Die Verfolgung von Autoren durch die Türkei. Diskussionsveranstaltung in Köln mit Doğan Akhanlı und Aslı Erdoğan

Am 6. November fand im voll besetzten Kölner VHS Forum eine Veranstaltung statt mit dem Titel „Von der Literatur zur Anklage – Auf ein Wort mit Doğan Akhanlı und Aslı Erdoğan“. Der Abend befasste sich mit der Verfolgung von Schriftstellern und Journalisten durch das gegenwärtige Regime in der Türkei.

In der ersten, durch Osman Okkan, dem Vorsitzenden des KulturForums TürkeiDeutschland, moderierten Gesprächsrunde, sprachen die Schriftsteller Doğan Akhanlı und Aslı Erdoğan über ihre persönlichen Erfahrungen mit der von Willkür gekennzeichneten Repression durch türkische Behörden. So berichteten beide übereinstimmend von der damit verfolgten Zielabsicht, Regimekritiker mundtot zu machen. Doğan Akhanlı hob ergänzend hervor, dass die Repression nicht minder darauf abziele, ein Klima der Angst zu verbreiten, um darüber hinaus die Zivilgesellschaft einzuschüchtern und gefügig zu machen.

V. l. n. r.: PEN-Mitglied Doğan Akhanlı, der Vorsitzende des KulturForums TürkeiDeutschland Osman Okkan und Autorin Aslı Erdoğan
Foto: Privat

Ein weiterer, aufgrund der persönlichen Schilderungen besonders eindringlicher Teil des Gesprächs befasste sich mit dem Ausdruck von Solidarität als herausragender Stütze in den akuten Situationen, die die Inhaftierung bedeuten. Der Druck der Öffentlichkeit stelle aber auch ein erhebliches Druckmittel dar, das das Handeln des Regimes beeinflusse. So wurde die positive Wirkung hervorgehoben, die von der ersten, sieben Jahre zuvor, in den gleichen Räumlichkeiten veranstalteten Solidaritätsaktion für Doğan Akhanlı ausgegangen war.

In einer zweiten durch Albrecht Kieser geleiteten Gesprächsrunde kamen wiederum Ilias Uyar, der Rechtsanwalt Doğan Akhanlıs, und Günter Wallraff zu Wort. Ilias Uyar verwies auf die Instrumentalisierung der internationalen Strafverfolgung, so vor allem im Rahmen der Interpol-Fahndungslisten, zur Unterdrückung von Kritikern jenseits der türkischen Staatsgrenzen. Dies zeige sich nicht nur an den Fällen von Doğan Akhanlı und Hamza Yalçin in Spanien, sondern aktuell auch an dem des deutschen Staatsbürgers Kemal Kutan, der aufgrund eines von türkischen Behörden gestellten Auslieferungsantrages die Ukraine nicht verlassen kann. Günter Wallraff, der von seinen Beobachtungen des als unsägliche Farce bezeichneten Prozesses gegen Mitarbeiter der Tageszeitung Cumhuriyet berichtete, hob schließlich noch einmal die Relevanz von Solidaritätsaktionen hervor.

V. l. n. r.: Journalist Günter Wallraff, Moderator Albrecht Kieser und Rechtsanwalt Ilias Uyar
Foto: Privat

Autokratisch geführte Regime fürchten sich vor der Freiheit des Wortes, die den von ihnen vertretenen Wahrheitsanspruch und damit ihre Herrschaftslegitimität in Frage stellt. So kommt gerade Stimmen, wie jenen von Doğan Akhanlı und Aslı Erdoğan, die sich von der Angst nicht lähmen lassen und trotz staatlicher Repression, Haft, Verfolgung und Bedrohung unverdrossen das Wort gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und für die Vielfalt der Meinungen erheben, eine zentrale Rolle zu bei der Überwindung von durch Intoleranz und Gewaltausübung gekennzeichneten Regimes.

Die Diskussionsveranstaltung wurde durch die Volkshochschule Köln durchgeführt, in Kooperation mit der Integrationsagentur der AWO Mittelrhein, Amnesty International – Sektion Deutschland, dem KulturForum TürkeiDeutschland, dem PEN-Zentrum Deutschland und Recherche International.

27.09.2017, 19:30 Uhr – „Warum ich nicht schweige“ Gesprächsrunde mit Doğan Akhanlı im Goethe-Institut Madrid

Carlos Collado Seidel
Foto: © Roland Baege

Warum ich nicht schweige – unter diesem Titel sprechen der Generalsekretär des PEN-Zentrums Deutschland Carlos Collado Seidel, der deutsch-türkische Schriftsteller Doğan Akhanlı, sowie der Soziologe, Politikwissenschaftler und Gründer der Asociación para la recuperación de la memoria histórica, Emilio Silva, über Zivilgesellschaft und Erinnerungskultur.

Sprache: Deutsch und Spanisch mit Simultanübersetzung
Preis: Eintritt frei

Veranstalter ist das Goethe-Institut Madrid in Kooperation mit dem PEN-Zentrum Deutschland und der Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica (Vereinigung zum Wiedererlangen des historischen Gedächtnisses; ARMH).

Welche Folgen hat es, wenn in einer Familie Leerstellen bleiben, wenn über Generationen hinweg Ängste weitergegeben werden? Zivilgesellschaften und Demokratie können sich nur entwickeln, wenn sie die Gespenster der Vergangenheit konfrontieren, wenn sie den Toten und Opfern Namen geben und sie Teil der Geschichte werden lassen.

Die Gesprächsteilnehmer widmen sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven gleichermaßen diesem Thema und werden dieses anhand von Fallbeispielen der jüngeren deutschen, spanischen und türkischen Geschichte beleuchten. Im gemeinsamen Gespräch unter der Moderation von Emilio Silva gehen sie der Frage nach, wie man in den verschiedenen Ländern mit diesen mitunter Tabuthemen umgeht. Das Schweigen fordert zum Handeln – Akhanlı, Collado Seidel und Silva erheben ihre Stimme.

Weiterführende Informationen zur Veranstaltung lassen sich der Internetpräsenz des Goethe-Instituts entnehmen.

Gäste:

Doğan Akhanlı (*1957) lebt seit 1992 als freier Autor in Köln. 1998/99 erschien in türkischer Sprache seine Trilogie „Kayip Denizler“ (Die verschwundenen Meere). Der letzte Band der Trilogie „Kiyamet Günü Yargiçlari“ (Die Richter des Jüngsten Gerichts; 2007 in auf Deutsch erschienen) thematisiert die Vertreibung und das Massaker an den Armeniern im Jahr 1915. Sein Roman „Madonna’nin Son Hayali“ (Der letzte Traum der Madonna) wurde 2005 in Istanbul veröffentlicht, ebenso wie sein letzter Roman „Babasız Günler“ (Tage ohne Vater; 2009, Turkuvaz Verlag). Sein erstes Theaterstück in deutscher Sprache „Annes Schweigen“ wurde 2012 in Berlin (Theater unterm Dach) und im Januar 2013 in Köln (Theater im Bauturm) uraufgeführt.

Doğan Akhanlı engagiert sich für Erinnerung und Menschenrechte. Er führt ehrenamtlich türkisch-deutschsprachige Führungen im NS-Dokumentationszentrum durch, und ist Initiator der Raphael-Lemkin Bibliothek im Allerweltshaus Köln. 2013 erhielt er den „Pfarrer-Georg-Fritze-Preis“. Er arbeitet als Autor und Rechercheur bei der Recherche international e.V. in Köln. Akhanlı hält sich derzeit in Madrid auf, da die türkische Regierung gegen ihn ein internationales Verfahren erwirkt hat.

Carlos Collado Seidel (*1966) ist ein deutsch-spanischer Historiker und Autor mehrerer Werke über die Geschichte Spaniens sowie über die deutsch-spanischen Beziehungen. Er lehrt als außerordentlicher Professor Neueste Geschichte an der Universität Marburg und ist Generalsekretär des PEN-Zentrums Deutschland. Von ihm erschienen ist bei C.H. Beck u.a. „Der Spanische Bürgerkrieg. Geschichte eines europäischen Konflikts“.

Emilio Silva ist Soziologe, Journalist und Vorsitzender der Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica (Vereinigung zur Rückgewinnung der historischen Erinnerung). Mit der Gründung der Asociación (zusammen mit Santiago Macías Pérez) hat er einen entscheidenden Beitrag zur Freilegung von franquistischen Massengräbern geleistet und die öffentliche Debatte über die historische Erinnerung initiiert. Er hat u.a. das Buch Las Fosas de Franco: crónica de un desagravio [Francos Massengräber: Chronik einer Wiedergutmachung] im Verlag Temas de Hoy publiziert.