis heute.

Marktwirtschaft und Kapitalismus begleitete er kritisch, dachte dabei global: „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich.“ Auch mit der Kirche legte der Pfarrerssohn sich engagiert an. Die Erzählung „Die linke Hand des Papstes“ und seine Streitschrift „Warum Luther die Reformation versemmelt hat“ rechnen mit vergleichbarem Furor wie in seiner grandiosen Siemens-Festschrift mit den Organisationen beider Konfessionen ab.

In mehr als 20 Sprachen wurden seine Werke übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Auf Fontanes Spuren thematisierte er die Wiedervereinigung: „Die Birnen von Ribbeck“. Gern wählte er eine ganz persönliche Perspektive, blickte autobiografisch inspiriert auf Deutschland und die Welt wie in: „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ und „Bildnis der Mutter als junge Frau“. An einem sonnigen Tag im Januar 1943 begleitet er sie in dieser Erzählung noch vor seiner Geburt auf einem Spaziergang durch Rom. Der Vater ist überraschend an die afrikanische Front versetzt worden, dass er zurückkehren wird, kann sie nur hoffen.

Nach einem halben Jahrhundert, von dem er die letzten 25 Jahre „in passiver Mitgliedschaft“ verbrachte, wie er selbst formulierte, ist Friedrich Christian Delius wenige Tage vor seinem Tod aus dem PEN ausgetreten. Bleiben wird sein facettenreiches Werk, das auch späteren Generationen helfen wird, Deutschlands Entwicklung nach der Befreiung 1945 zu verstehen. Nicht zu Unrecht haben Leser und Medien ihn als „Chronist der Bundesrepublik“ gefeiert.