Umar Abdul Nasser


Umar Abdul Nasser ist ein irakischer Dichter und Filmemacher. Er lebte mehr als zwei Jahre lang im Versteck vor IS, bevor er es schaffte, das Land für einen Stipendien-Aufenthalt bei ICORN in Breslau im Jahr 2016 zu verlassen. Die Arbeit von Umar wurde von IS als unvereinbar mit dem islamischen Recht angesehen. Seine Gedichte reflektieren die Themen Frieden und Freiheit. Seit Juli 2019 ist Abdul Nasser Stipendiat des gemeinsamen Stipendienplatzes des PEN-Programms „Writers in Exile“ und des Vereins „Weimar – Stadt der Zuflucht“.

Vogel und Baum

Halb Vogel bin ich,
halb Baum.

Eine Hälfte will Wurzeln schlagen,
die andere fliegen.

Wie vereinbare ich
beide Teile,
gegensätzliche Träume?

Was ist wohl besser?
Bodenhaftung und treue Gefährten ein Leben lang?
Oder der Himmel, der mehr Raum bietet als jeder Freund?

Was ist schöner?
Gleiten durch grenzenlose Weite
ohne Pass
umweht vom Duft der Länder und Blumen
und immer getrennt von den Lieben?

Oder
der Platz am warmen Ofen,
umgeben von Kindern,
Geschichten erzählen und spielen,
die Liebste küssen,
ohne Abschied fürchten zu müssen
und abends die Türen zu verriegeln?

Hast du wirklich weder Reise noch Vertreibung zu befürchten
als Gast auf Erden
jederzeit bedroht vom Verschwinden?

Was ist schöner?
Gelegenheiten zu ergreifen
oder noch größere zu schaffen?

Was ist schöner?
Die ganze Welt als Zuhause
oder das Zuhause als ganze Welt?
Ein Gedanke, der Frage und Antwort fordert.

Halb Vogel, halb Baum,
die Zweige in der Schwebe zwischen
Flügeln und Wurzeln.

Ein Teil schlägt Wurzeln aus Angst,
der andere jagt Illusionen nach.

Halb Vogel, halb Baum,
Was wählst du?
Flügel oder Wurzel?

Jede Wahl zieht Folgen nach.
Jede Wahl
birgt andere Farben und Gefühle.

Halb Vogel, halb Baum,
die Entscheidung bestimmt das weitere Leben,
die falsche Wahl wird teuer bezahlt.

Halb Vogel, halb Baum,
aber auch Mensch.
Irrtum ist Lektion und Brücke.

Aus dem Arabischen von Leila Chammaa