Writers-in-Exile

Das Writers-in-Exile-Programm des deutschen PEN-Zentrums ist gelebte Solidarität mit verfolgten KollegInnen. Es wird aus dem Bundeshaushalt finanziert. Derzeit ermöglicht es zehn Exil-SchriftstellerInnen sicher und frei von existentieller Not in Deutschland zu leben und literarisch zu arbeiten. Zehn, das sind wenige im Hinblick auf die große Zahl weltweit verfolgter Schreibender. Jedes einzelne in die Obhut der Solidarität genommene Leben aber ist unendlich wertvoll.

Die Writers-In-Exile-Stipendiaten 2018/2019  Şehbal Şenyurt Arınlı, Aleksei Bobrovnikov, Fatuma Yimam, Zobaen Sondhi, Sajjad Jahan Fard, Yirgalem Fisseha Mebrahtu und Tomislav Kezharovski (v.l.n.r.) Foto: Stefanie Silber

Knapp sechzig Exil-SchriftstellerInnen seit das Programm begonnen hat. Das klingt nach viel; und doch ist es nur ein Tropfen auf einem glühenden Stein. 59 Leben! 59 mal Schrecken, 59 mal ein Verlassen von allem Vertrauten, von allen Lieben, von den viel gegangenen Straßen; 59 mal ein hilfloses Weggehen, 59 mal Flucht. Wie viele von ihnen brauchten psychologische Hilfe gegen die Bilder im Kopf, die Bilder von Krieg und Mord und Folter, von der Enge der Gefängniszellen und der Weite der zerbombten Städte? Wie viele von ihnen brauchten medizinische Hilfe, weil die Folter ihre Körper, manchmal dauerhaft, verletzt hat.

Die KollegInnen, die wir in das Programm aufnehmen konnten, erhalten für maximal drei Jahre eine möblierte Wohnung, derzeit in Berlin, Nürnberg, Darmstadt, Weimar und München, sowie eine monatliche Zuwendung zur Lebensführung. Sie werden krankenversichert und mit nötigen Arbeitsmitteln ausgestattet.

Wir versuchen, die KollegInnen im Exil mit hier ansässigen AutorInnen in Kontakt zu bringen, mit VerlegerInnen und VeranstalterInnen, auch mit dem Publikum. Die KollegInnen im Exil sind ja zuerst und vor allem SchriftstellerInnen. Nicht nur das Leben im Exil, das sie ohnehin stets umgibt, soll sie kennzeichnen, sondern vor allem ihre literarische Arbeit.

Viele der SchriftstellerInnen haben Schreckliches erlebt. Folter und Demütigung, Inhaftierung und Verarmung, Ausgrenzung und Verfolgung. Manche haben den Tod von FreundInnen und Familienangehörigen erleben müssen. Wir versuchen ihnen mit Hilfe von PsychologInnen, aber auch durch Hilfe in ganz alltäglichen Dingen das Leben zu erleichtern. Persönliche BetreuerInnen, RechtsanwältInnen, ehrenamtliche HelferInnen stehen unseren KollegInnen zur Seite.

Leander Sukov (Foto © Stefanie Silber)

Unsere Mitglieder helfen uns dabei. Vor Ort, in den Regionen und Städten entsteht ein Netzwerk von helfenden Händen. Sie öffnen den StipendiatInnen den Weg zu lokalen Literaturereignissen, regionalen Anthologien, laden sie ein zu Diskussionsrunden und geben ihnen das Gefühl, aufgehoben zu sein zwischen Menschen, die, wie sie, Literatur schaffen.

Viele der hier ansässigen AutorInnen erinnern sich vielleicht an die Geschichte ihrer eigenen Familie: an Flucht und Leid, Verfolgung und Tod. Vor dem geschichtlichen Hintergrund der europäischen Erfahrungen und der deutschen Schuld ist unsere Solidarität auch ein Hinweis auf unseren Willen, uns Hass und Diktatur, Rassismus und der Verfolgung Andersdenkender entgegenzustellen.

Der Boden, auf dem wir stehen, ist dünn. Die Schale von Demokratie, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit ist stets brüchig. Wir alle kämpfen darum, dass nicht auch wir eines Tages wieder fliehen müssen. Die Erinnerung an das Exil der deutschen Literatur in der Nazizeit ermahnt uns zur weltweiten Solidarität.

Leander Sukov
Vizepräsident und Writers-in-Exile Beauftragter

Sponsoren

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Landeshauptstadt München Kulturreferat

Wege in die Freiheit – Lesung zum Nachhören auf Literatur Radio Hörbahn

Aleksei Bobrovnikov, Yirgalem Fisseha Mebrahtu, Jiyar Jahanfard (v.l.n.r.) (© Stefanie Silber)

Writers in Exile des deutschen PEN in der Münchner Villaseidl: Die eritreische Lyrikerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu, der kurdische Schriftsteller Jiyar Jahanfard und der ukrainische Investigativjournalist Aleksei Bobrovnikov lasen unter Moderation von PEN-Präsidiumsmitglied Vera Botterbusch. Weiterlesen

12.10.2020, 19 Uhr – Wege in die Freiheit

Yirgalem Fisseha Mebrahtu und Jiyar Jahanfard (v.l.n.r.) (© Stefanie Silber)

Lesung mit Writers in Exile: die eritreische Lyrikerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu, der kurdische Schriftsteller Jiyar Jahanfard und der ukrainische Investigativjournalist Aleksei Bobrovnikov lesen in der Münchner Villaseidl. Weiterlesen

Kein Lebenszeichen seit 19 Jahren – Videoappell eritreischer Exilautorin für Freilassung von Journalisten in Eritrea

Pressemitteilung, Darmstadt, 17. September 2020. Yirgalem Fisseha Mebrahtu, Writers-in-Exile-Stipendiatin des deutschen PEN, appelliert in einer eindringlichen Videobotschaft an die Weltgemeinschaft, die Lage der Presse- und Meinungsfreiheit in Eritrea nicht länger zu ignorieren. Seitdem am 18. September 2001 alle privaten Medien in ihrer Heimat verboten wurden und kurz darauf eine beispiellose Verfolgung Oppositioneller und Vertreter unabhängiger Medien begann, fehlt von mindestens zwölf Journalisten jedes Lebenszeichen. Weiterlesen