Aslı Erdoğan arbeitet mit Luk Perceval an Neudeutung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in Genf

Ab dem 22. Januar 2020 präsentiert das Grand Théâtre de Genève Mozarts Entführung aus dem Serail in einer Neuproduktion des belgischen Regisseurs Luk Perceval mit einer neuen Textfassung der türkischen Autorin Aslı Erdoğan und befreit dieses Singspiel damit von allem pittoresken Orientalismus.

„Wir alle sind eingeschlossen im Serail unseres Lebens“, so Perceval, der in seiner Interpretation von Mozarts Oper einen Blick auf eine heutige Gesellschaft wirft. Einzelne Menschen sind verloren in einem absurden Leben und einer Menge in Aufruhr und suchen einen Ausweg aus ihrem eigenen Serail. Die Reflexionen einsamer Individuen, denen es um Liebe, Spiritualität und Menschlichkeit geht, werden einer Hysterie der Masse gegenübergestellt.

Die türkische Journalistin und Schriftstellerin Aslı Erdoğan. Foto: Bernd Hartung

Aslı Erdoğan
Foto: Bernd Hartung

Writers in Exile-Stipendiatin Aslı Erdoğan, geboren 1967 in Istanbul und mittlerweile in Berlin im Exil lebend, hat sich in ihren Werken vehement für Menschenrechte und gegen jegliche Art von Faschismus, insbesondere in ihrem Heimatland, ausgesprochen. Sie ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen und Kolumnistinnen der Türkei. Ihre literarischen Werke wurden in über 20 Sprachen übersetzt. Als Kolumnistin kritisierte sie unter anderem die Rolle der Frau in der türkischen Gesellschaft und die Behandlung der Kurden oder Armenier. 2016 wurde Erdogan in der Türkei verhaftet und war für ein halbes Jahr im Gefängnis. Dementsprechend ist auch ihre Textversion der Entführung aus dem Serail, die von ihrem Buch Der wundersame Mandarin inspiriert ist, ein kritisches Plädoyer für eine vielfältige Gesellschaft ohne jedoch den Witz und die Ironie, die in Mozarts Singspiel stecken, aufzugeben.

Das Bühnenbild stammt von Philipp Bussmann, die Kostüme von Ilse Vandenbussche, das Licht von Mark Van Denesse, die Choreographie von Ted Stoffer, und die Dramaturgie übernimmt Luc Joosten.

Mit Fabio Biondi steht ein Spezialist für historische Aufführungspraxis und einer der wichtigsten Dirigenten unserer Zeit für Werke des 17. und 18. Jahrhunderts am Pult des Orchestre de la Suisse Romande. Er dirigiert zum ersten Mal dieses Orchester.
Das Sängerensemble wird angeführt von Olga Pudova, die alternierend mit Rebecca Nelsen die Konstanze singt, sowie Julien Behr als Belmonte. Des Weiteren singt Claire de Sévigné die Blonde, Denzil Delaere den Pedrillo und der Bass Nahuel Di Pierro, der in letzter Zeit etwa in Pesaro, Zürich oder Aix en Provence große Erfolge gefeiert hat, den Osmin. Das Ensemble wird ergänzt durch die Schauspieler Françoise Vercruyssen, Iris Tenge, Joris Bultynck und Patrice Luc Doumeyrou, die als ein Alterego der Hauptrollen in einem fortgeschrittenen Alter erscheinen.

Die Genfer Neuproduktion wird in deutscher Sprache gesungen mit französischen und englischen Übertiteln. Sie entsteht als Koproduktion mit dem Grand Théâtre de Luxembourg und dem Nationaltheater Mannheim.

Grand Théâtre de Genève
Premiere: 22. Januar 2020, 20.00 Uhr
Weitere Aufführungen: 24., 26., 28. und 30. Januar 2020, 1. und 2. Februar 2020

Weitere Informationen und Termine auf
www.gtg.ch/die-entfuhrung-aus-dem-serail/