Pinar Selek, Türkei


Pinar Selek

Pinar Selek ist Schriftstellerin, Wissenschaftlerin, Frauenrechtsaktivistin und Mitglied des türkischen PEN.

Strafe (in Abwesenheit verurteilt): lebenslange Haft unter verschärften Bedingungen (36 Jahre Isolationshaft)

Sie wurde am 8. Oktober 1971 in Istanbul geboren, besuchte dort das französische Gymnasium und studierte Soziologie an der Mimar Sinan University. Sie beteiligte sich an der Organisation verschiedener Aktionen der Frauenbewegung und gründete das feministische Netzwerk Amargi, für dessen Magazin sie als Herausgeberin tätig ist. In ihren publizistischen Arbeiten beschäftigt sie sich mit Themen wie der Friedensbewegung, der Ausgrenzung von Minderheiten sowie den Zusammenhängen zwischen Militarismus und der Entwicklung der Geschlechtsidentität.

Im Zusammenhang mit der Arbeit an einer soziologischen Studie zur Kurdenfrage, die gewissen Kreisen in der Türkei ein Dorn im Auge war, wurde sie 1998 zu Unrecht beschuldigt, im Auftrag der PKK einen Bombenanschlag auf einen Basar in Istanbul verübt zu haben. Sie kam für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis und wurde schwer gefoltert. Aus der Untersuchungshaft entlassen, verbrachte sie den größten Teil des über zwölf Jahre dauernden Verfahrens auf freiem Fuß und setzte ihre Arbeit fort. Sie wurde in drei aufeinander folgenden Verfahren freigesprochen. In einem neuen Verfahren wurde Pinar Selek am 24. Januar 2013 in Abwesenheit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe unter verschärften Bedingungen verurteilt.

Hintergrund: 1998 kamen bei einer Explosion auf einem belebten Basar in Istanbul sieben Menschen ums Leben, weitere 127 wurden verletzt. Pinar Selek war unter den Verhafteten und wurde im Juli 1998 mit der Anschuldigung, die Explosion verursacht zu haben, inhaftiert. Im Dezember 2001 wurde in einem Expertengutachten festgestellt, dass es sich bei der Explosion nicht um eine Bombe handelte, sondern um einen tragischen Unfall, der durch ein Leck an einer Gasflasche ausgelöst worden war.

Selek und die anderen Angeklagten wurden nach zweieinhalb Jahren Haft freigelassen. Trotz allem wurde im Dezember 2005 ein neues Gerichtsverfahren eröffnet, das im Juni 2006 wieder eingestellt wurde, da noch immer keine Beweise vorlagen, dass es sich bei der Explosion um eine Bombe gehandelt habe. Dennoch forderte das Berufungsgericht im März 2009 die Revision des Falles und hob den Freispruch auf. Der Fall wurde im Mai 2009 erneut geprüft und Selek wiederum freigesprochen. Das Berufungsgericht legte wiederholt Einspruch ein und übergab den Fall am 9. Februar 2010 zur erneuten Prüfung an das Istanbuler Gericht für schwere Straftaten. Pinar Selek befand sich zu diesem Zeitpunkt als Stipendiatin des Writers-in-Exile-Programms in Deutschland. Im August 2010 wurde Seleks Fall im Europäischen Parlament vorgebracht und die Beitrittsabteilung der EU bestätigte, dass sie von dem Fall wisse und mit der türkischen Regierung darüber sprechen würde.

Ein Haftbeschluss gegen Pinar Selek wurde im Juni 2011 beantragt und im November 2012 ausgestellt, nachdem das Amtsgericht den Freispruch „aufgehoben“ hatte, da der Fall vom Obersten Berufungsgericht zurückgewiesen worden war. Der Staatsanwalt sagte, er sei geschockt von der Entscheidung, den Prozess gegen Selek komplett neu aufzurollen. In der Anhörung am 13. Dezember 2012 legte Seleks Verteidiger gegen die Ernennung des Richters, der den Freispruch aufgehoben hatte, Einspruch ein. Der Einspruch wurde abgelehnt.

Am 24. Januar 2013 wurde Pinar Selek von der 12. Kammer des Istanbuler Gerichts für schwere Straftaten in Abwesenheit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe unter verschärften Bedingungen verurteilt. Aktuell befindet sich Pinar Selek im Exil in Frankreich.

Quellen: PEN International. Writers in Prison Committee. Caselist – Juli bis Dezember 2012. (Übersetzung: Sarah Schmidt), PEN-Zentrum Deutschland.

+++ Update +++ Nach einer Anhörung am 30. April 2014 wurden der Haftbefehl und die ursprünglich verhängte lebenslange Haftstrafe gegen Pinar Selek in einem Gerichtsverfahren am 11. Juni 2014 zunächst aufgehoben. Ein Gericht in Istanbul entschied jedoch,  dass das Verfahren gegen Pinar Selek am 5. Dezember 2014 fortgesetzt wird. Der internationale Haftbefehl gegen Selek wurde dagegen aufgehoben.