Deutscher PEN und Reporter ohne Grenzen unterstützen Can Dündar mit neuem Stipendium

Can Dündar
Foto: PEN-Zentrum Deutschland

Das PEN-Zentrum Deutschland e. V. und Reporter ohne Grenzen gewähren dem Journalisten Can Dündar ab März 2019 für ein weiteres Jahr ein monatliches Stipendium als Zeichen der Solidarität mit türkischen Medienschaffenden im deutschen Exil.

„Can Dündar ist derzeit der bedeutendste Exilautor, der autokratischen Verhältnisse in seinem türkischen Heimatland immer wieder pointiert und mutig kritisiert“, betont Ralf Nestmeyer, Vizepräsident und Writers-in-Prison Beauftragter des deutschen PEN.

Der türkische Journalist, Dokumentarfilmer, Buchautor Can Dündar war langjähriger Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet. Im November 2015 wurde Dündar wegen Spionagevorwürfen in Untersuchungshaft genommen und wenig später in Zusammenhang mit einem Artikel über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an islamistische Rebellen in Syrien zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft wegen Geheimnisverrats verurteilt worden. Vom Vorwurf der Spionage wurde er damals freigesprochen. Nach seiner Freilassung floh er nach Deutschland, wo er heute wieder als Journalist tätig ist und seinen Fall öffentlich machte.

Can Dündar erhielt allein 2017 den Leipziger Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien, den Hermann Kesten-Preis des deutschen PEN sowie den internationalen Whistleblower-Preis. Außerdem war er ab 2017 für zwei Jahre Fellow im Writers-at-Risk-Programm des deutschen PEN. Im Dezember 2018 hatte ein Gericht in Istanbul gegen Dündar einen Haftbefehl wegen der Gezi-Proteste im Jahr 2013 ausgestellt. Er soll angeblich „Chaos gestiftet“ und „Terroristen ermutigt“ haben.

Helfen Sie, damit wir helfen können!
Das PEN-Zentrum Deutschland e. V. organisiert Kampagnen für Autoren, deren Gesundheit und Leben akut bedroht ist.
Unterstützen Sie uns mit Ihrer Spende! Unser Spendenkonto:
Sparkasse Darmstadt | IBAN: DE03 5085 0150 0000 7301 14 | BIC: HELADEF1DAS

Übergriffe und Selbstzensur: PEN-Studie offenbart alarmierende Ergebnisse zur Meinungsfreiheit in Deutschland

Pressemitteilung, Darmstadt, 10. Oktober 2018

Übergriffe und Selbstzensur: PEN-Studie offenbart alarmierende Ergebnisse zur Meinungsfreiheit in Deutschland

Das freie Wort befindet sich in der Wahrnehmung von Autorinnen und Autoren in Deutschland unter starkem Druck. Eine durch das PEN-Zentrum Deutschland und das Institut für Medienforschung der Universität Rostock durchgeführte Studie, an der sich 526 Schriftstellerinnen und Schriftsteller beteiligt haben, fördert erschreckende Zahlen zutage: Drei Viertel sind in Sorge über die freie Meinungsäußerung in Deutschland und beklagen eine Zunahme von Bedrohungen, Einschüchterungsversuchen und hasserfüllten Reaktionen. Jeder Zweite hat bereits Übergriffe auf seine Person erlebt und hat außerdem Kenntnis von Angriffen auf Kolleginnen und Kollegen.

Diese Angriffe und die sorgenvoll wahrgenommene Entwicklung haben Auswirkungen nicht nur auf das persönliche Wohlbefinden der Betroffenen, sondern auch auf das literarische Schaffen: Jeder Vierte, der Angriffe erlebt hat, ist vorsichtiger geworden in der Beurteilung von Geschehnissen; jeder Fünfte schreibt weniger über kritische Themen und jeder Achte beschränkt sich in der Darstellung. Die Kommunikation über sensible Themen leidet ebenfalls, indem bestimmte Inhalte vermieden und insbesondere Aktivitäten in sozialen Medien reduziert werden. Gerade die Online-Plattformen stellen für die weit überwiegende Mehrheit der Befragten eine Bedrohung für die schriftstellerische Freiheit dar. Immerhin: Dem Druck, der auf dem freien Wort lastet, stellt sich jeder zweite Autor bzw. jede zweite Autorin mit größerem Selbstbewusstsein entgegen und bestärkt sie im eigenen Schaffen.

„Das sind erschütternde Ergebnisse, die man für eine freiheitlich-demokratisch verfasste Gesellschaft nicht vermutet hätte“, so Carlos Collado Seidel, Generalsekretär des PEN-Zentrums Deutschland. „Es ist nicht nur offensichtlich, dass das freie Wort und Toleranz gegenüber den Meinungen anderer, höchste Güter unserer Grundordnung, unter Druck stehen. Ein weiterer Erosionsprozess bedroht Pluralität und Meinungsvielfalt und damit den Kernbestand unserer Gesellschaft.“

„Mit dieser Studie haben wir ganz offensichtlich einen Nerv getroffen“, so Prof. Elizabeth Prommer, Direktorin des Instituts für Medienforschung an der Universität Rostock. „Wir waren völlig überrascht über die hohe Beteiligung und vor allem über das außerordentliche persönliche Mitteilungsbedürfnis. Das Thema treibt Schriftstellerinnen und Schriftsteller stark um. Dieses Alarmsignal muss ernst genommen werden.“

Die Ergebnisse der Studie „Das freie Wort unter Druck“ werden auf der Frankfurter Buchmesse im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit dem Autor und Journalisten Günter Wallraff sowie dem Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Alexander Skipis, vorgestellt und diskutiert werden: Mittwoch, 10.10.2018, 15.00-16.00 Uhr, Bühne des Weltempfangs (Halle 4.1 B 81).

Kontakte:

Carlos Collado Seidel, Generalsekretär des PEN-Zentrums Deutschland,
Tel.: 0157 / 31382637, presse [at] pen-deutschland [dot] de

Prof. Dr. Elizabeth Prommer, Institut für Medienforschung der Universität Rostock,
Tel.: 0381 / 4982718, elizabeth.prommer [at] uni-rostock [dot] de

PEN-Zentrum Deutschland ist eine von derzeit weltweit 150 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International zusammengeschlossen sind. PEN steht für Poets, Essayists, Novelists. Die ursprünglich 1921 in England gegründete Vereinigung hat sich als Anwalt des freien Wortes etabliert und gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftsteller.