26.11.2017, 15:00 Uhr – 9. Türkisch-Deutsche Literaturtage – Podiumsdiskussion mit Şehbal Şenyurt Arınlı und Pınar Selek in Nürnberg

Im Rahmen der diesjährigen Türkisch-Deutschen Literaturtagen (24.11-26.11.) spricht die Writers-in-Exile Stipendiatin Şehbal Şenyurt Arınlı mit Soziologin Pınar Selek über das Leben im Exil. Pınar Selek war selbst von 2009 bis 2011 war Stipendiatin im Writers-in-Exile Programm des PEN.

Sehbal Senyurt
Foto: PEN-Zentrum Deutschland

Der Eintritt zur Podiumsdiskussion ist frei.

Veranstalter ist Junge Stimme e.V. mit Unterstützung der Stadt Nürnberg.

Das Gesamtprogramm der Türkisch-Deutschen Literaturtage können Sie auf der Internetpräsenz des Amtes für Kultur und Freizeit der Stadt Nürnberg (KUF) nachlesen.

Die türkische Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und Dokumentarfilmerin Şehbal Şenyurt Arınlı wurde 1962 in Giresun / Türkei geboren. Von 1979 bis 1986 studierte sie Journalismus und Kommunikation an der Universität Ankara. Seit ihrer Studienzeit arbeitete sie für lokale und überregionale Zeitungen, außerdem als Autorin und Produzentin für landesweite Fernsehsender. Bekannt wurde Şenyurt Arınlı als Dokumentarfilmerin: als erste Frau hinter der Kamera in ihrem Land drehte sie Nachrichtenbeiträge für internationale Fernsehsender, und als lokale Berichterstatterin für CNN, BBC und REUTERS.

Pınar Selek
©privat

Vermutlich hatte sie mit ihrer öffentlichkeitswirksamen Arbeit als Journalistin für die kurdischen Zeitungen Özgür Gündem und Azadiya Welat sowie für die kurdische Frauen-Nachrichtenagentur JINHA, die allesamt später verboten wurden, die Aufmerksamkeit der türkischen Regierung auf sich gezogen. Ihre vorläufige Freilassung wenige Tage später beruhte auf Verwicklungen innerhalb des türkischen Justizsystems, sodass ihre Freiheit in der Türkei nun weiterhin akut bedroht ist. Seit September 2017 ist Şehbal Şenyurt Arınlı Stipendiatin im Writers-in-Exile Programm des deutschen PEN.

Deutsches PEN-Zentrum verurteilt Selek-Prozess und staatliche Übergriffe gegen türkischen PEN

In dem seit fast anderthalb Jahrzehnten andauernden skandalösen Gerichtsverfahren gegen die türkische Schriftstellerin, Soziologin und Menschenrechtsaktivistin Pinar Selek ist im November 2012 ein neues, in höchstem Maße besorgniserregendes Kapitel aufgeschlagen worden. Die Aufhebung aller vorangegangenen Entscheidungen durch einen Richter desselben Gerichts, das sie bereits dreimal freigesprochen hatte, sowie die Anordnung, das Verfahren neu aufzurollen, legt die Vermutung nahe, dass für gewisse Kreise innerhalb der türkischen Justiz das Urteil gegen Pinar Selek schon bei ihrer Verhaftung im Sommer 1998 feststand. Das PEN-Zentrum Deutschland befürchtet, dass die Entscheidung, den Prozess in seinem 14. Jahr neu aufzurollen, allein dazu dient, dieses Urteil – lebenslänglich unter verschärften Bedingungen wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung – endlich auch rechtskräftig zu verkünden.

Pinar Selek hat sich nicht nur immer wieder vehement von Gewalt als Mittel zur Erreichung politischer Ziele distanziert, sondern war auch niemals Mitglied einer terroristischen Vereinigung. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen sie sind unbewiesen, weil es nicht den kleinsten Beweis für ein Verschulden ihrerseits gibt. Ja, nicht einmal einen Beweis dafür, dass das, was im Juli 1998 im Istanbuler Gewürzbasar geschah, ein Bombenanschlag, also eine Straftat war. Vielmehr sprechen alle forensischen Beweise dafür, dass es platterdings keine Schuldigen gibt, weil die Explosion, die Tote und Verletzte forderte, ein tragischer Unfall war.

Wir verfolgen dieses Vorgehen des Gerichts im Fall Pinar Selek mit großer Sorge. Lässt es doch ernsthafte Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit der Türkei aufkommen. Zweifel, die dadurch, dass kurdische Schriftsteller und Journalisten, quasi pauschal unter Terrorverdacht gestellt, seit über einem Jahr in Haft  sind, zusätzlich Nahrung erhalten. Auch die Tatsache, dass erst vor wenigen Tagen der Präsident des türkischen PEN-Zentrums Tarik Günersel sowie weitere Vorstandsmitglieder unter dem Verdacht staatsfeindlicher Aktivitäten in die Generalstaatsanwaltschaft  einbestellt wurden, ist nicht dazu angetan, unser Vertrauen in die türkische Justiz zu stärken.

Sollte das Gericht Pinar Selek tatsächlich schuldig sprechen und verurteilen, so wäre dies ein Schlag ins Gesicht all derer, die auf die Rechtsstaatlichkeit der Türkei bauen und für deren baldige Aufnahme in die Europäische Union eintreten.

Für das PEN-Zentrum Deutschland

Christa Schuenke
Vizepräsidentin, Beauftragte für Writers in Exile

Günter Wallraff
Schriftsteller