Erneut lebenslänglich für den Dichter Mohammed al-Ajami – in Abwesenheit

Pressemitteilung, Darmstadt, 21. November 2022. Kaum ist die Fußball-WM mit 60 000 jubelnden Zuschauern und einem Millionen-Publikum vor den Fernsehern eröffnet, da rollt der Ball wieder ohne Hindernisse. Informationen über katastrophale Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter und Zweifel an einer Fußball-WM in der Wüste treten in den Hintergrund, prominente Fans und Funktionäre melden sich zu Wort, verteidigen das Herrscherhaus und verweisen auf Reformen in Katar.

Unverändert allerdings hängen Presse- und Meinungsfreiheit ab von der Gnade des Emir. Laut MENA Rights Group sind im Mai 2022 die Anwälte Hazza bin Ali Abu Shurayda al-Marri und Rashed bin Ali Abu Shurayda al-Marri zu lebenslanger Haft verurteilt worden, nur weil sie ihre Meinung frei äußerten: Hazza bin Ali Abu Shurayda al-Marri hatte auf Twitter gegen das neue Wahlgesetz des Emir vom November 2021 protestiert, weil es den Al-Marra-Stamm in Katar von der Wahl ausschloss und Bürgern das Wahlrecht verweigerte. In einem Video hatte er die Freilassung von Kritikern des Gesetzes zum beratenden Schura-Rat gefordert. Im August 2021 war er deshalb in seinem Haus verhaftet worden. Als Rashed bin Ali Abu Shurayda al-Marri als Anwalt Zugang zu seinem Bruder forderte, wurde auch er in Gewahrsam genommen. Ihr Prozess begann im Januar 2022 hinter verschlossenen Türen, ohne die freie Wahl eines Anwalts. Die Anklage: Gefährdung der öffentlichen Ordnung und die Sicherheit des Staates. Das Urteil im Mai 2022 lautete für beide „lebenslänglich“.

„Lebenslänglich“ erhielt auch – in Abwesenheit – der Dichter Mohammed al-Ajami alias Mohammed Ibn Al-Dheeb, denn er habe die Anwälte in ihrer Kritik mit Videos über Social Media unterstützt.

Mohammed al-Ajami war im November 2011 wegen zweier Gedichte festgenommen worden. „Wir sind alle Tunesien“, hatte er im sogenannten Jasmin-Gedicht geschrieben, das Studenten im Internet verbreiteten. Aufruf zum Sturz des herrschenden Systems, lautete die Anklage 2012. Sein Pflichtverteidiger durfte sich nur schriftlich äußern. Beobachter waren beim Prozess nicht zugelassen. Das Urteil „lebenslänglich“ wurde, nach dem Besuch einer PEN-Delegation in Katar 2013, auf fünfzehn Jahre reduziert. 2016, nach vier Jahren zumeist in Isolationshaft, wurde Mohammed al-Ajami begnadigt. Im Gefängnis hatte er gedichtet:

Wer bin ich? Frag nicht die Tage nach mir –
Ich bin nichts als ein Gefangener
in einer Isolationszelle
Hier in meinem Land Unterdrückung
ist das, was uns unsere Rechte nimmt

2018 hat Katar das Internationale Abkommen zu Bürgerrechten und politischen Rechten unterzeichnet, das die Menschenrechte garantiert, auch die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und das Recht, einen Anwalt frei zu wählen. Nichts davon war im Fall Mohammed al-Ajami gegeben. Auch seine Verurteilung in diesem Jahr in Abwesenheit verstößt gegen die International Covenant on Civil and Political Rights (ICCPR).

Katar hat sich – abseits aller Image-Kampagnen in Kunst und Sport – abgeschottet und verfolgt eine rigide Informationspolitik. Nachrichten über die Situation von Autor*innen heute dringen kaum an die Öffentlichkeit. Vieles ist Spekulation. Auch über Mohammed al-Ajami kursieren verschiedenste Mutmaßungen, vermutlich befindet er sich außer Landes.

„Katar ist eine absolute Monarchie“, sagte Cornelia Zetzsche, Vizepräsidentin und Writers in Prison Beauftragte des deutschen PEN-Zentrums, „die WM in Katar verändert unseren Blick auf den Sport. Sie schärft unseren Blick auf die Situation der Menschenrechte im Golfstaat. Der Fall Mohammed al-Ajami ist symptomatisch für das Verständnis des Herrscherhauses von Grund- und Menschenrechten. Das sollten europäische Clubs und deutsche Unternehmen, die mit Katar Geschäfte machen, dringend überdenken.“

Mohammed al-Ajami, 46, als erster Poet in Katar gleich zweimal zu „lebenslänglich“ verurteilt, ist einer der renommiertesten Dichter des Golfstaats und Ehrenmitglied des deutschen PEN.

Pressekontakt:
Felix Hille
PEN-Zentrum Deutschland e.V., Fiedlerweg 20, 64287 Darmstadt
Tel.: 06151/627 08 23; Mobil: 0157/31382637
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Kesten-Preis 2022 im Staatstheater Darmstadt | Reden, Eindrücke und Stream

Der diesjährige Kesten-Preis des PEN Deutschland, gestiftet vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, ging an die streitbare Dichterin Meena Kandasamy aus Indien. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Mit dem Hermann Kesten-Förderpreis wurde das Portal „WeiterSchreiben.jetzt“ für Literat*innen aus Kriegs- und Krisengebieten geehrt. Annika Reich und Dima Albitar Kalaji nahmen die Auszeichnung entgegen.

Felicitas Hoppe, Schriftstellerin und Reisende mit Indien-Erfahrung, sprach über das Werk Meena Kandasamys. Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann ehrte das Tandem-Projekt „WeiterSchreiben.jetzt“.

Zwei hochkarätige Musiker sorgten für eine ungewöhnliche musikalische Begleitung: Sava Stoianov, Trompete, vom legendären Ensemble Modern und Andrés Rosales, Gitarre/ Tiple von Bridges – Musik verbindet.

Die Reden zum Nachlesen:

Laudatio von Felicitas Hoppe
Dankesrede von Meena Kandasamy

Laudatio von Aleida Assmann
Dankesrede von Dima Albitar Kalaji und Annika Reich

Die in diesem Beitrag eingebundenen Bilder dürfen zum Zwecke der Berichterstattung unentgeltlich unter Angabe des Copyrights verwendet werden.

 

Meena Kandasamy
Foto: PEN-Zentrum Deutschland

Felicitas Hoppe
Foto: PEN-Zentrum Deutschland

Meena Kandasamy gemeinsam mit PEN-Präsident José F. A. Oliver und PEN-Vizepräsidentin Cornelia Zetzsche, die durch den Abend führte.
Foto: PEN-Zentrum Deutschland

Annika Reich (li.) und Dima Albitar Kalaji
Foto: PEN-Zentrum Deutschland

Aleida Assmann
Foto: PEN-Zentrum Deutschland

V. l. n. r.: José F. A. Oliver, Annika Reich, Dima Albitar Kalaji, Meena Kandasamy, Übersetzer Christopher Hay und Cornelia Zetzsche

 

Writers in Prison Day (15.11.)

Über 140 PEN-Zentren weltweit erinnern an bedrohte und inhaftierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Pressemitteilung, Darmstadt, 15. November 2022. Der PEN rückt am diesjährigen Tag des inhaftierten Schriftstellers die Fälle von Tsitsi Dangarembga (Simbabwe), José Rubén Zamora Marroquín (Guatemala), Narges Mohammadi (Iran) und Server Mustafayev (Ukraine/Russland) in den Blick. Die Kolleginnen und Kollegen stehen mit ihrem Schicksal beispielhaft für die Repressionen, denen sich Autorinnen und Autoren auf der ganzen Welt ausgesetzt sehen. Nur wegen ihrer Reden und Texte.

„PEN-Zentren weltweit benennen Menschenrechtsverletzungen in rund hundert Ländern. Demokratische Länder sind dringend gefordert, ihre eigenen Werte auch anderswo zu verteidigen und ihre Beziehungen zu solchen Staaten zu überdenken, sei es zu Ägypten, Katar, China oder Indien“, sagt Cornelia Zetzsche, Vizepräsidentin und Writers in Prison-Beauftragte des deutschen PEN.

Seit 2015 wurde Narges Mohammadi mehrfach verhaftet, verurteilt und im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran festgehalten. Angeklagt ist sie wegen der Verbreitung von Propaganda gegen das System und angeblicher Aktionen gegen die nationale Sicherheit. Die Schriftstellerin, Journalistin, Menschenrechtsaktivistin hatte unter anderem psychische Foltermethoden in iranischen Gefängnissen dokumentiert. Schon in Haft, soll sie im Oktober 2022 im Gefängnis zur Solidarität mit der Protestbewegung nach dem Tod von Mahsa Amini aufgerufen haben. Wie ihre Familie angab, drohen ihr bis zu zehn Jahre Haft, 150 Peitschenhiebe, eine Geldstrafe und diverse Verbote. Ihr ist kein Telefonat mit ihrem Mann erlaubt, der, nach 17 Jahren Haft, floh und mit den Kindern im Exil lebt. Narges Mohammadi ist eine preisgekrönte Autorin, Ehrenmitglied der PEN-Zentren in Belgien, Dänemark, Schweden und Norwegen und ehedem Vizepräsidentin und Sprecherin des Defenders of Human Rights Center (DHRC).

Der krimtartarische Journalist Server Mustafayev ist Gründer und Koordinator der Menschenrechtsbewegung Crimean Solidarity auf der von Russland besetzten Krim. Im Mai 2018 wurde er in seinem Haus verhaftet und später angeklagt wegen „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“, d.h. angeblicher Verbindungen zu Hizb ut-Tahrir, einer in der Russischen Föderation verbotenen, in der Ukraine jedoch legalen Organisation. Im Februar 2019 hieß es, er habe Gelder veruntreut und einen gewaltsamen Umsturz geplant. Im September 2020 verurteilte ihn ein Militärgericht in Rostow am Don zu vierzehn Jahren Haft in einer Strafkolonie in Sibirien. Die UN, das Europaparlament und PEN-Zentren weltweit forderten von Russland, Server Mustafayev freizulassen. Der 32jährige ist Vater von vier Kindern.

Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga, Schriftstellerin, Filmemacherin, Aktivistin und Gründungsmitglied von PEN Simbabwe, protestierte im Juli 2020 mit Julie Barnes und anderen friedlich für die Freilassung von Journalisten, für Reformen und ein „besseres Simbabwe“ und gegen die Korruption innerhalb des simbabwischen Regierungsapparats. In der Folge wurde sie über dreißig Mal vor Gericht zitiert. Wegen Anstiftung zu Gewalt und Verletzung der Corona-Regeln wurde sie im September 2022 in Harare verurteilt zu sechs Monaten Haft, die für fünf Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden, und zu einer Geldstrafe von rund 38.640 ZWL, etwa 116 EUR. PEN Deutschland setzt sich intensiv für die Autorin ein, auch mit der Prozessbeobachtung in Harare und einer Spendenaktion zur Deckung der Prozesskosten. Tsitsi Dangarembga hat gegen das Urteil Berufung eingelegt.

„Seit zwei Jahren steht Tsitsi Dangarembga vor Gericht, nur weil die Schriftstellerin und Filmemacherin das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit nutzte und die Regierung kritisierte. Und sie ist nicht die Einzige. Ein Jahr vor den nächsten Wahlen in Simbabwe überzieht Präsident Emmerson Mnangagwa Regierungskritiker mit Klagen, um sie finanziell, psychisch und physisch mundtot zu machen. Das Urteil gegen Tsitsi Dangarembga ist eine Farce. Es wurde vom Antikorruptionsgericht verkündet, das direkt dem Präsidentenbüro unterstellt ist. Von unabhängiger Justiz kann nicht die Rede sein. Tsitsi Dangarembgas Kampf um Meinungsfreiheit und ein besseres Simbabwe geht weiter, und das PEN-Zentrum Deutschland unterstützt sie“, so Cornelia Zetzsche.

José Rubén Zamora Marroquín ist Gründer von drei der meist gelesenen Zeitungen in Guatemala. Nachdem der Journalist in der Tageszeitung elPeriódico schwere Korruptionsvorwürfe gegen Regierungsbeamte in Guatemala erhoben hatte, wurde er im Juli 2022 in seinem Haus verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Seine Bankkonten wurden eingefroren. Beamte der Staatsanwaltschaft und der Nationalen Zivilpolizei besetzten kurz darauf den Geschäftssitz von elPeriódico, schlossen die Mitarbeiter der Zeitung ein und hinderten sie daran, das Gebäude zu verlassen. Auch der Geschäftsführer wurde verhaftet. José Rubén Zamora Marroquín hatte Maßnahmen gegen Korruption, Straflosigkeit und Drogengeschäfte innerhalb der Politik und den Aufbau einer Zivilgesellschaft in Guatemala gefordert.

Über den Tag des inhaftierten Schriftstellers

Der Gedenktag wurde im Jahr 1980 durch das „Writers in Prison“-Kommittee des internationalen PEN ins Leben gerufen als Reaktion auf die bedrohlich wachsende Zahl der Länder, die versuchen, Autorinnen und Autoren durch Repressionen mundtot zu machen.

Die Caselist 2021, welche jährlich die Informationen zu aktuellen Fällen bündelt, ist hier abrufbar.

Weiterführende Informationen in englischer Sprache, bereitgestellt vom PEN International, finden Sie hier.

Pressekontakt:
Felix Hille
PEN-Zentrum Deutschland e.V., Fiedlerweg 20, 64287 Darmstadt
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Der PEN Podcast #7

„Ms Militancy“: Hermann-Kesten-Preis für Meena Kandasamy

Pressemitteilung, Darmstadt, 14. November 2022. Sie ist radikal und scheinbar völlig furchtlos: Liebesgedichte ohne Politik sind für sie nicht denkbar. Als Dichterin und Aktivistin in Südindien schreibt und kämpft Meena Kandasamy für das freie Wort und gegen Unterdrückung, für verfolgte Autoren und gegen Indiens hindufundamentalistische Regierungspolitik. Und erzählt, wie Indiens Regierung Gesetze missbraucht, um die Opposition auszuschalten. Cornelia Zetzsche, PEN-Vizepräsidentin und Writers in Prison Beauftragte, im Gespräch mit Meena Kandasamy.

Am Writers in Prison Day, am 15. November 2022 erhält Meena Kandasamy den Hermann-Kesten-Preis. Die Auszeichnung erinnert an den Schriftsteller Hermann Kesten, der wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Haltung Verfolgung fürchten musste, 1933 nach Frankreich floh und 1940 in die USA emigrierte. Dort half er verfolgten deutschen Künstlern. Nach dem Krieg wirkte er als streitbarer, engagierter und humorvoller Präsident des deutschen PEN-Zentrums.

Der Herman-Kesten-Preis wird seit 1985 verliehen. Zu den Preisträgern und Preisträgerinnen gehörten unter anderem Anna Politkowskaja, Liu Xiaobo, Gioconda Belli und Günter Wallraff.

Der PEN Podcast ist auf Podigee, Spotify und der PEN-Webseite zu hören und kann abonniert werden.

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Urteil zu Hasskommentaren gegen Künast   

Ein jahrelanger Rechtsstreit um massive Beleidigungen gegen Renate Künast von der Partei Die Grünen im Internet ist zu Ende. Das Berliner Kammergericht (AZ 10 W 13/29) hat nun die Betreiber der Plattform facebook dazu aufgefordert, Nutzerdaten von mehreren Hasskommentaren herauszugeben. Nun kann die Bundestagsabgeordnete juristisch gegen die Personen vorgehen. Zuvor hatte bereits das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass hier härter gegen Verunglimpfungen im Netz vorgegangen werden muss.

Unterstützt wurde Renate Künast in ihrem Kampf gegen die Hasskommentare vom PEN Zentrum Deutschland. So hatte 2019 dessen damalige Präsidentin und heutige Generalsekretärin des PEN International Regula Venske an die 27. Zivilkammer des Landgerichts Berlin einen offenen Brief geschrieben. Venske schrieb: „Sie behaupten, sämtliche der in den inkriminierten Tweets enthaltenen Äußerungen seien zulässige Meinungsäußerungen. Dabei gelingt es Ihnen nicht, zwischen groben Beleidigungen und Gewaltphantasien bis hin zu Handlungsaufforderungen, in diesem Fall der Aufforderung zu sexueller Gewalt („Knatter sie einer …“) und Körperverletzung („die Fresse polieren“), zu unterscheiden. Wo ist etwa der Sachbezug zum hier behandelten Thema bei der Formulierung, die Antragstellerin gehöre „als Sondermüll“ „entsorgt“? Eine solche zugespitzte Formulierung wäre wohl in einer Satire, die sich zu Korruption in der Müllentsorgung äußert, denkbar. Im hier vorliegenden Kontext handelt es sich um eine weitere Gewaltphantasie.“

Regula Venske Foto: © Michael Zapf

Regula Venske
Foto: © Michael Zapf

Regula Venske erinnerte an eine Aussage von Wolfgang Schäuble, der „eine Grenze zwischen zulässiger zugespitzter Meinungsäußerung und Hassbotschaft“ sieht. In klaren Worten formulierte sie in ihrem Brief an das Gericht: „Wofür Sie in Ihrem Urteil keine Sensibilität zeigen, ist die Frage, ob bei den klar erkennbar sexistischen Äußerungen nicht sogar der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt ist.“ Venske wies darauf hin, dass Künast nachweislich offen das Gespräch mit ihren Kritikern suche, sodass das bisherige Urteil über die Herausgabe der Nutzerdaten auch einer möglichen Aussöhnung im Wege stünde.

Erleichtert zeigt sich die Generalsekretärin des PEN International über das Urteil: “Der internationale PEN und die in ihm organisierten einzelnen Zentren setzen sich weltweit für die Freiheit des Wortes und verfolgte Schriftstellerinnen und Schriftsteller ein. Jedes Mitglied verpflichtet sich gemäß unserer Charta, mit äußerster Kraft für die Bekämpfung jedweder Form von Hass zu wirken sowie jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung entgegenzutreten. Die Balance zwischen beiden Aspekten auszuloten ist nicht immer leicht. Im Vertrauen auf unser Rechtssystem äußerte ich in meinem Offenen Brief damals die Hoffnung, dass dies der nächsthöheren Instanz besser gelingen möge als der zunächst mit der Causa befassten Kammer. Ich freue mich, dass meine Hoffnung nicht enttäuscht worden ist.“

Der deutsche PEN auf der Bonner Buchmesse Migration

Was ist Heimat?“ fragte die 13. Bonner Buchmesse Migration und stellte Menschen vor, die ihre Heimat verlassen mussten. Das PEN-Zentrum Deutschland berichtete über seine Unterstützung verfolgter Kollegen und ließ sie zu Wort kommen.

„Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen?“ war man mit Schiller versucht zu fragen angesichts der bereits 13. Bonner Buchmesse Migration im Haus der Geschichte auf der Museumsmeile – in diesem Jahr vom 4. bis zum 6. November. Dabei handelt es sich um eine Erfolgsgeschichte, die sich in mehr als 20 Jahren ständig fortentwickelt hat und wachsenden Zuspruchs erfreut.

Das liegt an dem breit angelegten Konzept, wie die Organisatoren berichten: „Überall – in wissenschaftlichen Institutionen, sozialen Vereinen und bürgerschaftlichen Initiativen, als Autoren in Verlagen oder als einzelne Ehrenamtliche – engagieren sich Menschen in den bewegten Themenfeldern Migration, Flucht und interkulturelles Zusammenleben. Seit 1998 bündelt dieses weitverzweigte, dezentrale Netzwerk alle zwei Jahre seine Aktivitäten und zeigt sie vier Tage lang auf der Bonner Buchmesse Migration im Haus der Geschichte. Jede dieser Messen nimmt Stellung zu aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Ereignissen.“

Stella Gaitano (li.) mit Writers in Exile Projektmitarbeiterin Isabella Stadler

Damit wird hier in Bonn drei Tage lang ein Forum geboten, auf dem unterschiedliche Menschen, die dieses Thema interessiert als Betroffene oder Betreuer, als Autoren oder hilfsbereite Bürger, ins Gespräch kommen können und sich austauschen. Es war ergreifend zu beobachten, wie hier Gesprächspartner zueinander fanden, die ein gemeinsames Schicksal verbindet, weil sie ihre Heimat verlassen mussten, um Leben und Freiheit zu retten. Einige kannten sich aus ihren Herkunftsländern und konnten einander berichten, wie es daheim aussieht, wie es Freunden und der Familie geht. Genau das soll hier in zwangloser Runde möglich sein: „Menschen aus allen Kulturen über Migration und demographischen Wandel zu informieren und ins Gespräch zu bringen.“

Seit Jahren ist das PEN-Zentrum Deutschland aktiv im Einsatz zur Verteidigung des Freien Worts und in seiner Arbeit zur Unterstützung bedrohter und verfolgter Kollegen. Deshalb waren der PEN mit einem Stand vertreten und informierte über unsere Tätigkeit. Geleistet wird sie ehrenamtlich von Mitgliedern und dem engagierten Team der Geschäftsstelle in Darmstadt. Speziell unsere beiden Vize-Präsidentinnen, Astrid Vehstedt als Writers-in-Exile-Beauftragte sowie Cornelia Zetzsche als Writers in Prison Beauftragte, investieren einen großen Teil ihrer Zeit und Kraft für die Hilfe verfolgter Kolleginnen und Kollegen. Kerstin Martini und Isabella Stadler, beide in Darmstadt mit diesen Aufgaben betraut, beantworteten am Stand Fragen und berichteten Besuchern, wie Hilfe für bedrohte und verfolgte Menschen möglich wird.

V. l. n. r.: Marzieh Nasiri, Pezhman Golchin und Farhad Jahanbeigi

Höhepunkte der Bonner Migrationsmesse waren wieder die Diskussionen, Lesungen und Vorträge von Betroffenen. So lasen die beiden Schriftsteller und Journalisten Farhad Jahanbeigi und Pezhman Golchin aus dem Iran, beide als Stipendiaten hier im Exil, aus ihren Werken und diskutierten anschließend über die aktuelle Situation in ihrer Heimat. Unter dem Slogan „Frau, Leben Freiheit“ gehen im Iran Menschen auf die Straße, demonstrieren und riskieren ihr Leben. Es wird scharf geschossen. Informationen über die aktuelle Lage sind rar und nicht zu überprüfen. So haben unsere Stipendiaten große Sorgen um Leben und Gesundheit ihrer Familien und ihrer Freunde. Wegen ihres politischen Engagements mussten sie fliehen. Spontan übersetzte Frau Marzieh Nasiri aus dem Iran fast simultan die Vorträge und anschließend Antworten zu Fragen aus dem Publikum. Unter dem Titel „Auf der Flucht in der Heimat sein“ las die südsudanesische Schriftstellerin Stella Gaitano aus ihrem noch unveröffentlichten Roman, Isabella Stadler trug die deutsche Übersetzung vor.

So bitter die Themen Migration und Flucht sind – Mut macht diese Messe und gibt auch denjenigen Kraft und Energie, die selbst unter solchen Bedingungen leiden oder mit ihnen konfrontiert sind. Möglich wurde dieser belebende Effekt, weil das Programm sich eben nicht nur in deprimierender Bestandsaufnahme erschöpfte, sondern Wege wies, der Misere Paroli zu bieten, aktiv zu werden. Neben den Lesungen und Gesprächen kamen musikalische Darbietungen nicht zu kurz wie etwa das Abschlusskonzert des „Kültürklüngel Orkestar“ am Sonntag.

Den besonderen Charme dieser großartigen kleinen Buch-Messe zum Thema Migration, in diesem Jahr unter der Fragestellung „Was ist Heimat?“, macht ihr fast familiärer Charakter aus. Verlage präsentierten ihre Titel an den Ständen, Amnesty International informierte über seine Arbeit und warb um Unterschriften für Petitionen, verschiedene Gruppen berichteten und stellten ihre Angebote vor. Ausgerichtet wird die Messe zum zweiten Mal als Kooperationsprojekt der EMFA/Integrationsagentur für Evangelische Migrations- und Flüchtlingsarbeit Bonn gemeinsam mit dem Diakonischen Werk Bonn und der Region.

In ihrem Grußwort sagte Reem Alabali-Radovan, als Staatsministerin beim Bundeskanzler und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration hatte sie die Schirmherrschaft übernommen: „Eine Heimat zu haben, ist nicht selbstverständlich. Zum Beispiel sind noch nie so viele Menschen weltweit auf der Flucht gewesen wie heute.“ Gerade deshalb sei es wichtig, Ihnen Sicherheit und Geborgenheit zu gewähren.

So schlimm es ist, dass weltweit Menschen verfolgt werden und aus ihrer Heimat fliehen müssen, gut ist, dass sich in den Ländern der freien Welt immer wieder Menschen finden, die ihnen zu helfen bereit sind. Sie versuchen Vertriebenen Angebote zu machen, einen Zugang zu ihrer neuen Heimat zu finden. Und ungeheuer wichtig ist, dass alle Beteiligten sich über ihre Arbeit austauschen können. Wie etwa auf diesem großartigen Forum hier in Bonn.

Der PEN-Stand wurde betreut von Kerstin Martini und Isabella Stadler

 

Ein Bericht von PEN-Präsidiumsmitglied Andreas Rumler

04.11.2022 - 06.11.2022 – Bonner Buchmesse: „Was ist Heimat?“

Vom 4 bis 6. November 2022 findet unter dem Motto „Was ist Heimat?“ die 13. Bonner Buchmesse Migration im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland statt.

PEN Deutschland informiert am eigenen Stand über das Writers-in-Exile-Programm und bereichert das Programm mit Lesungen und Diskussionen unter Beteiligung von Exilautorinnen und Exilautoren aus dem Iran und Südsudan am Samstag von 13 Uhr bis 14:30 Uhr:

Unter dem Titel „Auf der Flucht in der Heimat sein“ liest die südsudanesische Schriftstellerin Stella Gaitano aus ihrem noch unveröffentlichten Buch. Anschließend lesen Farhad Jahanbeigi und Pezhman Golchin aus dem Iran aus ihren Werken und diskutieren anschließend über die aktuelle Situation im Iran.

Der iranische Lyriker, Journalist und Sprachvermittler Farhad Jahanbeigi wurde 1980 im Iran geboren. Er wurde wegen seiner literarischen, journalistischen, sozialen und politischen Aktivitäten wiederholt von iranischen Sicherheitsbehörden festgenommen und inhaftiert. Eine Sammlung kurdischer und persischer Gedichte sowie andere Manuskripte wurden 2015 bei einer Razzia in seinem Haus beschlagnahmt und konnten im Iran nie veröffentlicht werden. Seit April 2022 ist Farhad Jahanbeigi Stipendiat des Writers in Exile-Programms des deutschen PEN-Zentrums.

Pezhman Golchin ist Schriftsteller, Journalist und Aktivist aus dem Iran und aktuell Elsbeth-Wolffheim-Stipendiat der Wissenschaftsstadt Darmstadt.

Stella Gaitano ist eine bekannte südsudanesische Schriftstellerin und Aktivistin. Ihre Arbeiten konzentrieren sich auf die Auswirkungen des Krieges, die systematische sozio-politische Ungerechtigkeit gegenüber der marginalisierten sudanesischen Bevölkerung und entlarven die politischen und ideologischen Gründe für das Anzetteln von Kriegen und Gräueltaten. Seit Juli 2022 ist Stella Gaitano Stipendiatin des Writers in Exile-Programms.

Die Bonner Buchmesse Migration findet statt unter der Schirmherrschaft von Reem Alabali-Radovan, Staatsministerin beim Bundeskanzler und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, und bietet ein vielfältiges Programm mit Lesungen, Gesprächen, Film und Musik. 

 

06.11.2022, 15:00 Uhr – Lesung der Writers-in-Exile-Stipendiatin Evgenija Spaschenko in Kamen

Unter dem Titel „Ich war fremd und ihr habt mich beherbergt“ lädt der ProMensch Kamen e.V. ein zu Lesungen mit Stipendiatinnen und Stipendiaten des Writers-in-Exile-Programms.

Am 6. November 2022 liest die ukrainische Schriftstellerin Evgenija Spaschenko im Johannes-Buxtorfhaus Südkamen in Begleitung von Astrid Vehstedt, Vizepräsidentin des deutschen PEN und Writers-in-Exile-Beauftragte, und musikalischer Begleitung.

Am 13. November 2022 lesen die Exilautorin Kholoud Charaf, Dichterin aus Syrien, und die Schriftstellerin Petra Reski.

Veranstalter: ProMensch e.V. Kamen

 

04.11.2022 - 06.11.2022 – Writers-in-Exile beim SCHAMROCK-Festival der Dichterinnen in München

Vom 4. bis 6. November 2022 findet die 6. Internationale Poetry Biennale in München statt. Das Schamrock-Festival der Dichterinnen lädt ein zu Lesungen, Performances, Crossover- und Übersetzungsprojekten, Workshops, internationalen Kooperationen und Podiumsgesprächen.

Das Writers-in-Exile-Programm des deutschen PEN Zentrums ist mit zahlreichen Veranstaltungen, aktuellen und ehemaligen Stipendiatinnen und Stipendiaten vertreten:

Samstag, 5. November 2022

15:00 Uhr: Volha Hapeyeva (Belarus, Video)

21:30 Uhr: Focus PEN – Writers in Exile I: Stella Nyanzi (Uganda), Yirgalem Fisseha Mebrahtu (Eritrea)

Sonntag, 6. November 2022: 

14:00 Uhr: Matinée Where Are We Now? mit Lisa Jeschke, Barbara Yurtdas (Gedok), Stella Nyanci, Judith Pfeifer, Christine Yohannes, Astrid Vehstedt (PEN), Moderation Kalle Aldis Laar

15:00 Uhr: Fokus PEN – Writers in Exile II: Najet Adouani (Tunesien), Kholoud Charaf (Syrien), Şehbal Şenyurt Arınlı (Türkei), Vera Botterbusch (München, Moderation)

Veranstalter: Schamrock e. V.

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Der Fall Waheed Bektash

Eine erfolgreiche Evakuierung und kein Happy End: Der Schriftsteller Waheed Bektash und seine Familie aus Afghanistan müssen München verlassen.

Pressemitteilung, Darmstadt, 2. November 2022. Ende letzten, Anfang dieses Jahres gelang es, in einer großartigen Kooperation von PEN International, deutschem PEN, Auswärtigem Amt, Bundesinnenministerium, BKM, GIZ, Ausländerbehörden und „Luftbrücke Kabul“, zehn gefährdete PEN-Mitglieder und ihre Familien, etwa 100 Personen insgesamt, aus Afghanistan nach Deutschland zu evakuieren und über das Bundesgebiet zu verteilen. In allen Bundesländern bekamen die Schriftsteller*innen Wohnungen zugewiesen, nur in Bayern landeten sie in Lagern.

Dastgir Farhood, ein junger Dichter, Mitglied des PEN Afghanistan und des PEN Deutschland, ist mit Frau und Kind in der Flüchtlingsunterkunft in Geretsried unter-gebracht, in einem Raum von etwa acht qm für drei Personen zwischen Holzwänden, dazu eine Küche, eine Dusche für circa zwanzig Familien, die Toilette wochenlang kaputt.

Akut ist der Fall von Waheed Bektash: Der bekannte Lyriker, Journalist, Gründer einer News Agentur, Mitglied des PEN Afghanistan und des PEN Deutschland, wohnte bis jetzt in Freiham. Heute musste er das Lager verlassen und mit seiner Familie in die knapp 60 km entfernte Flüchtlingsunterkunft in Langenbach wechseln, wie er dort hinkommt, bleibt ihm überlassen.

Als Gründe für die Entscheidung schreibt die Regierung von Mittelfranken:

  1. Bei einer routinemäßigen Kontrolle wurden in seinem Zimmer Bierdosen gefunden – Alkoholkonsum ist im Lager verboten;
  2. Im Zimmer der Kinder fand sich ein Teppich, der zuvor unbeanstandet bei anderen Bewohnern lag. Gleichwohl heißt es im Schreiben der Regierung an Waheed Bektash: „Das Aufstellen von zusätzlichem Mobiliar, wie Teppiche, sind grundsätzlich nicht gestattet, da der Brandschutz durch sie nicht mehr gewährleistet werden kann. Zudem lag auch keine Genehmigung der Verwaltungsleitung vor“.
  3. Waheed Bektash hat sich nicht an den Putzplan gehalten.

Festgestellt wurde das alles bei mehrfachen unangekündigten Kontrollen der Verwalterin, begleitet von ihren Drohungen – im Namen der Regierung! –, die Familie nach Afghanistan zurückzuschicken.

Am 21. Oktober kam eine Abmahnung, der eine Vertreterin der Diakonie im Namen der Familie widersprach.

Am 31. Oktober kam der Bescheid, dass die Familie am 2. November nach Langenbach umziehen muss – binnen zwei Tagen!

Warum diese Eile? Ein Zufall, dass dies über einen Feiertag geschieht, an dem weder die Hausverwaltung noch die Behörden erreichbar sind?

„We have been disrespected physically and emotionally“, „They destroy our future“, schreibt Waheed Bektash in verzweifelten Briefen.

Als Kritiker des Regimes ist Waheed Bektash den Taliban entkommen. Die Familie ist traumatisiert, hat eine monatelange Flucht hinter sich und darf hier nicht ankommen. Die Menschen kämpfen mit einer neuen Umgebung, einer fremden Sprache, dem Verlust ihrer Arbeit, ihres Zuhauses, ihrer Freunde, und sie sorgen sich um ihre Familie in Afghanistan. Die Kinder und die Schwester, gerade eben integriert in den Schulen, werden nach wenigen Monaten aus allem herausgerissen und müssen in Langenbach wieder von vorn beginnen. Sie sehen die Möglichkeiten für Geflüchtete aus der Ukraine, sie möchten lernen, eine Ausbildung machen, etwas leisten, für diese Gesellschaft. Sie haben ideale Vorstellungen von Demokratie in Deutschland. Stattdessen erleben sie beschämende, entwürdigende Drohungen und überzogene Maßnahmen einer offensichtlich überforderten Heimleitung.

Der PEN Deutschland protestiert aufs Schärfste gegen diesen Umgang mit seinen Mitgliedern, mit Geflüchteten überhaupt, und fordert die Einhaltung der Menschenrechte, was gerade auch im weltoffenen Bayern eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Im Namen des deutschen PEN-Zentrums

Cornelia Zetzsche
Vizepräsidentin und Writers in Prison Beauftragte

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Felix Hille
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