Aslı Erdoğan arbeitet mit Luk Perceval an Neudeutung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in Genf

Ab dem 22. Januar 2020 präsentiert das Grand Théâtre de Genève Mozarts Entführung aus dem Serail in einer Neuproduktion des belgischen Regisseurs Luk Perceval mit einer neuen Textfassung der türkischen Autorin Aslı Erdoğan und befreit dieses Singspiel damit von allem pittoresken Orientalismus.

„Wir alle sind eingeschlossen im Serail unseres Lebens“, so Perceval, der in seiner Interpretation von Mozarts Oper einen Blick auf eine heutige Gesellschaft wirft. Einzelne Menschen sind verloren in einem absurden Leben und einer Menge in Aufruhr und suchen einen Ausweg aus ihrem eigenen Serail. Die Reflexionen einsamer Individuen, denen es um Liebe, Spiritualität und Menschlichkeit geht, werden einer Hysterie der Masse gegenübergestellt.

Die türkische Journalistin und Schriftstellerin Aslı Erdoğan. Foto: Bernd Hartung

Aslı Erdoğan
Foto: Bernd Hartung

Writers in Exile-Stipendiatin Aslı Erdoğan, geboren 1967 in Istanbul und mittlerweile in Berlin im Exil lebend, hat sich in ihren Werken vehement für Menschenrechte und gegen jegliche Art von Faschismus, insbesondere in ihrem Heimatland, ausgesprochen. Sie ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen und Kolumnistinnen der Türkei. Ihre literarischen Werke wurden in über 20 Sprachen übersetzt. Als Kolumnistin kritisierte sie unter anderem die Rolle der Frau in der türkischen Gesellschaft und die Behandlung der Kurden oder Armenier. 2016 wurde Erdogan in der Türkei verhaftet und war für ein halbes Jahr im Gefängnis. Dementsprechend ist auch ihre Textversion der Entführung aus dem Serail, die von ihrem Buch Der wundersame Mandarin inspiriert ist, ein kritisches Plädoyer für eine vielfältige Gesellschaft ohne jedoch den Witz und die Ironie, die in Mozarts Singspiel stecken, aufzugeben.

Das Bühnenbild stammt von Philipp Bussmann, die Kostüme von Ilse Vandenbussche, das Licht von Mark Van Denesse, die Choreographie von Ted Stoffer, und die Dramaturgie übernimmt Luc Joosten.

Mit Fabio Biondi steht ein Spezialist für historische Aufführungspraxis und einer der wichtigsten Dirigenten unserer Zeit für Werke des 17. und 18. Jahrhunderts am Pult des Orchestre de la Suisse Romande. Er dirigiert zum ersten Mal dieses Orchester.
Das Sängerensemble wird angeführt von Olga Pudova, die alternierend mit Rebecca Nelsen die Konstanze singt, sowie Julien Behr als Belmonte. Des Weiteren singt Claire de Sévigné die Blonde, Denzil Delaere den Pedrillo und der Bass Nahuel Di Pierro, der in letzter Zeit etwa in Pesaro, Zürich oder Aix en Provence große Erfolge gefeiert hat, den Osmin. Das Ensemble wird ergänzt durch die Schauspieler Françoise Vercruyssen, Iris Tenge, Joris Bultynck und Patrice Luc Doumeyrou, die als ein Alterego der Hauptrollen in einem fortgeschrittenen Alter erscheinen.

Die Genfer Neuproduktion wird in deutscher Sprache gesungen mit französischen und englischen Übertiteln. Sie entsteht als Koproduktion mit dem Grand Théâtre de Luxembourg und dem Nationaltheater Mannheim.

Grand Théâtre de Genève
Premiere: 22. Januar 2020, 20.00 Uhr
Weitere Aufführungen: 24., 26., 28. und 30. Januar 2020, 1. und 2. Februar 2020

Weitere Informationen und Termine auf
www.gtg.ch/die-entfuhrung-aus-dem-serail/

Zwei Autorinnen im Transit – Lesung eines literarischen Briefwechsels zwischen Terézia Mora und PEN-Stipendiatin Şehbal Şenyurt Arınlı

Pressemitteilung, Darmstadt, 5. November 2019. Im Rahmen der literarischen Reihe des Writers in Exile-Programms des deutschen PEN-Zentrums ist ein Briefwechsel der besonderen Art entstanden. Zwei Schriftstellerinnen korrespondieren über Wochen und stehen sich zum ersten Mal kurz vor der Abschlusslesung ihrer Briefe gegenüber: Terézia Mora, seit kurzem Büchner-Preisträgerin, und Şehbal Şenyurt Arınlı, Schriftstellerin, Dokumentarfilmerin und Stipendiatin des PEN-Exilprogramms. Zum dritten Mal wurde nun eine literarische Korrespondenz zwischen zwei AutorInnen durchgeführt. Die Initiatorin und Herausgeberin des Buches „Autorinnen im Transit“ ist Franziska Sperr (ehemalige Vizepräsidentin und WiE- Beauftragte). Die zweisprachige Publikation ist im binooki-Verlag, Berlin, erschienen.

Am 28. November 2019 in der Berliner Akademie der Künste werden sich die beiden Autorinnen zum ersten Mal gegenüber stehen, aus ihren Briefen lesen und sich vom ehemaligen PEN-Präsidenten, dem Schriftsteller Gert Heidenreich zu ihren Texten befragen lassen.

Obwohl sie sich nie begegnet sind, wissen sie viel übereinander: die bekannte, mit Literaturpreisen überhäufte Terézia Mora und die vor einem Jahr in Deutschland angekommene, in der deutschen Literaturszene noch unbekannte Şehbal Şenyurt Arınlı. Mehrere Wochen lang schickten sie einander Texte, in denen es um ihren Alltag geht, ihre Ängste und Verunsicherungen, ihre Träume und Visionen für die Zukunft.

Terézia Mora ist hier seit Jahren sehr bekannt. Ihre Briefpartnerin steht erst am Anfang ihrer schriftstellerischen Existenz in Deutschland. Sie wurde 2017 wegen ihres Engagements für die kurdische Minderheit in der Türkei festgenommen und konnte nur durch einen Zufall fliehen und bei uns Zuflucht finden.

Trotz der Unterschiedlichkeit ihrer Lebensläufe kreisen die Briefe nicht nur um das Thema Schreiben, sondern auch um Verluste, Einsamkeit, Außenseitertum, bedrohte Existenz. Sie schreiben von Privatem, Politischem und Gesellschaftlichem aus sehr persönlicher Sicht, hie und da scheren sie aus in die Historie ihrer Herkunftsländer: Türkei und Ungarn.

28. November 2019, „Autorinnen im Transit – Lesung aus dem Briefwechsel zwischen Terézia Mora und Şehbal Şenyurt Arınlı“

in der Akademie der Künste, Pariser Platz in Berlin, 19 Uhr

 mit:

  • Şehbal Şenyurt Arınlı, Writers in Exile-Stipendiatin, Dokumentarfilmerin, Menschenrechtsaktivistin und Journalistin
  • Terézia Mora, Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Übersetzerin
  • Gert Heidenreich, Schriftsteller und Journalist, ehem. PEN-Präsident
  • Franziska Sperr, Autorin, ehem. Writers in Exile-Beauftragte und Vizepräsidentin des deutschen PEN-Zentrums
  • Helene Grass, Schauspielerin
  • Die Lyrischen Saiten (Musik)
  • Elif Amberg (Dolmetscherin)

 

Presseexemplare sind auf Anfrage beim binooki Verlag [presse [at] binooki [dot] com] erhältlich. Gerne stellen wir Ihnen auch die Druckfahnen für Ihre Berichterstattung zur Verfügung. Weitere Informationen und Interviewanfragen gerne per E-Mail an presse [at] pen-deutschland [dot] de.

 

Pressekontakt:

Susann Franke
PEN-Zentrum Deutschland e.V., Kasinostr. 3, 64293 Darmstadt
Tel.: 06151/627 08 26; Fax.: 06151/293414
E-Mail: s.franke [at] pen-deutschland [dot] de

24.10.2020 – 20 Jahre Exilprogramm „Writers in Exile“ – Grütters trifft sich mit Exilkünstlern

Seit 1999 unterstützt das Stipendienprogramm „Writers in Exile“ des PEN-Zentrums Deutschland geflüchtete Schriftstellerinnen und Schriftsteller – von Beginn an zu 100 Prozent vom Bund finanziert. Anlässlich eines Empfangs am 8. Oktober zu 20 Jahren „Writers in Exile“ im Bundeskanzleramt sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters: „Gerade Deutschland trägt aufgrund seiner Vergangenheit eine große Verantwortung dafür, die Freiheit der Kunst zu schützen. Deshalb helfen wir verfolgten Künstlerinnen und Künstlern, damit sie bei uns in Freiheit arbeiten können und mit ihrer Stimme Gehör finden – in Deutschland, in ihren Heimatländern und weltweit.“

20 Exil-Programm mit Pen-Präsidentin Regula Venske, Staatsministerin Monika Gruetters, der ehemaligen Writers in Exile-Beauftragten Franziska Sperr (v.l.n.r.) und dem aktuellen Beauftragtem und Vize-Präsident Leander Sukov (hinten). Foto: Bundesregierung: Köhler

Das Programm „Writers in Exile“ bietet geflüchteten Künstlerinnen und Künstlern finanzielle Unterstützung, Orientierungshilfe im Alltag sowie Kontakte zu anderen Autorinnen und Autoren. In Hinblick auf das 20-jährige Jubiläum des Programms sprach Monika Grütters von einer „vorbildlichen Erfolgsgeschichte“.
Bei dem Empfang stellte Monika Grütters zudem die Studie „Exil in der Bundesrepublik Deutschland“ der Universität Osnabrück vor. Die Untersuchung hatte die Kulturstaatsministerin zu Jahresbeginn in Auftrag gegeben, um sich ein genaueres Bild über die Lebenssituation verfolgter Schriftstellerinnen und Schriftsteller hierzulande zu machen, denn ein Leben im Exil ist immer Chance und Herausforderung zugleich.
Wie nicht anders zu erwarten, sind viele Exilantinnen und Exilanten beindruckt vom hohen Stellenwert der künstlerischen Freiheit, die sie in Deutschland genießen. Zudem bietet Deutschland viele erfolgreiche Förderungsmöglichkeiten für geflüchtete Künstlerinnen und Künstler, in der Studie werden allein 65 Kulturprojekte dargestellt, die sich speziell an Exilkünstler richten.

Die Studie unterbreitet darüber hinaus verschiedene Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Situation von Exilkünstlern. So sei es zum Beispiel notwendig, die Visaverfahren zu erleichtern. Auch in Hinblick auf Diversität im deutschen Kulturbetrieb gibt es nach wie vor Verbesserungsbedarf, etwa bei der Besetzung von Jurys. Zudem wird empfohlen, Anlaufstellen einzurichten, die über die Besonderheiten der deutschen Kulturförderung informieren.

Şehbal Şenyurt Arınlı: Nach fast zwei Jahren in Nürnberg

Şehbal Şenyurt Arınlı, türkische Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und Dokumentarfilmerin, wurde 1962 in Giresun/Türkei geboren. Portraits der Writers-in-Exile-Stipendiaten am 28.4.2018 im Hotelzimmer 250 des Romantikhotel Gebhards im Rahmen der PEN-Jahrestagung 2018 vom 26. bis 29.4.2018 in Göttingen. Foto: Stefanie Silber

Şehbal Şenyurt Arınlı
Foto: Stefanie Silber

Nach fast zwei Jahren in Nürnberg

Eine Stadt kennenlernen … sich in dieser Stadt selbst neu entdecken …

Eine Silhouette betrachten … als würde man die eigene Vergangenheit betrachten …

Mit jedem neuen Ort erneuerst du dich, mit jedem Neuankömmling wird aus einer Stadt etwas Neues!

Straßen betreten, schon bekannte, dann unbekannte … anschauen … erleben …. empfinden … ins Leben eintauchen … zulassen, dass sie dich berühren.

Dass man die Spuren der Vergangenheit so sorgfältig bewahrt, ist wunderbar! Dies mag einem in Europa aufgewachsenen Menschen ganz normal vorkommen und kann mit der Begründung, dass das Leben schließlich ja weitergeht, auch heftig kritisiert werden. Wenn Sie aber aus Anatolien oder dem Nahen Osten kommen, wo man Spuren der Vergangenheit wie Sünden verhüllt oder tilgt und den Gedanken der Bewahrung – sei es bewusst oder unbewusst –geistig ganz grundsätzlich ablehnt, die Vergangenheit entwertet und unbarmherzig ausradiert … ja, dann ist dies außerordentlich!

Was Sie bei der Ankunft in Nürnberg zunächst empfängt, ist diese im Anklang an die Vergangenheit wieder erstandene Silhouette. Das Wichtigste dabei ist, dass die Bevölkerung das Zerstörte im Streit mit den Entscheidungsträgern wieder aufbauen ließ! Wenn es auch im Schulterschluss mit Leutengeschehen ist, die sagten, „Wir haben es zerstört, baut ihr es wieder auf“, so waren es doch Menschen, die quasi einem instinktivem Drang zur Selbstheilung folgten: „Dies ist mein Leben!“ Mit jedem Tropfen Schweiß, der in diesen Steinen steckt …

Sich in einer neuen Stadt selbst neu entdecken … Den Spuren der Erfahrungen nachgehen, die eine Stadt zur Stadt machen … Anknüpfungspunkte finden. Noch einmal in Frage stellen, was dich selbst ausmacht. Frei von Aufregung sein, innerliche Ruhegenießend.

Stimmen aus vergangenen Jahrhunderten … der Musik der Stadt zuhören!

Jede Stadt hat ihre Musik. Was könnte die Musik dieser Stadt sein?

Vielleicht die Pegnitz. Vielleicht all die Brücken über die Pegnitz … die Museumsbrücke, die Karlsbrücke … Vielleicht – nein, ganzsicher – Hans Sachs. Albrecht Dürer, der dieser Stadt seinen Stempel aufgedrückt hat, kann ich aus irgendeinem Grunde nicht erspüren! Vielleicht, weil ich seine Werke in Museen anderer Länder gesehen habe, sie aber bis auf ein paar Ausnahmen hier nicht zu sehen sind? Vielleicht habe ich sie aber auch nur noch nicht gefunden. Der Trödelmarkt, der Hauptmarkt? Der Handwerkerhof! Die Trümmerfrauen, die die Stadt wiederaufgebaut haben? Vielleicht die Spitäler. Vielleicht die nur noch auf Fotos und Zeichnungen erhaltene Große Synagoge, an die heute eine Plakette erinnert … der Leo Katzenberger Weg. Vielleicht… die Menschen, die aus Afrika, Anatolien, Asien, dem Nahen Osten oder Lateinamerika gekommen und ohne Aussicht auf Rückkehrhiergeblieben sind …  Migranten, die sich an einen Hauch von Leben in Ruhe und Sicherheit zu klammern versuchen … Wanderarbeiter, die das Rad am Laufen halten? Jene, die Tag für Tag gegen Krieg, Zerstörung und Vernichtung in ihren Herkunftsländern auf die Straße gehen? St. Johannis … oder die Südstadt! Dort gibt es einen Rüstungsbetrieb, nicht wahr? Was soll man zu den Hinterlassenschaften der Nationalsozialisten sagen? Lindenbäume, die sich im Wind wiegen … Eichhörnchen, die morgens auf meinen Balkon klettern … Überraschend und mitten in der Stadt, der Blickwechsel mit einer Eule! Ehrenamtliche, die zur Versorgung eines verletzten Zugvogels ins Haus kommen … Der Mann aus dem postkolonialen Togo mit seinen Gedichten in der Tasche? Die Friedhofsbesucher? Die Kinder unter der Brücke … oder jene glücklichen Kinder, die sich im Spiel ihre und unsere Zukunft ausdenken?

Die Melodie Nürnbergs

Welcher Komposition folgt sie? Nürnberg, was ist das für ein Ort? Welcher Sturm hat mich in diese Stadt geweht, die Stürme erlebt und ihnen standgehalten hat?

Vom Hauptmarkt zur Burg, ein kleiner Anstieg. Ich steige gemächlich nach oben, an der Ecke ein kleines Schild: „Antiquitäten“. Souterrain eines Altbaus, kleine Fenster. Nicht klar, was drinnen ist. Eine Tür mit kleinen und größeren Plakaten verhängt und zu. Eine Stimme: „Komm rein“.

Beim Drücken der Klinke ertönt eine Glocke. Im Halbdunkel ein zwei Stufen runter. Alles voller Bilder, manche mit, manche ohne Rahmen, überwiegend naive Kunst. Bayern im Klein- und Großformat! Menschen, Natur, Häuser, Straßen, Schlösser … Jagdszenen, Handwerk, Feste und Tafelrunden … Bayern! Ein alteingesessener Zuwanderer aus Jugoslawien sammelt Bayern und überliefert so den Bayern Geschichtchen aus Bayern. Einfache Leute, das ganz normale Leben … in ihren Lederhosen oder Dirndln schaut der oder die Abgebildete stolz, streng oder verzweifelt ihren Maler an und damit Sie als Betrachter. „Gut, dass ich gekommen, gut, dass ich hier lebe“, sagt der Einwanderer. Und fügt hinzu: „Wir haben auch viel durchgemacht. Und es hat Jahre gedauert, bis ich das akzeptiert habe.“

Dann ein Gemälde … im Germanischen Nationalmuseum … Jahr 1649. Ein Tisch, an dem über die Umsetzung der Verträge von Münster und Osnabrück verhandelt und beschlossen wurde, die den Dreißigjährigen Krieg beendeten … von Menschen umringt … Ort des Geschehens, Nürnberg. Verträge, die den Grundstein für eine Transformation der Reiche in Nationalstaatenlegten, die sich noch Jahrhunderte hinziehen sollte.

Und natürlich gehen mir die Nürnberger Prozesse durch den Kopf, eine der ersten ernsthaften Auseinandersetzungen der schriftlich überlieferten Geschichte. Die Ohrfeige zum Aufwachen aus Lügengeschichten – knallhart.

Warum verbindet man mit manchen Städten Krieg, mit anderen Frieden? Warum und wie dringen Krieg und Frieden in das Gewebe jener Menschen ein, die dort leben? Wie stark werden die Menschen in diesen Städten von jenen Geschichten geprägt, die dort die Luft, das Wasser und die Atmosphäre durchweben?

Ich komme aus einem Land, in dem man – meist unter dem Vorwand der Modernisierung – die Umwelt zerstört, in dem man Menschen tötet, ihre Leichen auf der Straße liegen lässt, die meisten Kinder von staatlich Bediensteten getötet werden und Babys in Gefängnissen aufwachsen. Mein zweites Jahr hier geht zu Ende. Was hat sich in diesen zwei Jahren in dem Land geändert, das ich hinter mir lassen musste? Auch wenn hin und wieder ein Schimmer Hoffnung aufflackert, im Grunde nichts! Noch immer landen tausende von Menschen im Gefängnis, weil sie ihre Meinung gesagt haben; Selahattin Demirtaş, Gültan Kışanak, Osman Kavala, Nedim Türfend, Ahmet Altan… und viele uns vom Namen her mehr oder weniger bekannte Leute. Die Flutung von Hasankeyf, der Bergbau beim Naturschutzgebiet im Ida-Gebirge, das Kernkraftwerk am erdbebengefährdeten Standort Mersin-Akkuyu, Eingriffe auf den Almen an der Schwarzmeerküste, das Wasserkraftwerk am Munzur…hunderte Hektar gerodete oder abgebrannte Waldflächen … ausgetrocknete Flussbette … Mögen die Paläste bestimmter Leute immerdar ihren Glanz verbreiten – immer schneller schreitet die Naturzerstörung voran, so wie es seit Jahrhunderten und auch in anderen Ländern der Fall ist. Militärische Einfälle in Nordsyrien werden in zwischenstaatlicher Absprache ausgeweitet, die Zypern-Problematik spitzt sich wieder zu … Folter in Gefängnissen und die Probleme der erkrankten Gefangenen halten an, wichtiger noch, die Zahl der Kinder in den Gefängnissen nimmt ständig zu. Wegen Überfüllung der Zellen schlafen Häftlinge in Tag- und Nachtschichten und viele neue Gefängnisse werden gebaut. Was soll man noch sagen? Wenn auch nicht im Detail, geht es dabei um hier bekannte Geschichten.

Mein Leben in Nürnberg wird von all diesen Dingen und noch vielen anderen überschattet.

Nürnberg ist eine Stadt, die sich in Menschenrechtsdingen als sensibel präsentiert. Tausende Migranten aus dutzenden Ländern. Jede einzelne Gemeinschaft mit großen Problemen, ein gemeinsames Zusammenleben aufzubauen ist schwer. Es gibt ernsthafte Bemühungen. Ob im institutionellen Sinne lautstarke Stimmen dahingehend zu vernehmen sind, dass man die Probleme gemeinsam lösen muss, weiß ich noch nicht.

Stimmen … Worte … Geschichten

Eine Kaffeepause am Hauptmarkt. Ein Tag mit Hochbetrieb, alle Tische besetzt. Unter den Passanten ein betagtes Ehepaar, Hand in Hand. Er mit Hosenträgern und Panamahut, die Dame mit lilafarbenem Handtäschchen und farblich passendem Federhut. Gebückt und mühsam gehend suchen sie einen Platz. Unsere Blicke treffen sich. Ich sitze allein am Tisch, sie kommen heran und fragen:

„Dürfen wir uns dazusetzen?“

„Natürlich!“, antworte ich und sammle meine Sachen zusammen, um Platz zu machen.

Schnell kommen wir ins Gespräch, ich mit meinem holprigen Dreizehnmonatsdeutsch. Die Frau zwinkert mir mit ihren meergrünen Augen zu während sie langsam und deutlich redet, wohl, damit ich sie verstehe. Es hat sie aus Polen hierhin verschlagen. Eine von denen, die dem Lager lebend entkommen sind. Sie war Jahre, Jahrzehntelang auf der Suche nach ihrer „kleinen, unschuldigen“ Schwester. Auf einer dieser Spurensuchen hatte sie die Bekanntschaft mit diesem Nürnberger Herren gemacht. Zusammen haben sie weitergesucht. Wieder jahrelang. Vor fünf Jahren hatten sie die Schwester in Russland ausfindig gemacht. Zwei Wochen vor ihrem Tod! Nur fünf Mal konnten sie noch miteinander telefonieren. Nur zur Beerdigung konnten sie noch kommen.

Entscheidungen von Machthabenden und das Leben der einfachen Leute … im Gestern und heute … Unglück nimmt andernorts in anderer Form seinen Lauf. Stimmen … Worte … Geschichten – Auch ich werde langsam Teil dieser Geschichten. Als Geschichtenerzählerin würde ich gerne auch die Geschichten dieser Menschen übermitteln. Die Musik der Stadt, in der ich lebe.

Manchmal beschäftigen mich auch die in der Türkei entstandenen Werke jener deutschen Künstler und Wissenschaftler, die der Zeit des 2. Weltkriegs ins Exil gehen mussten: Viktor Ullman, Paul Hindemith, Carl Ebert, Prof. Albert Malche, Philippe Schwartz, Ernst Reuter Alexander Rüstow, Gerhard Kessler, Curt Kosswig, Ernst Eduard Hirsch und viele mehr. Manche von ihnen sind zurückgekehrt, einige blieben und haben als „Heimatlose“ Spuren auf ihrem neuen Fleck Erde hinterlassen.

Handlungsorte und Rollenverteilung dieser wohl tausendfach erlebten Geschichte haben sich geändert. Mögen die Auflehnung gegen Ungerechtigkeit und der solidarische Zusammenhalt stets fortbestehen!

Nürnberg, der Lebensmittelpunkt meines Lebens im Exil! Mein jetziger Zufluchtsort! Meine sprachlosen Begrüßungen! Meine warmherzigen Nachbarn, die mich zu verstehen versuchen. Meinen den alten hinzugefügten neuen Freunden!

Vom Westfriedhof noch eine kleine Notiz: „Wenn die Zeit endet, beginnt die Ewigkeit“.

Şehbal Şenyurt Arınlı

Nürnberg, im August 2019

 

Übersetzung – Harald Schüler & Susanne Schneehorst

Erstveröffentlichung in gekürzer Form bei den Nürnberger Nachrichten:‘ ‚.((strlen(‚https://www.nordbayern.de/was-ist-der-klang-von-nurnberg-1.9307116‘)>40) ? substr(‚https://www.nordbayern.de/was-ist-der-klang-von-nurnberg-1.9307116′,0,40).’…‘ : ‚https://www.nordbayern.de/was-ist-der-klang-von-nurnberg-1.9307116′).‘

„Immigration Broadcast“ mit unserer Stipendiatin Şehbal

Şehbal Şenyurt Arınlı bei der Redaktionssitzung bei Radio Z in Nürnberg. Mit anderen „Menschen mit und ohne Migrations- und Fluchterfahrung“ produziert sie einmal im Monat den „Immigration Broadcast“.

Fotos: Radio Z