Aslı Erdoğan

Die türkische Journalistin und Schriftstellerin Aslı Erdoğan. Foto: Bernd Hartung
Aslı Erdoğan (Foto: © Bernd Hartung)

Aslı Erdoğan ist eine türkische Schriftstellerin und Journalistin. Sie war Kolumnistin der Tageszeitung Özgür Gündem und die Istanbuler Polizei verhaftete sie nach dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli 2016 wegen Störung der nationalen Einheit. Ende 2016 wurde Erdoğan unter Auflagen freigelassen. 2017 durfte sie ausreisen und kam nach Deutschland.

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Haus aus Stein

Vielleicht müsste ich mich aufrichten, mich aus dem Brunnen des Gedächtnisses herausziehen, einen Schritt auf die Geschichte zugehen, die auf mich wartet. Sie wartet stumm auf mich, sieht mich aus nur halb geöffneten Augen an. Als blickte sie in einen Spiegel. Um auf sie zugehen zu können, muss ich auf schwarzen Schnee treten.

„Das war mein letztes Blatt. Ich möchte aber noch mehr schreiben.“ (Aus dem Brief eines Häftlings.) Wer ins Gefängnis kommt – oder „fällt“, wie es im Türkischen wörtlich heißt -, hat diesen ersten Wunsch,  und es ist auch der letzte Wunsch des zum Tode Verurteilten: ein Blatt Papier und ein Stift.

 

[…]

 

Jetzt, 2019, hier in Deutschland, der Versuch zu erzählen. Die drei Tage und drei Nächte in einem sechs Quadratmeter großen Käfig, der Durst, der einen wahnsinnig macht, die stinkende Zelle, das Bett mit den Urinflecken, die vom Staatsanwalt geforderte lebenslängliche Strafe, der Gefängnishof, auf den es durch den elektrischen Stacheldraht tropft … Das meiste habe ich eigentlich vergessen. Die Geschehnisse, die Demütigungen, die Namen, die Details … Wer weiß, um welchen Preis ich das alles vergessen habe. (Mein Gedächtnis ist vom vielen Vergessen ganz müde.) Nur ein paar Bilder sind mir geblieben, grobe Skizzen, wie in harten Stein gehauen. Bilder, die ich nicht loswerde, so sehr wie ich mich auch bemühe. Schwarz-weiße, graue, herzfarbene, vorhöllenfarbene Bilder. (Tagsüber mag es mir gelingen, diesen Bildern zu entkommen, doch Nacht für Nacht schicken mich meine Albträume wieder in das „Haus aus Stein“.) Um diese unauslöschlichen Bilder herum wabert nebliger Schein. Ein Ausblitzen, Wassertropfen, Träume und Albträume, ein anschwellender Fluss, ein alles zu Asche klumpender Blitzschlag, eine dichte, unentrinnbare Wolke.

 

[…]

 

Am 16. August wurde ich verhaftet, der Staatsanwalt forderte lebenslänglich. Als ich ins Gefängnis gebracht wurde, war es wohl schon Mitternacht. Wie jedem Häftling wurde mir alles abgenommen, auch mein Schal. Nur in T-Shirt und Hose wurde ich in eine Isolationszelle gesperrt, einen großen leeren Raum, mit mehreren lakenlosen, widerlichen Betten. Nach kaum eine Stunde kam ich in eine andere Zelle.

Später sollte ich erfahren, dass unbestätigten Gefängnisgerüchten zufolge in der Isolationszelle eine wegen Rauschgift verhaftete junge Russin – in der Türkei wird man heutzutage, wenn man an der Grenze mit Rauschgift erwischt wird, in der Regel zu fünfundzwanzig Jahren Haft verurteilt, und das in einem Prozess, der gerade mal fünfundzwanzig Minuten dauert – in ihrer ersten Nacht auf eines jener Betten geklettert war und sich mit ihrem eingeschmuggelten Gürtel erhängt hatte.

 

[…]