„Nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist“ (Erich Kästner) – Internationaler PEN in großer Sorge über die Angriffe auf Journalisten und die Zunahme des Rechtsextremismus in Deutschland

Pressemitteilung, Darmstadt, 1. Oktober 2018

„Nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist“ (Erich Kästner) – Internationaler PEN in großer Sorge über die Angriffe auf Journalisten und die Zunahme des Rechtsextremismus in Deutschland

Die Mitgliederversammlung des vom 25. bis zum 29. September im indischen Pune tagenden 84. Internationalen PEN-Kongresses zeigte sich zutiefst besorgt über die zunehmenden ausländerfeindlichen Übergriffe auf Journalisten sowie die fremdenfeindlichen Kundgebungen in Deutschland. Dazu wurde eine durch die Präsidentin des deutschen PEN, Regula Venske, eingebrachte Resolution verabschiedet, die demnächst auf der Website von PEN International veröffentlicht werden wird.

Die rund 90 auf dem Kongress vertretenen PEN-Zentren aus aller Welt appellieren angesichts der Chemnitzer Ereignisse an die deutschen Behörden, das verfassungsmäßig verbriefte Recht auf freie Berichterstattung wirkungsvoll zu schützen, die strafrechtlich relevanten Übergriffe aufzuklären und zu ahnden, sowie Fremdenfeindlichkeit und Rassismus entschieden zu bekämpfen.

Ein Bundesminister des Innern, der die Migrationsfrage als „Mutter aller Probleme“ bezeichnet, zeigt nicht nur Verständnis für die Rechtsbrüche; er befeuert damit Hass und Aggression und folgt in erschreckender Weise Gedankengängen, die zur Machtübernahme der Nationalsozialisten beigetragen haben.

Vor 60 Jahren warnte der damalige Präsident des P.E.N.-Zentrums Deutschland, Erich Kästner, dessen Bücher im Mai 1933 verbrannt worden waren: „Die Ereignisse von 1933-1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. […] Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muß den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat. Das ist die Lehre, das ist das Fazit dessen, was uns 1933 widerfuhr.“

Für das PEN-Zentrum Deutschland

Carlos Collado Seidel
Generalsekretär

Pressekontakt:

Felix Hille
PEN-Zentrum Deutschland e.V., Kasinostr. 3, 64293 Darmstadt
Tel.: 06151 / 23120
Mobil: 0157 / 31382637
E-Mail: presse [at] pen-deutschland [dot] de

Das PEN-Zentrum Deutschland ist eine von derzeit weltweit 150 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International zusammengeschlossen sind. PEN steht für Poets, Essayists, Novelists. Die ursprünglich 1921 in England gegründete Vereinigung hat sich als Anwalt des freien Wortes etabliert und gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftsteller.

Reclaiming Truth in Times of Propaganda – 83. internationaler PEN-Kongress in Lwiw/Ukraine

Der 83. internationale PEN-Kongress in Lwiw/Ukraine
Foto: Nina George

20.9.2017, Lwiw/Ukraine
Der zweite Tag der Vollversammlung, an der Delegierte von über 80 weltweiten PEN-Zentren teilnehmen, beginnt erneut mit der sogenannten Empty Chair-Zeremonie, um an verhaftete, vermisste und verfolgte Autoren und Autorinnen zu erinnern.

Im Verlauf des Vormittags schließen sich Vorstands- und Beiratswahlen an, am Nachmittag mehrere Panels, u.a. zu Fake-News und Propaganda in der digitalen Gesellschaft.

Die Präsidentin des PEN-Zentrums Libanon, Iman Humaydan, erinnerte zunächst an die syrische Anwältin, Schriftstellerin und Menschenrechtlerin Razan Zaitouneh. Sie wurde im Dezember 2013 aus ihrem Büro des Violations Documentation Centre (VDC) in Damaskus entführt, seither gilt sie als vermisst.

Der 83. internationale PEN-Kongress in Lwiw/Ukraine
Foto: Nina George

Weitere Informationen zu Razan Zaitouneh sind nachzulesen auf der Internetpräsenz des internationalen PEN.

Ebenso erinnerte Iman Humaydan an die syrische Studentin, Dichterin und regierungskritische Bloggerin Tal al-Mallouhi, die mit 19 verhaftet, acht Monate ohne Grund und ohne Kontakt zu ihrer Familie in Haft verblieb und 2010 zu fünf Jahren Gefängnis wegen „Spionage“ verurteilt wurde – ohne weitere Beweise für diese These. Sie ist bisher immer noch nicht entlassen.

Aus diesem Grund wiederholen wir al-Mallouhis Poem „You will remain an example“ und erneuern damit gleichsam die Forderung an die syrische Regierung, die Bloggerin und Dichterin frei zu lassen!

You will remain an example
(To Gandhi)

I will walk with all walking people
And no
I will not stand still
Just to watch the passers by
This is my Homeland
In which
I have
A palm tree
A drop in a cloud
And a grave to protect me

This is more beautiful
Than all cities of fog
And cities which
Do not recognise me
My master:
I would like to have power
Even for one day
To build the “republic of feelings“

(Übersetzt aus dem Arabischen von Ghias Aljundi)

Mehr lesen über Tal Al-Mallouhi:
www.pen.org/advocacy-case/tal-al-mallouhi/
www.englishpen.org/campaigns/syria-blogger-and-poet-sentenced/