13.10.2021, 19 Uhr – Anzhelina Polonskaja und Kholoud Charaf im Gespräch in Regensburg

Ein Leben im Exil – der Verlust der Heimat – die Erfahrung von Fremde. Wie erleben zwei preisgekrönte, engagierte Lyrikerinnen diesen existentiellen Umbruch? Was bedeutet das Exil für ihr Leben, Denken, Schreiben?
Beide Dichterinnen sind seit Herbst 2020 Stipendiatinnen des Writers-in-Exile-Programms des deutschen PEN-Zentrums.

Anzhelina Polonskaya
© Oliver Lückmann

Anzhelina Polonskaja, Lyrikerin, Übersetzerin, ehemals Lehrerin und Eistänzerin, wurde 1969 in der Nähe von Moskau geboren. Ihre Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Aufgrund regierungskritischer Interviews und Veröffentlichungen (u.a. einem Libretto zum Untergang des U-Boots „Kursk“) war sie zunehmend der Bedrohung durch Polizei und Regierung ausgesetzt, es folgten Einbrüche in ihre Wohnung, Beschlagnahmung von Computer und Textmaterial, Verbot jeglicher literarischer Aktivität. Nach Schreibstipendien in den USA und Europa lebt Polonskaja seit 2020 in Dortmund. Vor kurzem erschien ihr Gedichtband „Unvollendete Musik“ im Leipziger Literaturverlag (2020).

Kholoud Charaf (© Oliver Lückmann)

Die Dichterin und Publizistin Kholoud Charaf wurde 1981 in Al-Mojaimr in Südsyrien geboren. Sie machte eine medizinische Ausbildung und studierte Arabische Literaturwissenschaften. 2013 leitete sie die medizinische Abteilung auf der Frauenstation des Hochsicherheitsgefängnisses von As-Suwayda. Als einzige zivile Angestellte und Zeugin der systematischen Missachtung der Menschenrechte der Gefangenen stand sie zunehmend unter Druck und Bedrohung von Polizei und Gefängnispersonal. Die überlebensnotwendige Selbstzensur der Schriftstellerin, die ständige Bedrohung durch den Bürgerkrieg und das Stigma als geschiedene Frau in der syrischen Gesellschaft führten zur Entscheidung, Syrien zu verlassen. In ihrem Gedichtband „The Remains of the Butterfly“ setzt sich Charaf mit dem Krieg in Syrien auseinander. Zur Zeit arbeitet sie an Prosatexten, in denen sie die Gräueltaten in ihrer Heimat literarisch verarbeitet. Sie hat bisher vier Bücher veröffentlicht, ihre Gedichte wurden in zehn Sprachen übersetzt.

Die Moderation und die Lesung der Texte auf Deutsch übernimmt Barbara Krohn Mitglied des PEN-Präsidiums).

Dies ist die zweite Veranstaltung der in Kooperation mit dem ebw Regensburg organisierten Reihe von Lesungen mit SchriftstellerInnen des Writers-in-Exile-Programms des deutschen PEN.

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Anna Politkowskaja (1958-2006)

Anna Politkowskaja 2005, CC BY 2.0, www.commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20526352

Heute vor genau 15 Jahren wurde die russisch-amerikanische Journalistin Anna Politkowskaja in ihrem Wohnhaus in Moskau brutal ermordet.

Wir verneigen uns in stillem Gedenken vor einer großen Verfechterin des freien Wortes und der Menschenrechte und fordern weiterhin die restlose Aufklärung der Hintergründe dieses feigen Attentats.

Anna Politkowskaja war berühmt für ihre konsequente Berichterstattung über Kriegsverbrechen im Tschetschenienkrieg und für ihre schonungslosen Analysen von Missständen im politischen System Russlands. Zwar konnte die russische Polizei den Täter fassen, wesentliche Fragen über die Hintermänner des Verbrechens, welches just am Geburtstag Wladimir Putins begangen wurde, bleiben jedoch bis heute ungeklärt, was nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte an mangelhafter Ermittlungsarbeit der russischen Behörden liegt.

 

Für die Freiheit des Wortes – 100 Jahre PEN International. Meinungsfreiheit ist Menschenrecht

Zum 100-jährigen Bestehen des internationalen PEN am 5.10.2021 ist eine reich illustrierte Jubiläumsausgabe im Elisabeth Sandmann Verlag erschienen. Der neue Band dokumentiert die bewegte Geschichte der Schriftstellervereinigung mit bisher unveröffentlichtem Material und verdeutlicht, warum es mehr denn je gilt, für die Freiheit des Wortes weltweit einzutreten.

  • Für die Freiheit des Wortes. 100 Jahre PEN International
  • Elisabeth Sandmann Verlag
  • Mit Beiträgen u.a. von Ginevra Avalle, Jennifer Clement, Peter McDonald, Rachel Potter, Carles Torner, Regula Venske, Laetitia Zecchini
  • Mit Stimmen von Juli Zeh, Ulla Hahn, Ulrich Wickert, Christoph Hein, Can Dündar, Bernhard Schlink, Nora Gomringer, Ilija Trojanow, Sten Nadolny, Gabriele von Arnim u.v.m.
  • Fester Einband
  • Erscheinungstermin: 11.9.2021
  • ISBN: 978-3-945543-91-7
  • Preis: € 58,-

Ricarda-Huch-Preis für Petra Reski

Wir gratulieren unserer Kollegin Petra Reski zur Verleihung des Ricarda-Huch-Preises. Die Autorin und Mafia-Expertin ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und erhielt am Sonntag in der Darmstädter Centralstation die Auszeichnung, welche mit 10.000 Euro dotiert ist. An der Preisverleihung nahmen auch Heinrich Peuckmann, Generalsekretär des deutschen PEN, sowie der frühere Schatzmeister des PEN, Hermann-Anders Korte, teil.

Die Laudatio hielt Kristina Maidt-Zinke, Vorsitzende der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse. Der Darmstädter Jury für den Ricarda-Huch-Preis 2021 gehörten Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch als Jury-Vorsitzender, Stadtverordnete Hildegard Förster-Heldmann (Vorsitzende des Kulturausschusses), Sandra Kegel (Literaturkritikerin der FAZ), Dr. Burkhard Bonsels vom Lions Club Darmstadt Mathildenhöhe, Dr. Astrid Mannes MdB und Daniela Wagner MdB, an. Das Preisgeld wird vom Lions-Club gestiftet.

V. l. n. r.: Der frühere PEN-Schatzmeister  Hermann Anders Korte, der Darmstädter Oberbürgermeister, Jochen Partsch, Daniela Wagner MdB, Dr. Burkhard Bonsels vom Lions Club Darmstadt Mathildenhöhe, Schriftstellerin Petra Reski, Laudatorin Kristina Maidt-Zinke, sowie PEN-Generalsekretär Heinrich Peuckmann

100. Todestag: PEN erinnert an Oskar Panizza

Pressemitteilung, Darmstadt, 27. September 2021. Anlässlich des 100. Todestages von Oskar Panizza (12.11.1853 – 28.09.1921) möchte das deutsche PEN-Zentrum an das Schicksal des Schriftstellers und Publizisten erinnern. Die Veröffentlichung seiner satirischen Himmelstragödie „Das Liebeskonzil“ führte dazu, dass Panizza 1895 vom Münchner Landgericht wegen „Blasphemie“ zu einem Jahr Einzelhaft verurteilt wurde.

Kein anderer Autor wurde im Deutschen Kaiserreich für eine Publikation jemals so schwer bestraft wie Oskar Panizza. Es handelte sich damals um einen politisch motivierten Prozess, der uns bis heute daran erinnert, dass die Kunst- und Meinungsfreiheit ein Grundrecht ist, das es auch in der Gegenwart zu schützen und zu verteidigen gilt. Oskar Panizza verließ das Amberger Gefängnis als gebrochener Mann und wurde von der Justiz später aufgrund von „Majestätsbeleidigung“ erneut verhaftet und für unzurechnungsfähig erklärt. Bis heute ist Oskar Panizza ein verfemter Autor geblieben. In keiner deutschen Stadt scheint es eine nach ihm benannte Straße zu geben. Es wäre ein schönes Zeichen, wenn sich wenigstens seine Geburtsstadt Bad Kissingen entschließen könnte, eine Straße nach ihrem berühmten Sohn zu benennen.

Für das deutsche PEN-Zentrum ist der Fall Panizza ein mahnendes Beispiel dafür, sich weltweit für verfolgte Journalisten und Schriftstellerinnen einzusetzen. Die Freiheit des Wortes ist ein unverzichtbares Menschenrecht, sei es in Belarus, in der Türkei oder in Saudi-Arabien. Wir werden weiterhin unsere Stimme für die Meinungsfreiheit erheben und haben in der jüngsten Vergangenheit inhaftierte Autoren und Autorinnen wie Pham Doan Trang, Ahmed Mansoor, Selahattin Demirtaş oder Raif Badawi zu Ehrenmitgliedern des deutschen PEN-Zentrums ernannt und fordern deren sofortige und bedingungslose Freilassung.

Ralf Nestmeyer
PEN-Vizepräsident und Writers-in-Prison-Beauftragter

Pressekontakt:
Felix Hille
PEN-Zentrum Deutschland e.V., Fiedlerweg 20, 64287 Darmstadt
Tel.: 06151/62708 23; Mobil: 0157/31382637; Fax.: 06151/293414
E-Mail: f.hille [at] pen-deutschland [dot] de

 

Das deutsche PEN-Zentrum ist mit seinem Geschäftssitz in Darmstadt eine von weltweit über 150 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International zusammengeschlossen sind. PEN steht für Poets, Essayists, Novelists. Die ursprünglich 1921 in England gegründete Vereinigung hat sich als Anwalt des freien Wortes etabliert und gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Der deutsche PEN begleitet mit Initiativen und Veranstaltungen das literarische Leben in der Bundesrepublik. Er bezieht Stellung, wenn er die Meinungsfreiheit, gleich wo, in Gefahr sieht. Er mischt sich ein, wenn im gesellschaftlichen Bereich gegen den Geist seiner Charta verstoßen wird.