Plätzchen für Literatur

Das deutsche PEN-Zentrum schafft Platz für Literatur und veröffentlicht an dieser Stelle fortlaufend Gedichte, Aphorismen, kleine Erzählungen und andere Miniaturen seiner Mitglieder.


Norwegische Fjorde

 Melodien ziehen sirrend
über das Wasser.
Auf dem Zerrspiegel
alter Seelen,
die ihre Tränen schenkten,
um Täler auszuspülen
treiben wir im Boot dahin.

 Baumwipfel wispern
Tiere singen hoch oben,
wo Einsamkeit nicht existiert,
weil der Mensch nicht herrscht.

Verwunschenes Licht.
Wasser fällt in
göttlicher Stille.

Verena Rabe


Besinnlicht

Die Stille Nacht hat sich aufgehängt.
Mit einem Elektrokabel. Nun baumelt sie von Dächern und Balkonen, an Hausfassaden, vor und hinter Zimmerfenstern, rund um Hauseingänge, über Hecken, quer durch Vorgärten, Bäume hinauf und wieder hinunter. Und morst ein vielfarbiges S.O.S. in die dunklen Tage. Aber kein Mensch sieht hin. Am anderen Ende des Kabels hängt Roger Whittaker und pfeift auf Besinnlichkeit. In Kaufhäusern, Fußgängerzonen und natürlich auf den Weihnachtsmärkten intoniert er, von achtlosen CD-Einlegern gänzlich unausgesteuert, den Soundtrack zu dieser Bescherung. Der alte Nikolaus hat schon lange das Weite gesucht, rote Weihnachtsmänner beherrschen nun die Innenstädte. Aber auch sie sind scheinbar auf der Flucht und seilen sich frühzeitig ab. Von Dächern und Balkonen, an Hausfassaden… Allein, sie wissen nicht wohin und so lassen sie sich hängen. Seit November nach Luft ringend und im Vorweihnachtbrausen allmählich erschlaffend.

Früher reichte uns ein Lichtlein, das brannte.
Dann zwei, dann drei, dann vier. Und dann erst stand ein Tannenbaum vor der Tür, der am Heiligen Abend feierlich geschmückt wurde. Heute muss mindestens eine bunte Lichterkette ganztägig die Vorfreude ihres Besitzers ausstrahlen. Die Fehlschaltungen selbst berufener Deko-Artisten verwandeln mausgraue Straßenzüge in Wettstreit-Meilen: Wo weihnachtet es am meisten? Puffrot pulsieren Sterne in den Fenstern, erhellen den Unterschied zwischen Beleuchtung und Erleuchtung.

Amir Shaheen

(Erschienen in: Schließlichter — Gesammelte Werthmann-Kolumnen 2008 – 2010, Sujet Verlag, Bremen 2012)


Gerufen
komm ich
aus weiter Ferne.
Das Käuzchen
ist mein Begleiter.
Wo der Stern fehlt
führt sein spitzer Schrei
durch die Nacht.
Wie still ist dagegen der Morgen.
Kein Vogel kann mir
den Traum
ersingen.

Vera Botterbusch


Weihnachtskartenfieber

Eine der angenehmen Seiten von Venedig besteht darin, vom Weihnachtswahn verschont zu bleiben. Während die restliche Welt bereits unter einer Kruste aus Engelshaar und Goldpapier und Bratäpfeln erstarrt ist, grübeln die venezianischen Geschäftsleute noch darüber nach, ob sie dieses Jahr tatsächlich Lichterketten aufhängen sollen, wenn ja, wie die Kosten geteilt werden sollen, und ob die Lichterketten bis Karneval hängen bleiben können, damit sich die Ausgabe lohnt. In den Restaurants fangen gelangweilte Kellner zwei Tage vor Weihnachten damit an, Watte zu Schneeflocken zu zerpflücken, hier und da Konfetti zu verstreuen, sowie Luftballons und Glitzergirlanden aufzuhängen – damit man mit der Dekoration auch an Ostern noch auf der sicheren Seite steht.

In der ersten Adventswoche belächle ich noch das ferne, von Glühwein, Pfeffernüssen und Weihnachtsmärkten verpestete Deutschland, in der zweiten Adventswoche spotte ich über die englische Seuche, jeden empfangenen Weihnachtsgruß wie eine Trophäe auf dem Kaminsims aufzustellen – jedoch spätestens in der dritten Adventswoche renne ich mit Tunnelblick durch Venedig, auf der Suche nach Weihnachtskarten.

Es gibt dafür keine rationale Erklärung, man kann mir weder Urlaubspostkarten noch Geburtstagsglückwünsche nachsagen, doch kurz vor Weihnachten bricht in mir eine gewisse Tendenz zur Frömmelei aus, anders kann ich mir mein Verhalten nicht erklären. Vergeblich suche ich in der venezianischen Weihnachtsdiaspora nach Weihnachtskarten. Selbst an Engel kommt man hier nur über Beziehungen, der Rest besteht aus jahreszeitlich neutralen Motiven, zugeschnitten auf Touristenbedürfnisse: handgeschöpfte Ansichten des Canal Grande, Dogen auf Marmorpapier und venezianische Löwen aus Pflanzenfarben.

Inzwischen sind es nur noch fünf Tage bis Weihnachten, selbst Motive wie Weihnachtsmänner in Minirocken würden mich nun glücklich machen, meinetwegen auch Hand- oder Fußgemaltes, ich wäre mir nicht zu schade, eine Prägekarte mit der Aufschrift „Weihnachten heißt: Gott holt uns ab. Egal, wo wir sind“ zu kaufen und schäme mich nicht zu gestehen, dass ich in meiner Not einmal Weihnachtskarten selbst gebastelt habe: Ich stempelte kleine, goldene Engelsköpfe auf Büttenpapier, und das, obwohl ich ein erklärter Feind des Bastelns bin, schon als Kind bin ich beim Strohsternekleben gescheitert. Mal saß der Engelskopf nicht richtig in der Mitte, mal war er verwackelt, weil ich den Stempel nicht fest genug gedrückt hatte, am Ende waren meine Finger und Haare mit Goldfarbe verklebt, das Genick versteift, aber das ist der Preis, wenn man die Menschheit retten will.

Erst schreibe ich langjährigen Freundinnen und sympathischen Kollegen. Dann schreibe ich flüchtigen Bekannten und unsympathischen Kollegen. Dann meinen Tanten und meinen zahlreichen, entfernten polnischen Verwandten. Jetzt könnte ich eigentlich aufhören, aber ich kann mich in meiner Güte nicht mehr bremsen, rücksichtslos schreibe ich weiter, an verblichene Liebhaber, an den neapolitanischen Camorrista, den ich bei einer Reportage kennengelernt habe und der ja schließlich auch ein Mensch ist, und an den Chefredakteur, mit dem ich mich wegen einer gestrichenen Passage in meiner letzten Reportage überworfen habe.

Erschwerend kommt hinzu, dass meine Weihnachtsbotschaft persönlich sein soll, eine Kurzgeschichte in drei, vier Zeilen, schließlich bin ich jemand, der sein Leben mit Schreiben verbringt, da herrscht eine gewisse Erwartungshaltung, die mich etwas unter Druck setzt. Aber nur die ersten zehn Karten lang, dann habe ich keine Zeit mehr und gehe dazu über, an alle den gleichen Grußtext zu schreiben, den Erfolgreichen Erfolg, den Arbeitssüchtigen Arbeit und den Liebhabern ein Liebesleben zu wünschen, froheweihnachtengutenrutsch, fertig, zumal ich mit dem Handikap geschlagen bin, jede Weihnachtskarte zwei Mal schreiben zu müssen, weil ich die Schönschrift nicht hinkriege.

Auch angesichts dieses Unvermögens dachte ich letztes Jahr daran, Weihnachtsemails statt Weihnachtskarten verschicken. So wie der Rest der Welt auch, minütlich gingen Weihnachtsemails mit munteren Fotomotiven ein: Hund mit Weihnachtsmannmütze/ Ehemann mit Kerze auf dem Kopf vor Weihnachtsbaum/ Kind mit Strohsternen. Und fast immer der gleiche Text: Ich wünsche Ihnen/euch/dir frohe Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr bei guter Gesundheit. Nur ehrgeizige Kreative zitierten die Bibel: Und die Erde war wüst und leer. Genesis 1,2.

Ich habe dann einen Engel fotografiert. Und ihn an alle geschickt. Klick und weg. Allerdings schloss das meine polnischen Verwandten, meine Tanten und den Camorrista aus, weil sie über keinen Email-Anschluss verfügen. Heimlich habe ich dann noch sechzig Weihnachtskarten mit der Hand geschrieben. Weil ich das Gefühl hatte, dass ich sonst in die Hölle komme.

Petra Reski


Neugierig geworden? Bleiben Sie gespannt, denn weitere Beiträge folgen! Sämtliche bisher veröffentlichten Texte lassen sich hier nachlesen.

Zwei Autorinnen im Transit – Lesung eines literarischen Briefwechsels zwischen Terézia Mora und PEN-Stipendiatin Şehbal Şenyurt Arınlı

Pressemitteilung, Darmstadt, 5. November 2019. Im Rahmen der literarischen Reihe des Writers in Exile-Programms des deutschen PEN-Zentrums ist ein Briefwechsel der besonderen Art entstanden. Zwei Schriftstellerinnen korrespondieren über Wochen und stehen sich zum ersten Mal kurz vor der Abschlusslesung ihrer Briefe gegenüber: Terézia Mora, seit kurzem Büchner-Preisträgerin, und Şehbal Şenyurt Arınlı, Schriftstellerin, Dokumentarfilmerin und Stipendiatin des PEN-Exilprogramms. Zum dritten Mal wurde nun eine literarische Korrespondenz zwischen zwei AutorInnen durchgeführt. Die Initiatorin und Herausgeberin des Buches „Autorinnen im Transit“ ist Franziska Sperr (ehemalige Vizepräsidentin und WiE- Beauftragte). Die zweisprachige Publikation ist im binooki-Verlag, Berlin, erschienen.

Am 28. November 2019 in der Berliner Akademie der Künste werden sich die beiden Autorinnen zum ersten Mal gegenüber stehen, aus ihren Briefen lesen und sich vom ehemaligen PEN-Präsidenten, dem Schriftsteller Gert Heidenreich zu ihren Texten befragen lassen.

Obwohl sie sich nie begegnet sind, wissen sie viel übereinander: die bekannte, mit Literaturpreisen überhäufte Terézia Mora und die vor einem Jahr in Deutschland angekommene, in der deutschen Literaturszene noch unbekannte Şehbal Şenyurt Arınlı. Mehrere Wochen lang schickten sie einander Texte, in denen es um ihren Alltag geht, ihre Ängste und Verunsicherungen, ihre Träume und Visionen für die Zukunft.

Terézia Mora ist hier seit Jahren sehr bekannt. Ihre Briefpartnerin steht erst am Anfang ihrer schriftstellerischen Existenz in Deutschland. Sie wurde 2017 wegen ihres Engagements für die kurdische Minderheit in der Türkei festgenommen und konnte nur durch einen Zufall fliehen und bei uns Zuflucht finden.

Trotz der Unterschiedlichkeit ihrer Lebensläufe kreisen die Briefe nicht nur um das Thema Schreiben, sondern auch um Verluste, Einsamkeit, Außenseitertum, bedrohte Existenz. Sie schreiben von Privatem, Politischem und Gesellschaftlichem aus sehr persönlicher Sicht, hie und da scheren sie aus in die Historie ihrer Herkunftsländer: Türkei und Ungarn.

28. November 2019, „Autorinnen im Transit – Lesung aus dem Briefwechsel zwischen Terézia Mora und Şehbal Şenyurt Arınlı“

in der Akademie der Künste, Pariser Platz in Berlin, 19 Uhr

 mit:

  • Şehbal Şenyurt Arınlı, Writers in Exile-Stipendiatin, Dokumentarfilmerin, Menschenrechtsaktivistin und Journalistin
  • Terézia Mora, Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Übersetzerin
  • Gert Heidenreich, Schriftsteller und Journalist, ehem. PEN-Präsident
  • Franziska Sperr, Autorin, ehem. Writers in Exile-Beauftragte und Vizepräsidentin des deutschen PEN-Zentrums
  • Helene Grass, Schauspielerin
  • Die Lyrischen Saiten (Musik)
  • Elif Amberg (Dolmetscherin)

 

Presseexemplare sind auf Anfrage beim binooki Verlag [presse [at] binooki [dot] com] erhältlich. Gerne stellen wir Ihnen auch die Druckfahnen für Ihre Berichterstattung zur Verfügung. Weitere Informationen und Interviewanfragen gerne per E-Mail an presse [at] pen-deutschland [dot] de.

 

Pressekontakt:

Susann Franke
PEN-Zentrum Deutschland e.V., Kasinostr. 3, 64293 Darmstadt
Tel.: 06151/627 08 26; Fax.: 06151/293414
E-Mail: s.franke [at] pen-deutschland [dot] de