Şehbal Şenyurt Arınlı

Şehbal Şenyurt Arınlı, türkische Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und Dokumentarfilmerin, wurde 1962 in Giresun/Türkei geboren. Portraits der Writers-in-Exile-Stipendiaten am 28.4.2018 im Hotelzimmer 250 des Romantikhotel Gebhards im Rahmen der PEN-Jahrestagung 2018 vom 26. bis 29.4.2018 in Göttingen. Foto: Stefanie Silber
Foto: Stefanie Silber

Şehbal Şenyurt Arınlı ist eine türkische Dokumentarfilmerin, Menschenrechtsaktivistin und Journalistin. Als erste Frau hinter der Kamera in ihrem Heimatland engagierte sie sich vor allem für die Rechte von Frauen und Minderheiten. Ihr politisches Engagement und ihre Verbindungen zu kurdischen Medien führten schließlich zu einer Anklage und Inhaftierung. Nur durch einen Zufall kam sie frei und konnte nach Deutschland ausreisen.

 

Leben aus dem Koffer I 

Halbdunkel, Dämmerung. Der Sonnenaufgang zeichnet sich ab. Der Tag vermag nicht durch die dicken, kalten Wände zu dringen, und kommt doch – verzweifelt nach einer Million Jahre routiniert gehegtem Leben. „Welche Tür war es nur?“ dachte sie „Welche Tür?“
Bis zur Unmerklichkeit sich lediglich in Nuancen regend, blieb sie mitten im Eingang fast bewegungslos. War sie schon erwacht aus dem Schlaf, oder verblieb sie im Schlaf und war an einem wer weiß was für einem anderen Ort?  War dies der Moment, Zeiten, Welten volle Tenne im  Fegefeuer des sich mischenden Nichts, der Leere, des All-abwesenden?
Welche Tür? Wohin? Wohin führt diese Reise?
Während des schlimmsten Momentes, im fürchterlichsten Zustand der Vertreibung, des Exils erwachen. Ja, genau während des Erwachens!

[…]

Bei der Flucht diesmal blieb nichts, kein Koffer, keine Tasche. Zweimal verhaftet. Eine passende Anklage wurde gefunden: Mitglied einer staatsfeindlichen Organisation, gar eine von den Führungskadern dieser Organisation zu sein, wurde behauptet.  Doch der Staat war nicht in der Lage, die eigenen Reihen zu ordnen, die eigenen Regeln ließen ihn straucheln. Der Staat konnten kein entsprechendes Dokument fabrizieren oder vorweisen. Alle Abhörprotokolle gaben nur Aufzeichnungen wider von Diskussionen um radikale Demokratie, von Solidarität, einer Gesellschaft mit gegenseitigem Verständnis und davon, in Harmonie mit der Natur zu leben, nicht jedoch von Kampf, Kampf etwa gegen den Staat.

[…]

Also sei´s drum, wieder einmal wurden Koffer gepackt, wieder stand ein Umzug an, erneut Leben aus dem Koffer. Eben wie bis drei Nächte zuvor. Zudem bleibt da sowieso die Frage: In der Heimat, wo war das? Außerhalb der Heimat, wo ist das? Heimat überhaupt, wo? …

Aus: Vom Tagebuch einer Einsiedlerin zum Tagebuch einer Geflüchteten (2017), übersetzt aus dem Türkischen von Dr. Mieste Hotopp-Riecke.