Nazli Karabıyıkoğlu


Nazli Karabıyıkoğlu Foto: Max Gödecke

Die Autorin und Aktivistin Nazli Karabıyıkoğlu wurde 1986 in Ankara (Türkei) geboren. Sie hat sich von der politischen und geschlechtsspezifischen Unterdrückung in der Türkei abgekapselt und half bei der Gründung der #MeToo-Bewegung innerhalb der türkischen Verlagsindustrie. Nazli Karabıyıkoğlu ist seit Februar 2021 Stipendiatin des Writers-in-Exile-Programms.

Ausführliche Biographie

Pressestimmen

Texte und Clips von und mit Nazli Karabıyıkoğlu

Vater und die Tekke

Er fürchtete sich wohl. Plötzlich schwoll die Welle an. Vom Felsrand aus griff sie auf seinen Schuh über. Eine Weile wogte es in ihm zwischen lau und schneidend kalt. Die Brandung erfasste sein Haar an den Wurzeln und schlang es ihm ums Handgelenk.  Er fiel hin. Kleiner Kies in der Handfläche, er musste ihn abschütteln. Er stützte sich auf die Hand, erhob sich. Tiefe Furchen in der Haut haben. Die Wolken aufreißen. Geht die Sonne noch nicht unter? Wird der Himmel nicht bald rot? Die Wellen sollen hochschlagen, sollen ihn verschlucken.

Er trat aus der Tekke, dem Rückzugsort des Derwischordens. Auf den Lippen noch der Geschmack des Rocks, an dem er das Gesicht gerieben hatte. Im linken Ohr hallte ihm der gekeuchte Singsang nach, schlimmer als der Schrei aus seinem eigenen Mund. Er hielt sich den Kopf, den er nicht einmal hatte heben können, um sein schönes Gesicht zu betrachten. Wie viele Jahre schon, er ärgerte sich. Sein Knöchel – au – stieß gegen die schiefen, runden Steine des Wegs. Er knickte um. Holte etwas Speichel zwischen den Lippen hervor und tupfte ihn auf die leicht gerötete Stelle. Während sein Blick auf den Vogel fiel, der sich auf dem Dach eines der alten Holzhäuser niedergelassen hatte, spürte er würgenden Ekel beim Gedanken an die Suppe, die von Vaters Bart troff. Er trat auf die Stufe, um an der Tür zu klopfen. Man machte ihm auf. „Schwer, schwer, schwere Zeiten“, stotterte der Vater, an dessen Tisch er sich setzte. Sie beteten. Sie dankten Gott. die Tarhanasuppe tropfte vom Löffel. Die Mütter schauten und waren so geistesgegenwärtig, Brot zu reichen. Sie zogen das Salz unter dem Mund fort, der für das geheiligte Dasein von Sultan Abdülhamid dankte. Obwohl sein Verstand, der aus seinem Mund strömen könnte, schrie, es sei schwer, schwer, schwer zu schlucken, bezwang er seinen Magen. Ungeduldig wartete er auf das Kohlebecken, um die Geschichte fortsetzen zu können, die er auf die Rückseite des wer-weiß-wievielten Dschuz‘ geschrieben hatte, und lehnte den Kopf an die Schulter seiner echten Mutter.
Sie zappelte ein bisschen. Das war unangenehm. Er schielte über das Ende des Löffels, der über das Pilawgericht glitt. Die Körner in Vaters Schnurrbart sprachen: „Sie haben das Gottvertrauen und die Nacht vergessen. Ich habe Druckschriften in die Finger bekommen. Lies sie nicht. Habe einen Blick hinein geworfen. Sie haben wohl vergessen, was für einen mächtigen Schatten der Sultan wirft! Die leben wie in der Wüste, wo die Sonne hoch steht.“
In seinem sechzehnten Lebensjahr hatte er angefangen, in die Tekke zu gehen, um der Schlechtigkeit des Vaters zu entgehen. Sie sagten, er rezitiere viel, rezitiere gut, spreche deutlich, mit guter Melodie. Er war gerettet.
[…]

Aus dem Türkischen von Eva Lacour