Yassin al-Haj Saleh

Der syrische Schriftsteller und Dissident Yassin al-Haj Saleh. Foto: Maurice Weiss / Ostkreuz
Yassin al-Haj Saleh Foto: Maurice Weiss / Ostkreuz

Yassin Al-Haj Saleh ist ein syrischer Schriftsteller und Regimekritiker, der schon in jungen Jahren die Auswirkungen der diktatorischen Regierung zu spüren bekam: Er saß 16 Jahre im Gefängnis. Nach seiner Entlassung schrieb er und engagierte sich weiterhin für ein demokratisches Syrien. Für die Zukunft ist sein größter Wunsch ein freies Syrien. Ab Dezember 2019 ist Saleh Stipendiat des Writers in Exile-Programms in Berlin.

Assad oder Keiner!

Bis weit in die 2000er Jahre hinein war Syrien für meisten Leute im Westen terra incognita – irgendein Schurkenstaat oder eine der vielen arabischen Diktaturen. Das änderte sich 2011 mit dem Ausbruch des Arabischen Frühlings. Und dennoch sind die Narrative über den Syrienkonflikt, die seitdem ihren Weg in die deutsch- und englischsprachigen Medien gefunden haben, allesamt entweder stark gefiltert oder voreingenommen. Doch ohne ein Mindestmaß an Wissen über die Geschichte Syriens unter Führung der Ba’ath-Partei kann man den Konflikt im Grunde kaum verstehen.

Ein Mangel an Informationen ist aber nicht der einzige Grund für die zahllosen Missverständnisse, die im Westen über Syrien verbreitet werden. Sie kommen auch daher, dass es derzeit eine Tendenz gibt, komplexen Problemen aus dem Wege zu gehen, was damit zu tun hat, dass wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind, um uns mit der erforderlichen Sorgfalt und Genauigkeit mit einem Thema auseinanderzusetzen. Hinzu kommt, dass die Medien oft am liebsten nur die Sensationslust bedienen, und die Diskussion über die wirklich wichtigen Faktoren und deren geschichtlicher Hintergrund dabei zu kurz kommt.

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Die Zivilgesellschaft war jeglicher legitimer Möglichkeiten der unabhängigen Meinungsäußerung beraubt. Bald war das öffentliche Leben von Angst beherrscht und von einem latenten Freund-Feind-Denken. Das syrische Volk hatte keinerlei Einfluss mehr auf das Regime.

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Ohne freie Wahlen oder Militärputsche und nach der Zerschlagung jeglicher Proteste, ganz gleich, ob friedlich oder bewaffnet, war die einzige Aussicht auf Veränderung, die dem syrischen Volk blieb, der Tod ihres Herrschers.

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Übersetzt aus dem Englischen von Christa Schuenke