Writers-in-Exile

[Foto: © Brigitte Corell]

Franziska Sperr [Foto: © Brigitte Corell]

Das Writers-in-Exile Programm des deutschen PEN-Zentrums ist ein Stipendienprogramm für verfolgte Schriftsteller, das von der Bundesregierung finanziert wird. Es ist ein Programm der besonderen Art, denn wir Mitglieder sind mit unseren Stipendiaten, egal woher sie kommen, verbunden durch unseren Beruf. Wir versuchen Kollegen, die in ihren Herkunftsländern verfolgt, malträtiert, eingekerkert, gar gefoltert wurden, in Deutschland Zuflucht zu bieten. Wir wollen sie ein Stück des Weges beim Start in ein neues Leben fern der Heimat begleiten. Die Stipendiaten erhalten für ein, zwei oder höchstens drei Jahre eine möblierte Wohnung, ein monatliches Stipendiengeld, Krankenversicherung, die geflüchteten Kollegen werden beschützt und beraten und sie werden, sobald sie sich von den erlittenen Strapazen in ihrer Heimat halbwegs erholt haben, ermutigt, ihre Arbeit als Schriftsteller fortzusetzen. Und weil Schriftsteller nicht für die Schublade schreiben, sondern für ein Publikum, veranstalten wir Lesungen, organisieren Übersetzungen, bringen sie in Kontakt mit Redakteuren und Verlegern und publizieren ihre Texte in Anthologien. So erscheint im Frühjahr 2017 im S. Fischer Verlag unsere Anthologie Zuflucht in Deutschland. Texte verfolgter Autoren mit Texten vieler der Autorinnen und Autoren.

Wir zetteln Gespräche zum Erfahrungsaustausch mit deutschen Kollegen an, laden die Stipendiaten ein zu Literaturfestivals, wir lassen ihre Texte auf Deutsch vortragen, damit sie sich auch hier ein Publikum schaffen. Je nachdem woher sie kommen, sprechen sie ein wenig Englisch oder Französisch, viele aber weder noch. Also überzeugen wir sie, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen und die Kurse, die uns das Goethe-Institut zur Verfügung stellt, regelmäßig zu besuchen. Sie sollen sich, sobald die drei Jahre um sind, einigermaßen zurecht finden in dem für sie noch immer fremden Land. Für manche ist die Frage, ob sie sich um Asyl hier bemühen sollten oder nicht, eine einschneidende. Fast alle wollen, sobald es daheim ruhiger ist, wieder nach Hause zurück.

Acht Stipendiaten – in dieser von Flucht und Vertreibung Hunderttausender geprägten Zeit! Das klingt nach dem Tropfen auf dem heißen Stein. Doch sind es acht Leben! Alle haben Schreckliches erfahren, alles verlassen, was sie liebten, woran sie gewöhnt waren. Viele befinden sich in desolatem psychischen Zustand und brauchen professionelle Hilfe, damit die quälenden Bilder im Kopf nicht gänzlich die Herrschaft übernehmen.

Dank des großen Netzwerks von ehrenamtlichen Helfern, von Psychologen und Traumatherapeuten, spezialisierten Rechtsanwälten und den Betreuern, die bei den ersten Einkäufen im Supermarkt helfen, kommen wir unserem Ziel, nämlich die äußeren und inneren Schmerzen zu lindern, schrittweise ein wenig näher. Nichts macht uns glücklicher, als zu sehen, dass jemand, der abweisend und verbittert, graugesichtig, misstrauisch und verschlossen hier ankam, irgendwann seine darunter verborgene Persönlichkeit zeigt, wenn die Augen zu funkeln beginnen und sich ein Hauch von Lebensfreude auf das Gesicht legt. Wenn wir das erreichen – und das ist gar nicht mal so selten – sind wir glücklich. Oft haben wir neue Freunde gewonnen, mit denen wir gemeinsam essen, die uns mit ihren Witzen amüsieren, die uns kritisieren, hin und wieder ärgern, weil sie stur sind und manches nicht so machen, wie wir es gerne hätten. Sie bringen uns die Welt ins Haus, lassen uns teilhaben an dem, was uns anfänglich fremd, manchmal unerklärlich ist. Dafür sind wir ihnen dankbar, denn es erweitert unseren Horizont.

 

Franziska Sperr

Vizepräsidentin und
Writers-in-Exile Beauftragte
PEN-Zentrum Deutschland

Sponsoren

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Landeshauptstadt München Kulturreferat

PEN-Vizepräsident und Writers in Exile-Beauftragter Leander Sukov im Gespräch

Leander Sukov Foto: © Stefanie Silber

Seit Mai ist Leander Sukov neuer Writers in Exile-Beauftragter und Vizepräsident des deutschen PEN-Zentrums. Er will sich nicht nur für Verfolgte einsetzen, sondern auch mehr Öffentlichkeit für diese schaffen. Wie Sukov das erreichen möchte und was die Weisheiten seiner Oma mit der Arbeit des PEN zu tun haben, erklärt er im Gespräch. Weiterlesen

Writers-in-Exile Stipendiatin des deutschen PEN mit Preis ausgezeichnet

Yirgalem Fisseha Mebrahtu Foto: Stefanie Silber

PEN Eritrea hat die Dichterin und Journalistin Yirgalem Fisseha Mebrahtu mit dem Preis für die Freiheit des Wortes (Freedom of Expression Award) ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand während des Netzwerktreffens von ICORN (International Cities of Refuge Network) und der Konferenz des internationalen Writers-in-Prison-Committees in Rotterdam statt. Weiterlesen

Zum Tod unserer Writers-in-Exile Stipendiatin Arpita Roychoudhury

Arpita Roychoudhury (Pseudonym), Bloggerin und Aktivistin, wurde 1995 in Bangladesch geboren. Aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit wurde sie als Mitglied einer hinduistischen Minderheit früh mit Diskriminierung konfrontiert. Portraits der Writers-in-Exile-Stipendiaten am 28.4.2018 im Hotelzimmer 250 des Romantikhotel Gebhards im Rahmen der PEN-Jahrestagung 2018 vom 26. bis 29.4.2018 in Göttingen. Foto: Stefanie Silber Foto: Stefanie Silber

Zum Tod der bengalischen Autorin und Bloggerin Arpita Roychoudhury (1995-2018), die seit Dezember 2017 als Stipendiatin in unserem Writers-in-Exile-Programm in Berlin lebte, haben uns viele Zuschriften des Mitgefühls, der Trauer und Solidarität erreicht. Dafür möchten wir uns sehr herzlich bedanken. Auch den um ihre Tochter und Schwester trauernden Familienangehörigen wird es vielleicht ein kleiner Trost sein zu erfahren, wie viele Menschen am Leben dieser tapferen und mutigen jungen Frau Anteil nehmen.

Zugleich bitten wir eindringlich darum, sich etwaiger Spekulationen zu diesem traurigen Todesfall zu enthalten. Die im Internet kursierende Behauptung, es handle sich um einen „religiös motivierten Mord“, entbehrt jeder Grundlage und ist eine Falschmeldung. Weiterlesen